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Should I stay or should I go?

Should I stay or should I go?
Nordamerika ist für viele deutsche Nachwuchswissenschaftler weiterhin ein wichtiges Sprungbrett für ihre Karriere. Doch immer mehr von ihnen wollen zurück nach Deutschland
So viel ist sicher: Wenn Alexander Bartelt nicht mit 35 Jahren Professor ist, schaut er sich nach anderen Jobs um. Bis dahin hat er noch fünf Jahre Zeit. Die Frage ist nur: Soll er für dieses Ziel alles daran setzen, in den USA zu bleiben? Oder soll er sich wieder stärker nach Deutschland orientieren? Bartelt arbeitet seit drei Monaten mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Harvard School of Public Health in Boston. Der Biochemiker forscht am Department für Genetik und komplexe Krankheiten an den Ursachen für Übergewicht und Diabetes. Wie jeder Postdoc sucht er in seinem Feld nach einem eigenen Weg. "Mit einer guten Idee kann man es überall versuchen", sagt er. Aber wegen seiner Familie würde er eigentlich am liebsten nach Deutschland zurückkehren, wenn sein Stipendium in zwei Jahren ausläuft. Vor dieser Situation stehen tausende Doktoranden und Postdocs, die in Nordamerika den Sprung in eine Karriere als Wissenschaftler gewagt haben. Viele träumen von einem Lehrstuhl, auf den sie einmal springen werden. Aber der Wettbewerb darum ist hart. Und seit der Finanzkrise sind die Hochschul- und Forschungsbudgets in den USA deutlich gesunken. Gespart wird an jeder Ecke, vor allem beim Personal und auch bei den besonders kostenintensiven Stellen für Lebenszeit-Professuren. In Deutschland ist zwar die Grundfinanzierung der Unis nicht besser als in den USA. Dafür steigen seit Jahren die Forschungsbudgets der außeruniversitären Forschungsorganisationen und die den Unis zur Verfügung stehenden Drittmittel. Etwa über die Exzellenzinitiative, die insgesamt 4,6 Milliarden Euro an die Universitäten bringt. So ist Deutschland für Rückkehrer und für ausländische Forscher ein echter Magnet geworden. Das zeigte im vergangenen Jahr eine Umfrage des German Academic International Network (GAIN), wonach zwei Drittel der deutschen Nachwuchsforscher in Nordamerika gern in ihre Heimat zurückkehren würden (Link zur Umfrage). Das Netzwerk hatte bei seiner ersten Tagung im Jahr 2003 in New York gerade einmal knapp 100 Gäste und musste den Wissenschaftsstandort Deutschland anbieten wie Sauerbier. Jetzt hat GAIN rund 5000 Mitglieder und braucht nicht mehr Klinken putzen zu gehen. "Wir sind für viele Forscher Ansprechpartner bei der Organisation ihrer Rückkehr", sagt GAIN-Netzwerk-Chef Gerrit Rößler. Ende August trafen 300 Nachwuchsforscher in San Francisco auf 150 Vertreter der deutschen Wissenschaft. Es kamen nicht irgendwelche Abgesandte, sondern die Chefs von Wissenschaftsorganisationen und Hochschulen. Sie warben für die Marke "Forschen in D", wie es DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek nannte. Deutschlands Wissenschaftsorganisationen und Hochschulen bemühen sich um mögliche Rückkehrer, die mit viel Geld in Deutschland ausgebildet wurden. Und das könnte sich lohnen. "Der Zeitpunkt, nach Deutschland zurückzukehren, war noch nie so gut wie jetzt", sagte Helmholtz-Präsident Jürgen Mlynek. Die Bedingungen in Deutschland sind attraktiv. Nicht nur für Rückkehrer, sondern auch für ausländische Forscher. Allein in der ersten Runde der Exzellenzinitiative entstanden 6.000 neue Stellen im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Ein Viertel dieser Stellen ging an Forscher aus dem Ausland. Seit 2006 ist der Anteil von ausländischen Forschern bei wissenschaftlichen Mitarbeitern um 53 Prozent, bei den Professoren um 35 Prozent gestiegen. Der Anteil der ausländischen Doktoranden hat sich zwischen 2000 und 2010 auf 15 Prozent erhöht und damit verdoppelt. Doch aus dem individuellen Blickwinkel eines Postdocs wie Alexander Bartelt spielen diese Statistiken keine allzu große Rolle bei der Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren. Ein allgemeiner Trend bietet noch keine persönlichen Perspektiven. Viele Postdocs zögern. Sie sind über die Probleme im deutschen Arbeitsalltag zumeist bestens informiert. Auf der GAIN-Tagung in San Francisco wurde das deutlich. So attraktiv Deutschland derzeit aus Sicht von Politik und Wissenschaftsmanagern sein mag, die Arbeitsbedingungen für Forscher unterhalb der Professur sind oft schwierig: häufig befristete Verträge, hierarchische Strukturen und kein anderer Weg als den zur Professur.. Und selbst für Professoren ist die Dauer von über einem Jahr bei Berufungsverfahren immer noch eine Zumutung. Damit sich das endlich ändert, hat der Deutsche Hochschulverband einen Wettbewerb gestartet und Ende August die RWTH Aachen als erste deutsche Uni für ihre kurzen und transparenten Berufungsverfahren ausgezeichnet. Dass wissenschaftliche Karrierewege in Deutschland einzig in der Professur münden, müsse sich ändern, sagten nahezu alle Vertreter aus Wissenschaft und Politik bei der GAIN-Tagung Ende August. Die große Hoffnung bei den Nachwuchsforschern in den USA liegt derzeit vor allem in den Tenure Track-Professuren, die in Deutschland derzeit gerade an vielen Hochschulen entstehen, während sie in den USA längst nicht mehr die Regel sind. Das spricht sich herum. Allein auf die zehn bis zwölf Open Topic Tenure Track-Stellen der TU Dresden bewarben sich bis Anfang Juli 1350 Forscher aus aller Welt, darunter knapp 30 allein von der Elite-Uni Harvard. Fast alle Bundesländer haben ihre Landeshochschulgesetze für den Tenure Track geöffnet, damit ihre Hochschulen international herausragende Köpfe gewinnen können. Doch das Geld dafür wird nicht ewig da sein. Zudem: "Es gibt zwar viele neue Professoren-Stellen, aber es rücken auch unglaublich viele Nachwuchsforscher nach", sagte Jürgen Mlynek. Alexander Bartelt wird sich für den Wunsch, Professor zu werden, nicht ein halbes Leben lang abmühen. Alles auf eine wissenschaftliche Karriere in Deutschland zu setzen, wäre trotz der guten forschungspolitischen Rahmenbedingungen schlicht fahrlässig. Aber er hat die Heimat auf dem Schirm. Zum Beispiel Berlin. Denn dort sind rund 25 Prozent aller Stellen in der Biomedizin in Deutschland zu finden, wie Thorsten Abs, Geschäftsführer des Stellenportals www.academics.de auf der GAIN-Tagung sagte. Aber auch München hat Bartelt im Blick. Denn das Helmholtz-Zentrum für Gesundheit und Umwelt passt thematisch genau in sein Feld. Vielleicht tun sich in den USA aber auch ganz neue Türen auf. Am Ende entscheidet die Familie, " ... und da spricht vieles für Deutschland", sagt er.
06.09.2013, Hans-Christoph Keller

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26.08.2016