Portrait

„Wir brauchen einen langen Atem"

Foto: Sebastian Wiedling/UFZ

Wie können wir schonend mit Umweltressourcen wie Wasser, fossilen Brennstoffen oder Holz umgehen? Wie die Energiewende schaffen? Wie ein roter Faden ziehen sich diese Fragen durch die tägliche Arbeit von Erik Gawel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

Für Erik Gawel ist das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) ein idealer Ort. Nicht nur weil es auf dem Gelände des Wissenschaftsparks Leipzig mit seinen wild wachsenden Büschen und Gräsern rings um einen Löschteich selbst wie ein idyllisches Biotop wirkt. Sondern vor allem weil hier Wissenschaftler aus  verschiedenen Disziplinen – in sieben Fachbereichen und 37 Departments – zentralen Forschungsfragen und Projekten gemeinsam nachgehen.

Wie können wir schonend und verschwendungsfrei mit Umweltressourcen wie Wasser, fossilen Brennstoffen oder Holz umgehen? Wie die Energiewende schaffen? Welche Regeln sind in der Gesellschaft dafür nötig? Und welche Innovationen sind gesellschaftlich sinnvoll? Wie ein roter Faden ziehen sich diese Fragen durch die tägliche Arbeit des Umweltökonomen Erik Gawel. Es ist noch gar nicht so lange her, da galten Kritiker des ungehemmten Wirtschaftswachstums auf Kosten der Ökosysteme als Exoten und Romantiker. Erik Gawel kann sich noch gut an diese Zeit in den 1970er und 1980er Jahren erinnern. „Es ist spannend zu beobachten, wie sich unser Umgang mit den Ressourcen der Natur vom Nischenthema zu einem zentralen und sehr interdisziplinären Forschungsfeld entwickelt hat", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. „Das Thema beschäftigt heute Biologen, Chemiker und Wirtschaftswissenschaftler ebenso wie Ingenieure, Soziologen und Juristen.“

Gawel hat dieses Zusammenspiel verschiedener Disziplinen bei der Lösung ökonomischer und gesellschaftlicher Fragen schon immer gereizt. „Das ist sicherlich der wichtigste Grund, warum ich mich für ein Studium der breit aufgestellten Volkswirtschaftslehre und die anschließende Spezialisierung auf Umweltökonomie entschieden habe“, sagt der 53-Jährige. Sein VWL-Studium an der Universität Köln war ganz offensichtlich eine gute Entscheidung, denn es hat letztendlich dazu beigetragen, dass Gawel seit 2014 das Department Ökonomie am UFZ leitet. Am Zentrum selbst arbeitet der Forscher schon seit 2008. Ebenso lange hat er parallel an der Universität Leipzig die Professur für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Institutionenökonomische Umweltforschung inne. „Eine ideale Verschränkung von Forschung und Lehre“, betont Gawel. Und: „Eine Besonderheit innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft ist, dass am UFZ nicht nur Natur- und Ingenieurwissenschaften, sondern auch Sozialwissenschaftler wie ich vertreten sind. Das ist eine wichtige Facette für die Umweltforschung – denn es geht dabei ja in besonderem Maße um den Menschen als Urheber von Umweltproblemen und deren Folgen für die Gesellschaft.“

Die Schwierigkeit sei, Menschen dazu zu bringen, sich freiwillig umweltfreundlich zu verhalten. „Das funktioniert nur bedingt, denn dabei kommt der natürliche Eigennutz in die Quere. Deshalb untersuche ich, wie Rahmenbedingungen so geändert werden können, dass der Eigennutz des Menschen für die Natur ‚arbeiten‘ kann“, erläutert Gawel. Beispiele dafür seien die Ökosteuer oder der Emissionshandel.

„Die Grenzen des ökonomischen Wachstums, wie sie der Club of Rome in den 1970er Jahren bereits formuliert hat, sind so nicht eingetreten. Es stellt sich also zwingend die Frage: Wie kann man eigentlich solche Vorhersagen, solche Zusammenhänge zwischen Mensch und Natur wissenschaftlich solide darstellen?“, beschreibt Erik Gawel seine Motivation als Forscher.

Derzeit bringt er sein Expertenwissen in verschiedene große Forschungsvorhaben ein. Etwa in das Spitzencluster „Bioeconomy“ des Bundesforschungsministeriums – eine Zusammenarbeit der Industrie mit verschiedenen Forschungsinstituten. Gawel und rund ein Dutzend weiterer UFZ-Wissenschaftler, darunter Ingenieure und Juristen, haben die Begleitforschung übernommen. Ziel dieses Think Tanks ist es zu untersuchen, wie tragfähige innovative Strukturen für die Nutzung von Holz geschaffen werden können, die nachhaltiges Wirtschaften ermöglicht. Wirtschaftliche, technologische und rechtliche Möglichkeiten werden von den Forschern abgeklopft. Für Gawel ist das ein hochspannendes Gebiet: „Das geht weit über die klassische Verwendung von Holz als Bau- oder Brennstoff hinaus: Etwa, wie aus verschiedenen Bestandteilen des Holzes völlig neue Nutzungsmöglichkeiten entstehen – zum Beispiel als Erdölersatz in der chemischen Industrie.“ Eine zentrale volkswirtschaftliche Frage ist dabei, wie Anreize für eine solche stoffliche Nutzung geschaffen werden können – bevor der Rest energetisch als Brennholz verwertet wird.

Eines der vielen weiteren Projekte, an denen er mitwirkt, ist die Helmholtz-Allianz „Energy-Trans“: ein zeitlich begrenzter Verbund aus mehreren Helmholtz-Zentren, Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen. Die Wissenschaftler beschäftigen sich darin mit den Folgen der Energiewende. Gawel sagt: „Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass man die Energiewende heute als Investition in ein nachhaltiges Morgen verstehen muss: Sie kostet im Augenblick mehr, als sie einbringt. Denn zunächst müssen neue Infrastrukturen für die flächendeckende Versorgung mit Energie aus Wind und Sonne geschaffen wer-den.“ Erst auf längere Sicht könnten damit zuverlässig Kosten gespart werden: „Wenn wir es also ernst meinen mit der Energiewende, brauchen wir einen langen Atem."

07.09.2016, Mareike Knoke
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