Gastkommentar

Auf der Suche nach dem Durchbruch

Sprunginnovationen?! Bild: CC0-BY Jared Sluyter / Unsplash

Deutschland gilt als Land der Innovationen. Doch bauen diese meist auf bestehenden Technologien, Produkten und Dienstleistungen auf. Für die Förderung von sogenannten Sprunginnovationen, die einen ganzen Markt umkrempeln können, sind jedoch gänzlich neue Förderstrukturen gefragt. Ein Kommentar von Martin Stratmann

Jahrzehntelang verdienten Kodak, Agfa oder Fuji viel Geld mit 35-mm-Filmen für Fotoapparate. Im Jahr 2000 war erst jede zehnte verkaufte Kamera eine Digitalkamera. Zehn Jahre später lag ihr Anteil bei fast 100 Prozent. Der Grund dafür war, dass die Bildsensoren im Laufe der Jahre technisch immer leistungsfähiger und gleichzeitig immer günstiger wurden. Das machte sie für den Massenmarkt erschwinglich und attraktiv – und ließ die analoge Fotografie verschwinden, und mit ihr auch Kodak und Agfa. Die Digitalfotografie ist das, was man eine Sprunginnovation nennt: neue Produkte oder Dienstleistungen, die in einer Nische entstehen und dann einen ganzen Markt umkrempeln.

Das deutsche Innovationssystem ist bisher hervorragend aufgestellt, sogenannte erhaltende Innovationen hervorzubringen, die evolutionär auf bestehenden Technologien, Produkten und Dienstleistungen aufbauen. Anders sieht es bei der Entwicklung von disruptiven oder Sprunginnovationen aus. Diese brauchen viel Zeit, denn anfangs sind neue Technologien noch nicht gut genug, insbesondere im Vergleich mit den bestehenden. Sie sind nicht rentabel und werfen noch keine Gewinne ab. Die etablierten Unternehmen scheuen sich daher, ins Risiko zu gehen.

Computer- und Softwaretechnologie, Gesundheitsforschung sowie Biotechnologie sind von wachsender Bedeutung. Hier werden erhebliche Forschungsleistungen an Universitäten und in außeruniversitären Forschungseinrichtungen erbracht. Eine umfassende Kultur des Transfers dieses Wissens in die Anwendung hat sich aber bisher nicht in ausreichendem Maße bilden können. So münden entsprechende Forschungsergebnisse nur selten in völlig neuen Angeboten und Geschäftsmodellen deutscher Unternehmen. Vielmehr sind es häufig ausländische Wettbewerber vor allem aus den USA, die Sprunginnovationen dann auch tatsächlich auf den Markt bringen.

Für die Förderung von Sprunginnovationen braucht Deutschland daher neue, andere Förderstrukturen – orthogonal zu den Prinzipien, die heute vorherrschen. Wir müssen zusätzliche Anreize für die Durchführung neuer, richtungsweisender, wagemutiger Forschungs- und Entwicklungsprojekte setzen, die große Herausforderungen unserer Zeit tangieren und das Potenzial haben, letztlich in völlig neuen Produktkonzepten, technischen Lösungen oder Dienstleistungen zu münden. Innovationswettbewerbe könnten die bestehenden Förderinstrumente durch einen Mechanismus ergänzen, der einige Nachteile aktueller Förderprogramme nicht aufweist. So könnten durch konkrete, ambitioniert angelegte Wettbewerbe Pfadabhängigkeiten durchbrochen, neue Akteure an Innovationsprozessen beteiligt, das breite öffentliche Interesse für gesellschaftlich relevante Innovationen geweckt und die Schaffung neuer Sprunginnovationen gefördert werden. Andere Länder machen es vor: so die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) in den USA oder die Innovationswettbewerbe der National Science Foundation (NSF) sowie in Großbritannien der Industrial Strategy Challenge Fund.

Unsere Idee: eine Agentur für Sprunginnovationen, die außer mit Wettbewerben auch durch das aktive Management konkreter Projekte die besten Lösungsansätze identifiziert. Indem besonders qualifizierte Programmmanager Themengebiete flexibel bearbeiten und direkte Fördermaßnahmen schnell und unbürokratisch beschließen können, werden bestehende Strukturen durchbrochen. Ein Abbruch von Projekten bei nicht erreichten Meilensteinen darf dabei nicht als Misserfolg gelten. Mechanismen der Themenfindung gewährleisten, dass sich die Ziele an bedeutenden gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Herausforderungen orientieren und ambitioniert innovativ sind.

Dieser Gastkommentar ist in der Ausgabe von September 2018 der Helmholtz Perspektiven erschienen.

01.10.2018 , Gastkommentar von Martin Stratmann
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