Fokus@Helmholtz

"Wissenschaft kann Grenzen überwinden"

Bild: Helmholtz / Dagmar Jarek

11.000 Teilnehmer gingen in Berlin am vergangenen Samstag für die Wissenschaft auf die Straße. Beim March for Science zeigten sie Gesicht für Freiheit, Weltoffenheit und faktenbasierte Diskurse. Zwei Tage zuvor diskutierten Experten aus Wissenschaft und Medien in der Reihe Fokus@Helmholtz über die Gefährdung der wissenschaftlichen Freiheit und darüber wie politisch Wissenschaft sein sollte.

“Physische Freiheit, die Förderung kritischer Geister und Geld“, so definierte Bruno Gross, Kaufmännischer Direktor und Vorstand des Goethe-Instituts, in seinem Impulsvortrag zu Beginn der Veranstaltung die Voraussetzungen für wissenschaftliche Freiheit. Zwei Tage vor dem “March for Science“ diskutierten auf Einladung der Helmholtz-Gemeinschaft Vertreter aus Wissenschaft und Medien über ein Thema, das dieser Tage in aller Munde ist. Die Voraussetzungen für freie Wissenschaft sind aus Gross‘ Sicht in Deutschland gegeben und bisher auch nicht in Gefahr. Bedrohlich sei hingegen die Lage in anderen Teilen der Welt – vor allem in der Türkei, den USA und dem Nahen Osten -  wo einige dieser Grundvoraussetzungen in Gefahr seien.

Eine Einschätzung, die alle Diskutanten auf dem Podium teilten und mit  persönlichen Erfahrungsberichten anreicherten. Diese machten deutlich, wie beispielsweise die Einschränkung der Reisefreiheit den Austausch zwischen Wissenschaftlern komplizierter macht. “Wir haben Konferenzen, zu denen in den USA ansässige Wissenschaftler nicht anreisen, weil sie Angst haben nicht zurück in ihr Land zu können“, berichtete beispielsweise Liane G. Benning, Geochemikerin vom Helmholtz-Zentrum Potsdam Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ.

“Was also kann oder muss die Wissenschaft dagegen tun?“, stellte Moderatorin Jennifer Schevardo die Frage, die allen auf der Zunge lag und entfachte damit zunächst eine Diskussion darüber, ob und inwieweit sich Wissenschaftler politisch äußern und aktiv für ihre Werte eintreten sollten. Während sich alle einig waren, dass die Wissenschaft sich äußern darf, muss und kann, gab es durchaus unterschiedliche Ansichten über das “Wie“. Gross etwa bezweifelte, dass markige Sprüche von Seiten der Wissenschaftler ein Erfolgsrezept seien. Dies liege nicht in der Natur und Herangehensweise der Wissenschaft: “Dieses unprätentiöse und zurückhaltende ist natürlich auch eine Stärke, aber im Bereich der Kommunikation kommt es eben manchmal wie eine Schwäche rüber“.

“Normalerweise ist die Wissenschaft wenig politisiert“, stimmte Scholz ihm zu. “Allerdings beobachten wir eine Zunahme, wie beim Science March. Ich glaube, dass das auch eine Reaktion auf die Lage in anderen Ländern ist“.

Doch wie kommt es eigentlich dazu, dass die Wissenschaft in Bedrängnis gerät? Vor allem in einer hochtechnologisierten Welt, die auf wissenschaftlichem Fortschritt aufgebaut ist? Als ein Grundproblem sahen alle Diskutanten einen generellen gesellschaftlichen Vertrauensverlust in die Wissenschaft. Langfristig und wenn man dieser Entwicklung nicht entgegen steuert, könnte dies dazu führen, dass wissenschaftliche Erkenntnis nicht mehr als Basis für politische Entscheidungen zu Rate gezogen werden.   

Auf dem Podium herrschte Einigkeit darüber, dass die Kommunikation – und die Veränderung dieser durch die sozialen Medien und die Digitalisierung - eine der Ursachen für den zunehmenden Vertrauensverlust gegenüber der Wissenschaft sei. “Die Wissenschaft hat auf die neuen und veränderten Kommunikationswege schlicht und ergreifend nicht gut reagiert und ist noch zu wenig mit einer Stimme vertreten“, sagte Gross. Scholz pflichtete ihm aus journalistischer Sicht bei und hob hervor, wie wichtig und schwierig zugleich es doch wäre, die Unsicherheiten wissenschaftlicher Erkenntnisse zu kommunizieren, ohne generelles Misstrauen in die Wissenschaft zu fördern.

“Ich finde es wichtig, dass wir auch mal die Erfolgserlebnisse und gesicherten Erkenntnisse klar herausstellen“, sagte Martin Lohse, Vorstand am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und wies auf viele Dinge hin, die im Alltag ganz selbstverständlich benutzt würden und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. “Da gibt es das Vertrauen dann“.

Überhaupt war Vertrauen für die Experten ein zentraler Begriff, wenn es darum ging wissenschaftliche Freiheit zu sichern Für alle vier Diskutanten stellten Bildung sowie offene und ehrliche Kommunikation zentrale Wege hin zu diesem Vertrauen dar. Benning betonte, dass Wissenschaft lauter werden müsse und man vor allem frühzeitig mit der Vermittlung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Denkweise beginnen müsse. Sowohl sie als auch Lohse berichteten von zahlreichen Projekten, Schüler für die Wissenschaft zu begeistern. Sie hoben dabei die Bedeutung der Wissenschaftskommunikation hervor. “Damit sich das verbessert müssen allerdings innerhalb des Systems auch Anreize da sein. Wer gut kommuniziert, wird in Deutschland noch zu wenig honoriert“, sagte Scholz.

Eine große Diskrepanz gäbe es auch in der Qualität der Kommunikation, die Lohse als vielfach noch zu sehr in Richtung Förderer gerichtet sieht: “Wir müssen zum einen lernen, die Dinge einfach zu erklären und zum anderen müssen wir Wissenschaftskommunikation und institutionelles Marketing dringend voneinander trennen um glaubwürdig zu bleiben“.

Nur durch verstärkten und gezielten Outreach und ein stärkeres Engagement in den Schulen könne die größer werdende Lücke zwischen der wissenschaftlichen Community und der Gesellschaft geschlossen werden. “Allerdings müssen wir auch berücksichtigen, dass nicht jeder von uns dazu gleich gut geeignet ist und wir können auch nicht alle dazu zwingen“, sagte Lohse. “Aber als Institution müssen wir diese Punkte leisten und uns in diesem Bereich verbessern, um die Deutungshoheit zurückzugewinnen“.

Einflussnahme auf die Wissenschaft erfolgt laut Gross in Deutschland dort, wo sie richtig ist, “Innerhalb von Projekten herrscht hierzulande große Freiheit, es werden keine Ergebnisse in einer bestimmten Richtung verlangt und eine Einflussnahme im Sinne von Fördermaßnahmen um die man sich bewirbt, ist ja sinnvoll“. So könne Deutschland mit den richtigen Maßnahmen die Bedrohung der Freiheit auch künftig vermeiden. Dem stimmten auch die drei anderen Experten zu. “Und Wissenschaft hat auch die Fähigkeit Grenzen zu überwinden und Verbindungen über Konflikte hinweg zu schaffen“, betonte Lohse, der den Science March am Samstag als ersten Schritt in die richtige Richtung sieht. Er betonte, dass die Wissenschaft durch solche Aktivitäten auch eine Chance habe stärker in den Dialog zu treten. 

Impressionen vom "March for Science"

Stimmen der Diskutanten

21.04.2017, Rebecca Winkels
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