March for Science

„Wissenschaft ist international“

Professor Otmar D. Wiestler - Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Foto: Steffen Jänicke/Helmholtz-Gemeinschaft

Am 22. April gehen Wissenschaftler an vielen Orten der Welt auf die Straße. Im Interview erklärt Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler, warum er die Bewegung unterstützt.

Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler positionieren sich politisch. Ist das aus Ihrer Sicht eine gute Entwicklung?

Es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft, sich in tagespolitische Debatten einzumischen. Wir Wissenschaftler sollten aber dann unsere Stimme erheben, wenn die Freiheit der Wissenschaft in Frage gestellt wird. Sie ist ein hohes Gut, für das wir uns auch aktiv einsetzen sollten. Die Wissenschaft spielt in modernen Gesellschaften eine entscheidende Rolle. Sie liefert die Fakten und Ergebnisse, auf denen unser Wohlstand basiert und die für Politik und Gesellschaft die Grundlage darstellt, auf der Entscheidungen getroffen werden können. Auch diese Rolle der Wissenschaft ist wichtig und wenn sie in Frage gestellt wird, sollten wir als Wissenschaftler uns einmischen und unseren Standpunkt klar vertreten. Wir sollten uns außerdem auch stärker darum bemühen, wissenschaftliche Inhalte der Öffentlichkeit in verständlicher Form zu vermitteln. Für die Helmholtz-Gemeinschaft ist Wissenstransfer ein wichtiger Teil ihrer Mission.

Wo ist die Freiheit der Wissenschaft besonders bedroht?

Forschung agiert in einem internationalen Rahmen. Um die immer komplexeren Fragestellungen unserer Zeit zu beantworten, müssen die besten Forscher auf einem Gebiet zusammenarbeiten, unabhängig davon, wo sie ihre Wurzeln haben und wo sie tätig sind. Alles, was den Austausch über Grenzen hinweg behindert, schadet der Wissenschaft. Deshalb hat sich die Allianz der Wissenschaftsorganisationen auch klar gegen das Einreiseverbot von US-Präsident Trump positioniert. Auch die Aussagen zum Klimawandel und anderen Wissenschaftsthemen irritieren uns sehr. Noch viel mehr als die Situation in den USA beunruhigt uns allerdings die Lage in der Türkei, wo Wissenschaftler aufgrund ihrer Forschung ihre Tätigkeit verlieren und im Gefängnis landen. Auch hier hat die Allianz klar Stellung bezogen.

Was kann die Wissenschaft noch tun?

Wissenschaft kann in politisch schwierigen Zeiten ein verbindendes Element bleiben. Wir sehen das am Beispiel Russland, wo wir trotz aller Entwicklungen der vergangenen Jahre weiter aktiv geblieben sind. Gerade in politisch schwierigen Zeiten, in denen es Sanktionen gibt, wäre es ein falsches Signal, wenn auch noch die wissenschaftliche Zusammenarbeit zum Erliegen käme. 

Wissenschaftler in den USA wollen am 22. April mit einem „March for Science“ demonstrieren, auch in Deutschland sind mehrere solche Veranstaltungen geplant. Lässt sich damit aus Ihrer Sicht etwas bewirken?

Es ist ein wichtiges Signal. Die Anliegen der Wissenschaft werden durch eine solche Aktion auch in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen. Ein Event reicht jedoch nicht aus. Es ist wichtig, sich auf verschiedenen Ebenen und nachhaltig für die Freiheit der Wissenschaft zu engagieren. Wir unterstützen den March for Science. Ich freue mich, wenn viele Wissenschaftler – auch aus der Helmholtz-Gemeinschaft - an den Veranstaltungen am 22. April teilnehmen. 

In welcher Detailtiefe darf die Politik das wissenschaftliche Programm bestimmen?

Die Wissenschaft muss auf Freiheit und Kreativität bauen. Die Geschichte ist voller Beispiele von großen Entdeckungen, die so nicht geplant waren. Jeder Wissenschaftler kennt das. Der Politik kommt die wichtige Aufgabe zu, adäquate Rahmenbedingungen und Förderprioritäten festzulegen, welche hohe Flexibilität erlauben und kreative Forschung nachhaltig unterstützen.

Sie waren selbst lange im Ausland, wie hat das ihre Karriere beeinflusst? 

Unsere langjährigen Aufenthalte in den USA und der Schweiz waren für mich ganz entscheidende Erfahrungen. Kontakte, die man bei Forschungsaufenthalten im Ausland knüpft, bleiben ein Leben lang erhalten. Wir bei Helmholtz stärken den internationalen Austausch, indem wir unsere jungen Wissenschaftler zu Auslandsaufenthalten anhalten und Talente aus dem Ausland rekrutieren, um bei uns in Deutschland zu forschen. Die USA sind dabei immer noch das häufigste Ziel unserer talentierten Nachwuchswissenschaftler.

In Deutschland wird in diesem Jahr ebenfalls gewählt, gibt es ein Szenario indem Sie hierzulande die wissenschaftliche Freiheit bedroht sehen?

Das sehe ich nicht. In Deutschland erleben wir seit vielen Jahren eine wahrlich bemerkenswerte Unterstützung für Forschung, Entwicklung und Innovation. Parteien, die die Freiheit der Wissenschaft anzweifeln, den internationalen Austausch zwischen Wissenschaftlern einschränken wollen oder wissenschaftliche Fakten leugnen, spielen bei uns keine große Rolle. Das ist zumindest der heutige Stand. Die meisten der im Deutschen Bundestag vertretenden Parteien haben sich in ihren Wahlprogrammen klar dazu bekannt, weiter in Bildung und Wissenschaft zu investieren. Das freut uns sehr.

Ist das Vertrauen der Menschen in Forschung groß genug?

Ich denke ja. Ob Klimawandel, Energiewende, Datensicherheit oder die großen Volkskrankheiten. Nur durch Forschung und Wissenschaft sind wir in der Lage, die großen Herausforderungen, die sich uns heute stellen zu bewältigen. Ich bin mir sicher, dass sich diese Erkenntnis in einer aufgeklärten Gesellschaft weiter durchsetzen wird. Wichtig ist dabei natürlich der Dialog der Wissenschaft in die Gesellschaft hinein. Hier können wir noch mehr leisten. Auch vor diesem Hintergrund haben Veranstaltungen wie der Science March eine große Bedeutung.

Allianz der Wissenschaftsorganisationen unterstützt den "March for Science" (Stellungnahme der Allianz)

Resonator-Podcast zum "March for Science"

Website Science March Germany

15.04.2017, Interview: Martin Trinkaus
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