Nationale Forschungskonsortien

Ein Vorbild für Europa?

Bild: DKTK

Das Deutsche Konsortium für translationale Krebsforschung gilt als Erfolgsmodell. Seit 2012 arbeiten Spitzenforscher darin zusammen, um Forschungsergebnisse möglichst schnell zum Patienten zu bringen. In Brüssel diskutieren Wissenschaftler und Politiker nun darüber, ob sich das Modell auf die europäische Ebene übertragen lässt.

Wie sollten Forschungs-Kooperationen auf europäischer Ebene gestaltet werden? Wie können Modelle, die national gut funktionieren, auf europäischer Ebene etabliert werden? Bei der Jahresveranstaltung des Helmholtz-Büros Brüssel diskutieren Vertreter aus Politik und Wissenschaft über diese Fragen am Beispiel der Krebsforschung. Mit auf dem Podium sitzt Wolfgang Hiddemann, Sprecher des Münchener Standorts des  Deutschen Konsortiums für translationale Krebsforschung (DKTK). Wir haben im Vorfeld mit ihm gesprochen.

Herr Prof. Hiddemann: Seit 2012 existiert das DKTK. Kann das Modell als Vorbild für Europa dienen?

Natürlich. Wenn exzellente Forschungseinrichtungen engagiert miteinander kooperieren, wenn Expertise und Anstrengung gebündelt werden, nützt das der Krebsforschung und damit auch den Patienten. Das zeigt die Arbeit des DKTK. Innerhalb Europas gibt es ausgezeichnete Krebsforschung, deren Kompetenzen sicher besser miteinander verbunden werden können, als das bisher der Fall ist. Für die Grundlagenforschung gibt es mit dem "Cancer Core Europe" bereits bestehende Kooperationen. So etwas würde ich mir auch für die klinische Forschung wünschen. Allerdings gibt es auf europäischer Ebene einige organisatorische Herausforderungen, die wir national nicht haben.

Zum Beispiel?

Allein die rechtlichen Standards sind von Land zu Land unterschiedlich. Das beginnt in der Grundlagenforschung mit ethischen Standards, etwa dem Umgang mit embryonalen Stammzellen. Aber auch die Datenschutzbestimmungen sind beispielsweise beim Umgang mit genetischen Analysen unterschiedlich. Die Gesundheitssysteme sind ebenfalls nicht vergleichbar. Nicht zuletzt unterscheiden sich auch die finanziellen Rahmenbedingungen und das Niveau, auf dem sich die Forschung in den verschiedenen Ländern befindet.

Trotz der von Ihnen geschilderten Herausforderungen - halten Sie eine gemeinsam koordinierte europäische Krebsforschung für sinnvoll?

Ja, unbedingt. In absoluten Zahlen nehmen Krebserkrankungen in Europa zu. Das liegt vor allem an der gestiegenen Lebenserwartung der Menschen. Wir haben also ein großes gemeinsames medizinisches Thema. Ganz konkret brächte ein koordiniertes Vorgehen für die Forschung einige Vorteile: Die klinischen Ansätze sind inzwischen sehr differenziert. Wir sprechen heute nicht mehr von "dem Dickdarmkrebs", sondern wissen, dass es viele verschiedene Formen gibt. Um gerade bei seltenen Untergruppen von Tumoren für eine Studie auf ausreichende Fallzahlen zu kommen, kann eine europaweite Vernetzung viel bringen. Außerdem können Blut- und Gewebeproben zentral archiviert und für wissenschaftliche Begleit- und Folgeprojekte genutzt werden. Eine gemeinsame europäische Forschung könnte also den Erkenntnisgewinn vorantreiben und durch die Verzahnung der unterschiedlichen Disziplinen dazu beitragen, dass Forschungsergebnisse schneller in die klinische Entwicklung und Anwendung gelangen.

Wie könnte die Umsetzung konkret aussehen?

Eine Struktur, wie wir sie in Deutschland mit dem DKTK haben, kann auf Europa nicht eins zu eins übertragen werden. Innerhalb Deutschlands ist das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) für die Grundlagenforschung und translationale Forschung herausragend und dient dem DKTK deshalb als Kernzentrum. In Europa gibt es aber mehrere solcher zentralen Institute. Ich könnte mir ein Konsortium vorstellen, bei dem die Finanzströme zentral laufen, die wissenschaftliche Führung allerdings rotiert. Zunächst sollten sich dabei die Länder zusammentun, die eine starke und vergleichbare klinische Forschung betreiben. Aus diesem Kern ließe sich eine Struktur entwickeln, auf der man aufbauen kann. Wichtig wäre außerdem eine von der Industrie möglichst unabhängige Forschung.

Also müssten die europäischen Länder mehr Geld für die Krebsforschung ausgeben?

Mehr Geld ist natürlich immer gut. Allerdings wäre meiner Ansicht nach schon viel gewonnen, wenn man Wissenschaftlern die Arbeit leichter macht. Durch verschiedenste Auflagen der EU haben sich die Ausgaben für eine klinische Studie deutlich erhöht. Reichte das Geld, das die Deutsche Krebshilfe bereitstellt, in der Vergangenheit früher für sieben bis acht Studien, lassen sich mit der gleichen Summe heute gerade einmal zwei Studien finanzieren. Deshalb sind wir auf die Unterstützung der Industrie angewiesen.

Sie sprachen zu Beginn von den Herausforderungen für eine gemeinsame europäische Krebsforschung. Wie lange wird es dauern, um so ein von Ihnen vorgeschlagenes Konsortium zu initiieren?

Da darf man sich keine Illusionen machen. Wenn man das wirklich so entwickeln sollte, dauert das sicherlich Jahre. Am Ende kann man damit aber nur gewinnen.

23.04.2018 , Interview: Christiane Meister
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