Forschungspolitik

„Das sind große Kuchenstücke der Forschungsförderung“

Manfred Prenzel
<b>Rat vom Wissenschaftler</b> Der Bildungsforscher Manfred Prenzel evaluiert Helmholtz. Bild: David Ausserhofer

Vor zehn Jahren wurde die Forschungsfinanzierung der Helmholtz-Gemeinschaft umgestellt: Seitdem läuft ein Wettbewerb um die Mittel. Wie gut er funktioniert, prüft jetzt der Wissenschaftsrat. Ein Gespräch mit seinem Vorsitzenden Manfred Prenzel



Herr Prenzel, als wir Sie um dieses Interview baten, war das in Ihrer Funktion als Vorsitzender der Arbeitsgruppe, die die Helmholtz-Gemeinschaft evaluieren soll. Oder genauer: die Programmorientierte Förderung (POF). In der Zwischenzeit sind Sie auch zum Vorsitzenden des Wissenschaftsrats gewählt worden. Beide Aufgaben zusammen dürften Ihnen ein stressiges zweites Halbjahr bereiten.

Stressig vielleicht. Vor allem aber spannend.

Worum geht es bei Ihrem Auftrag eigentlich wirklich? Sollen Sie nur die POF evaluieren oder am Ende nicht doch Helmholtz insgesamt?

Natürlich ist die POF für die Helmholtz-Gemeinschaft ein Schlüsselthema, weil damit ein großer Teil der Finanzierung gesichert oder zumindest strukturiert wird. Bei der Evaluierung werden wir uns auch ansehen, wie die POF als Teil der Steuerung der Helmholtz-Gemeinschaft insgesamt dazu beiträgt, dass diese ihre Aufgaben im Wissenschaftssystem erfüllt. Insofern kann ich nachvollziehen, dass viele Helmholtz-Mitarbeiter auf unsere Gruppe schauen, womöglich auch ein wenig ängstlich. Doch ich kann Sie beruhigen. Wir werden uns sicher nicht vornehmen, Helmholtz und seine Leistungsfähigkeit als Ganzes zu bewerten, da würden wir uns überheben. Und was die POF angeht, so liegt es doch im Interesse aller Kolleginnen und Kollegen in den Zentren, dass ein solches Verfahren zukunftsorientiert, fair, verlässlich und transparent ist.

Warum aber gerade jetzt? Hat das etwas mit dem Strategiepapier „Helmholtz 2020“ zu tun, das Ende 2012 für hitzige Debatten in der Wissenschaftslandschaft sorgte?

Das sehe ich nicht so. Der Wissenschaftsrat sagt ja nicht: Wir müssen jetzt einer Gemeinschaft, die sich in der Architektenrolle sieht, klar machen, dass es auch Statiker und andere Leute gibt, die bei der Gebäude- und Landschaftsplanung mitwirken. Überhaupt nicht.

Dennoch stehen zurzeit nur die Verfahren bei Helmholtz zur Überprüfung an.

Sicherlich könnte man auch bei anderen Forschungsorganisationen hinschauen ob deren Verfahren geeignet sind. Was Helmholtz vorrangig interessant macht, sind die Summen, um die es geht: Derzeit rund 3,5 Milliarden Euro pro Jahr. Das sind große Kuchenstücke der bundesfinanzierten Forschungsförderung. Hinzu kommt: Es gibt die POF jetzt seit gut zehn Jahren. Nach drei kompletten Durchläufen ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Ist es noch das kritische Verfahren, das wirklich die Zukunftsthemen in die Forschung bringt? Inwieweit gerät die POF in die Gefahr, nur noch sehr einfach und kontinuierlich und stabil Geld zu transferieren? 2015 wird die Helmholtz-Gemeinschaft 20 Jahre alt. Seitdem ist eine Menge geschehen – nicht nur bei Helmholtz, sondern im gesamten Wissenschaftssystem. Man kann da also viele andere Fragen mit anklingen lassen, die mit dem Begriff Evaluation vielleicht falsch bezeichnet sind. In jedem Fall gibt es eine Reihe guter Gründe dafür, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Wissenschaftsrat gebeten hat, Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Programmorientierten Förderung vorzulegen.

Sie sagen, der Begriff Evaluation passe vielleicht nicht hundertprozentig. Bei einer Evaluation würde es vor allem um eine Entscheidung gehen: einstellen oder weiterführen.

Und genau um diese simple Frage geht es erst einmal nicht. Wissenschaftsratsempfehlungen können und sollen in erster Linie helfen, besser zu werden und Verfahren zu optimieren. Natürlich wollen wir auch verstehen, wie sich die POF verändert hat im Laufe der Zeit – und warum. Vor allem interessiert uns die Frage, wie die POF als Förderungs- und Steuerungsinstrument funktioniert. Fest steht, dass die Arbeitsgruppe sehr verantwortungsbewusst mit ihrem Auftrag umgehen wird. Sie wird sicherlich nicht vorschlagen, die POF abzuschaffen, ohne ein besseres Instrument anbieten zu können. Deshalb dürfte es insbesondere um mögliche Weiterentwicklungen gehen.

Der POF oder von Helmholtz?

Der Governance, die beide miteinander verbindet.

Die Programmorientierte Förderung (POF)

Im Jahr 2004 begann die Helmholtz-Gemeinschaft, ihre Forschungsmittel auf zentrenübergreifende Forschungsprogramme zu verteilen, in denen die inzwischen 18 Mitgliedszentren aktiv sind. Die Wissenschaftler der Helmholtz-Zentren haben diese Programme entworfen, die miteinander im Wettbewerb stehen und alle fünf Jahre von hochkarätigen internationalen Gutachtern evaluiert werden. So soll die Helmholtz-Forschung auf die wichtigen Zukunftsthemen ausgerichtet und international konkurrenzfähig bleiben.

Im Grunde sprechen wir bei der POF über ein administriertes Peer-Review-Verfahren: Wissenschaftler evaluieren Wissenschaftler, größtenteils Fachkollegen. ist es an der Zeit, Peer-Review-Verfahren insgesamt zu überdenken?

Ich glaube, die eigentliche Frage ist eine andere. Ist das jeweils gewählte und implementierte Peer-Review-Verfahren geeignet? Die Kosten der POF sind in Relation zu den Summen, über die am Ende entschieden wird, nicht wirklich hoch. Darum stellt sich eher die Frage, ob dieses Peer-Review-Verfahren feinkörnig genug ist. Geht es ausreichend in die Tiefe? Und gibt es auch genug Konsequenzen am Ende?

Was meinen sie konkret?

Wir wollen herausfinden, wie die Einschätzungen der Gutachter in den weiteren Prozess eingehen. Wie werden sie interpretiert, gefiltert? Inwieweit sind sie am Ende tatsächlich ein Bezugssystem für die Finanzierungsentscheidungen, welche Rückwirkungen haben sie auf die Orientierung der Programme? An den Stellen kann man sich, wenn man will, abarbeiten.

Wer sitzt eigentlich in so einer Wissenschaftsrats-AG und trifft die Entscheidungen?

Vor allem gut geerdete und erfahrene Leute. So eine Gruppe versammelt zum einen eine hohe fachliche Expertise, zum anderen sind das Kolleginnen und Kollegen, die internationale Verfahren gut kennen und mit Governancefragen vertraut sind. Persönlichkeiten, die Spitzenpositionen haben in Forschungsorganisationen und Universitäten.

An denen jetzt von allen Seiten gezerrt wird?

Überhaupt nicht. Meine Erfahrung ist, dass die Wissenschaftsszene die Arbeitsgruppen in Ruhe arbeiten lässt. Natürlich kommen von Helmholtz Signale nach dem Motto: Wenn ihr Informationen braucht, sagt es, wir liefern am besten gestern. Das finde ich gut, das verbinde ich aber nicht mit der Idee einer Einflussnahme. Und es gibt in diesem Kontext überhaupt keine Versuche einer informellen Kontaktaufnahme von anderen Wissenschaftsorganisationen.

Wie laufen die Sitzungen der Arbeitsgruppe ab?

Zunächst bekommen wir unendlich viel Hintergrundinformation. Über Helmholtz selbst, über die POF, jede Menge Daten, um uns einen Überblick zu verschaffen. Auf dieser Basis finden dann die ersten Sitzungen statt, in denen wir unsere Fragen formulieren. Daraufhin fordern wir weitere Daten an. Dann gibt es Anhörungen; wir laden Gesprächspartner ein, Helmholtz-Leute, Kooperationspartner, die politische Umgebung. Auch die Geldeber aus Bund und Ländern. Und am Ende verabschieden wir Empfehlungen, die möglichst konkret und konstruktiv sein werden.

Wie oft trifft sich die Gruppe, bis das Ergebnis steht?

Ich schätze, unter fünf Sitzungen von jeweils ein bis zwei Tagen werden wir nicht wegkommen. Das ist schon eine sehr große Unternehmung. Nach jeder Sitzung gibt es ein ausführliches Protokoll, das wir beim nächsten Mal durcharbeiten und schauen: Wo besteht Einvernehmen? Das wird zur Basis dessen, was am Ende im Bericht steht.

Schickt die Arbeitsgruppe Abordnungen in die Zentren?

Möglich ist das, aber sicher werden wir nicht überfallartig auftauchen und auf einzelne Mitarbeiter losgehen. Ob wir nun vor Ort gehen oder nicht, ganz sicher werden uns Personen interessieren, die bei Helmholtz eine Rolle spielen, sei es auf der Zentren- oder auf der Programmsprecher-Ebene. Stichprobenartig, versteht sich.

Erkundigen sie sich auch bei Doktoranden und Postdocs, wie es ihnen bei Helmholtz gefällt?

Ich würde es nicht ausschließen. Wobei schon die Frage ist, was ich davon habe, wenn ich einen Postdoc interviewe. Bekomme ich nicht möglicherweise genauere Informationen, wenn ich bei Helmholtz um Karriereweg-Statistiken bitte? Die könnten für uns vielleicht interessanter sein, als jetzt ein Individuum zwei Stunden lang auszuquetschen.

Wann ist mit Ergebnissen der Arbeitsgruppe zu rechnen?

Ich hoffe, dass wir unsere Empfehlungen im Oktober 2015 vorlegen können.

Vor wenigen Tagen haben sie ihr Amt als Vorsitzender des Wissenschaftsrats angetreten. Worin sehen sie ihre wichtigsten Aufgaben für die kommenden Jahre?

Zunächst geht es für mich darum, das „Erbe“ möglichst gut zu entwickeln. Zum Erbe zählt für mich zum Beispiel das Papier zu den „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“. Hier gilt  es zu sehen, ob und wie die Empfehlungen, etwa die zur Profilierung der Forschungslandschaft oder zur Fortsetzung der Exzellenzinitiative, umgesetzt werden und wie die Entwicklung vorangetrieben werden kann. Die Stärkung der Hochschulen ist und bleibt ein wichtiges Thema. Besondere Aufmerksamkeit möchte ich auf die Situation und die Perspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses richten. Und nicht zuletzt besteht eine Hauptaufgabe darin, bei jeder Gelegenheit verständlich zu machen, welchen zentralen Stellenwert Forschung und Lehre für unsere Gesellschaft haben – nicht nur für die Wirtschaft, sondern für das Wohlergehen aller. Ich fürchte, das wird manchmal vergessen.

Manfred Prenzel, 62, ist seit dem 1. Juli Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Prenzel gehört zu Deutschlands führenden Bildungsforschern und war unter anderem nationaler Projektmanager der Pisastudien 2003 und 2006. an der Technischen Universität München hat er als Gründungsdekan mit der TUM School of Education eine Fakultät für Lehrerbildung aufgebaut, die bundesweit als Vorbild gilt. Prenzel leitet die Wissenschaftsratsarbeitsgruppe zur Evaluation der Programmorientierten Förderung (POF) bei Helmholtz.

31.07.2014 , Das Interview führte Jan-Martin Wiarda
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