Portrait

„Wir studierten bei Kerzenlicht“

Khaled Alomari vor der Testanlage für die supraleitenden Kavitäten am HZB. Bild: A. Rötger

Ins ferne Deutschland zu gehen, war für den syrischen Ingenieur Khaled Alomari ein Kindheitstraum. Sein Vater hatte ihm von der guten Ausbildung für Ingenieure erzählt. Während seines Studiums in Damaskus begann der Krieg in seiner Heimat. Jetzt ist er tatsächlich in Deutschland – als Techniker in der Beschleunigerphysik am Helmholtz-Zentrum Berlin.

Eigentlich hatte es ohnehin zu seinem Plan gehört, nach Deutschland zu kommen. Nur nicht als Flüchtling, sondern für ein Aufbaustudium. Und eigentlich hat das perfekt geklappt, trotz des Kriegs in Syrien, trotz der Flucht aus Aleppo sofort nach den letzten Prüfungen. Heute arbeitet Khaled Alomari als Techniker am Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB) und treibt parallel ein Masterstudium der Mechatronik an der Universität Siegen voran. Er spricht perfekt Englisch und bereits gut Deutsch und findet es faszinierend, in einem Team mit Physikern an neuen Technologien für Beschleuniger zu arbeiten.

Khaled Alomari kommt ursprünglich aus Damaskus, in seiner Familie gibt es viele Ingenieure. Sein Vater, der beruflich früher einmal in Deutschland zu tun hatte, erzählte dem technikbegeisterten Jungen von der guten Ausbildung für Ingenieure in Deutschland. Khaled nahm sich fest vor, irgendwann nach Deutschland zu gehen, um sich dort weiter zu qualifizieren. Das war Plan A.

Nicht geplant war der Krieg. Khaled studierte Mechatronik, und zwar in Aleppo. "In 2013 war die Situation schon sehr schwierig", sagt er. Was das bedeutet? Die Stromversorgung war unterbrochen, fließend Wasser gab es auch nicht mehr, und selbst Nahrungsmittel einzukaufen war gefährlich. "Wir studierten bei Kerzenlicht", sagt er nur nüchtern. Aber er wollte nicht ohne Zeugnis fliehen. Er zog das letzte Studienjahr in nur fünf Monaten durch, absolvierte alle Diplom-Prüfungen in kürzester Zeit. Und machte einen Plan B: Erst einmal raus aus dem Land und Geld verdienen. Ein Unternehmen in Dubai wollte den frischgebackenen Ingenieur einstellen. Kaum hatte er die letzten Prüfungen geschafft, reiste er über den Libanon in die Türkei nach Istanbul und sprach in der Botschaft von Dubai vor, denn nur noch das Visum fehlte. Doch das war der Knackpunkt: Acht Monate lang wartete er, reichte Unterlagen ein und weitere Unterlagen, aber ein Einreisevisum erhielt er nicht. Schließlich verlor die Firma die Geduld und löste den Arbeitsvertrag auf. "Ich hatte mich in dieser Zeit mit der Wartung von Computern und IT-Dienstleistungen über Wasser gehalten", erzählt Khaled, "aber dann beschloss ich, doch gleich nach Deutschland zu gehen."

Zurück zu Plan A: In Istanbul fand er eine deutsche Sprachschule und beantragte bei der deutschen Botschaft ein Studentenvisum. Das klappte innerhalb von nur drei Wochen. Die Zimmersuche über das Internet dauerte etwas länger, aber im Dezember 2014 kam er in Berlin an.

Er schrieb sich für den Masterstudiengang in Mechatronik an der Universität Siegen ein, der in englischer Sprache stattfindet. Der erste Kontakt mit dem HZB kam über die Agentur für Arbeit zustande. "Ich hatte auf dem Youtube-Kanal des Goetheinstituts nach Informationen über die deutsche Gesellschaft gesucht und dabei erfahren, dass die Agentur für Arbeit helfen kann", erzählt Khaled. Gleich machte er einen Termin aus. In der Zwischenzeit hatte er auch das Zertifikat über seinen Diplomabschluss in Mechatronik übersetzen und anerkennen lassen. Die Agentur für Arbeit wies ihn auf die offene Stelle als Techniker am HZB hin.

Dort machte er zunächst ein sechswöchiges Praktikum. Er arbeitete in einem Team, das zentrale Komponenten für zwei der wichtigsten Zukunftsprojekte am HZB entwickelt: bERLinPro, einen Beschleuniger mit Energierückgewinnung, und BESSY VSR, ein Upgrade von BESSY II, dem Elektronenspeicherring für Sychrotronstrahlung am HZB. Seine erste Aufgabe war es, ein Temperaturmesssystem anzupassen und in Betrieb zu nehmen. Damit lässt sich die Wärmeverteilung auf den supraleitenden Kavitäten kartieren, die auf Temperaturen unterhalb von 4 Grad Kelvin (minus 269 Grad Celsius) abgekühlt werden müssen. "Ich habe alles gründlich überprüft und dann zum Laufen gebracht", berichtet Khaled. Im Anschluss bot ihm das HZB einen Arbeitsvertrag als Techniker an, er passte gut ins Team, nicht nur mit seinen Kenntnissen, sondern auch mit seiner Art. "Meine Kollegen sind zu Freunden geworden", sagt er.

Inzwischen ist auch seine Frau aus Syrien nach Berlin gekommen. Sie studiert Informatik im Masterstudiengang an der TU Berlin. Khaled unterstützt mit seinem Wissen nun auch andere syrische Studierende, die noch einen passenden Studienplatz suchen oder Hilfe benötigen. "Die Bürokratie hat mich nicht abgeschreckt, ich finde es normal, dass es Formulare gibt, darauf konnte ich mich einstellen."

Was wirklich neu für ihn war, ist das physikalische Denken. "Ich sehe die technischen Probleme und suche nach pragmatischen Lösungen, aber meine Kolleginnen und Kollegen aus der Physik denken oft aus einer anderen Perspektive, wollen wissen, warum etwas so ist" In Syrien dagegen gab es kaum Grundlagenforschung. "Hier lerne ich, über Wissenschaft nachzudenken. Wie kann ich aus Beobachtungen zuverlässiges Wissen generieren und die Wirklichkeit verstehen?" Das ist ein neues, aufregendes Feld.

Flüchtlingsinitiative der Helmholtz-Gemeinschaft

Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit hat die Helmholtz-Gemeinschaft eine Initiative gestartet: Sie bietet Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, einen Einstieg in eine wissenschaftliche oder wissenschaftsnahe Beschäftigung. Die Helmholtz-Gemeinschaft kommt damit ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung nach und eröffnet talentierten Menschen eine berufliche Perspektive. In dieser Serie wollen wir Ihnen eine kleine Auswahl der Menschen vorstellen, die auf diesem Weg zu einem Helmholtz-Zentrum gekommen sind.

Informationen zur Flüchtlingsinitiative

10.02.2017, Antonia Rötger
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