Social Bots

Wahlkampf mit Algorithmen

Bild: Franziska Roeder, Freepik, Gongtong Kittiyantakarn / Shutterstock

Welche Bedeutung haben Social Bots wirklich in Wahlkämpfen? Wurde ihr Einfluss doch überschätzt? Ein Überblick.

Mit Leidenschaft spielt US-Präsident Donald Trump auf der Klaviatur des sozialen Netzwerks Twitter. Hier kann er ungefiltert verkünden, was ihn gerade beschäftigt:

– das schrieb er Mitte Februar, es ist nur ein Beispiel dafür, wie er auf kurze und prägnante Weise austeilt. Im Wahlkampf hat er damit begonnen, sich mit seinen Botschaften direkt an die potenziellen Wähler zu richten, und jetzt nach seiner Amtsübernahme macht er damit weiter. Die Frage, welche Rolle die Sozialen Medien bei Wahlen spielen, interessiert nun auch mehr und mehr die Wissenschaft. In Europa vermuten Kommentatoren oft, dass sich gerade junge Wähler durch Soziale Medien beeinflussen lassen. Tatsächlich setzen viele Kampagnen-Manager professionelle Teams ein, um die Social Media-Kanäle zu bespielen – genauso wie große Unternehmen, für deren Öffentlichkeitsarbeit die Sozialen Medien eine immer größere Rolle spielen. Wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema sind allerdings noch rar.

Den Sozialen Medien könne hierzulande als „Zünglein an der Waage“ Bedeutung zukommen.

„Die Studie, die schlüssig die Effekte der Beeinflussung durch Social Media erklärt, kenne ich nicht“, sagt Christoph Bieber von der Universität Duisburg-Essen. Der Politikwissenschaftler beschäftigte sich unter anderem mit der Piratenpartei und setzt sich derzeit mit dem vergangenen Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen auseinander. Es gebe in der Wahlforschung Modelle, so Bieber, die versuchten, Wahlentscheidungen nachzuvollziehen – etwa den Kausalitätstrichter. Hier fänden diverse Faktoren Berücksichtigung, die einen Wähler beeinflussen: Beispielsweise soziale Lagerung und Milieu, peer groups und Parteien-identifikation. Der Aspekt Social Media spiele da als ein Faktor von vielen hinein. Der Wahlkampf in den USA habe die politischen Parteien hierzulande elektrisiert und für die Debatte sensibilisiert, meint Bieber. Die Situation sei bei uns nicht so brisant wie in den stark polarisierten USA, was nicht zuletzt an dem dort herrschenden Mehrheitswahlrecht gegenüber dem hiesigen Verhältniswahlrecht läge. Social Media könne hierzulande allerdings als „Zünglein an der Waage“ Bedeutung zukommen, wenn es um eine knappe Entscheidung geht, etwa ob eine Partei die Fünf-Prozent-Hürde schafft.

In den USA kommen Wissenschaftler der Stanford University zum Schluss, dass Soziale Medien bei der Wahlentscheidung gemeinsam mit Radio und Zeitungen nur einer von vielen Faktoren waren. Das Fernsehen hingegen sei für den Ausgang der Wahl medial mit deutlichem Abstand am bedeutendsten gewesen. Der „Digital News Report 2016“ des „Reuters Institute for the Studys of Journalism“ aus diesem Frühjahr legt nah, dass es sich hierzulande ähnlich verhalten dürfte: Das Fernsehen ist für die Hälfte der befragten deutschen Internetznutzer die bedeutendste Nachrichtenquelle. Ein Viertel nannten das Internet als wichtigste Quelle. Der Report zeigt aber auch, dass es in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen anders aussieht: Dort spielen Soziale Medien eine weitaus größere Rolle.

Ein Thema, das in Zusammenhang mit Wahlen immer wieder diskutiert wird, sind die sogenannten Social Bots – Bot ist eine Kurzform von Roboter. Sie können automatisiert Beiträge in den Sozialen Medien veröffentlichen, ohne dass die Nutzer erkennen, dass sie es nicht mit einem Menschen zu tun haben. Sie reagieren meistens auf Stichworte, etwa wenn jemand das Wort „Flüchtlinge“ bei Facebook oder Twitter veröffentlicht. Die Bots können dann vorgefertigte Kommentare abgeben oder Links auf bestimmte Artikel und Internetseiten verbreiten. Beobachter befürchten, dass solche Social Bots wichtige Debatten regelrecht fluten. Es kursieren zwar unterschiedliche Schätzungen dazu, wie viele Konten in sozialen Netzwerken künstlich sind; ein Anteil von zehn bis 30 Prozent aber gilt als wahrscheinlich.

Das Büro für Technik-Folgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) veröffentlichte zu Beginn des Jahres ein Papier zu den Social Bots. Mit 25 Experten hatte das TAB dafür gesprochen. Sonja R. Kind war bei der ausführenden Agentur, der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH, für diese Interviews zuständig. Es sei schwierig gewesen, Wirtschaftsvertreter dafür zu gewinnen, erinnert sie sich: Auf Anfragen hätten Amazon, Microsoft, Facebook und Twitter nur schriftlich oder gar nicht geantwortet. Dagegen hätten Medienvertreter, Wissenschaftler, Social Media-Beauftragte der Parteien, aber auch das Bundeskriminalamt sowie der Chaos Computer Club (CCC) bereitwillig zugesagt. „Dass Social Bots nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Auswirkungen mit Blick auf Börsenkurse haben könnten, beispielsweise durch Kundenbeeinflussung, war für mich eine neue Erkenntnis“, sagt Kind.

„Es scheint mir, als würde bei der Debatte um Social Bots nach schnellen Erklärungen für komplexe Zusammenhänge gesucht.“

„Ich halte die Aufregung um Social Bots in Politik und Medien für etwas übertrieben“, urteilt hingegen Politikberater Martin Fuchs: „Es scheint mir, als würde bei der Debatte um Social Bots nach schnellen Erklärungen für komplexe Zusammenhänge gesucht.“ Automatisierte Verfahren könnten durchaus auch hilfreich sein, sagt er – etwa als Assistenzsysteme. So könnten Parteien automatisch auf ihre Positionen hinweisen oder auf Fragen reagieren. Solange deutlich gekennzeichnet sei, dass es sich um Äußerungen von Automaten handelt, sei das kein Problem. Doch derzeit seien Social Bots so verpönt, dass die etablierten Parteien den Einsatz im Wahlkampf kategorisch ausgeschlossen hätten. In zwei, drei Jahren könne das anders sein, sagt Martin Fuchs.

Dass es Versuche geben werde, den Bundestagswahlkampf per Sozialer Medien zu beeinflussen, hält er für wahrscheinlich. Jedoch verweist er auf die Feststellung des TAB-Papiers: „Die tatsächlichen Effekte der Social Bots auf die politische Meinungsbildung und wirtschaftliche Prozesse beruhen überwiegend noch auf Annahmen, weil keine der bisherigen Studien einen gesicherten Nachweis der Wirkungen und Effekte von Social Bots liefern konnte.“

Hier tritt ein grundlegendes Problem der Forschung zu Sozialen Medien zu Tage: Nur bei Twitter sind Beiträge aller User auch im Nach-hinein abrufbar – bei allen anderen sozialen Netzwerken ist es schwierig oder gleich unmöglich, Beiträge systematisch zu analysieren. Facebook bietet keine Schnittstelle dafür an und macht auch nicht transparent, wie sein News Feed-Algorithmus funktioniert (s. Kasten): Welche Nachrichten die Nutzer in ihrem Netzwerk aus Freunden und Gruppierungen zu sehen bekommen, ist individuell verschieden, der Automatismus dahinter beruht auf einem Verfahren, das Facebook als Geschäftsgeheimnis streng hütet. Bei Angeboten wie Snapchat löschen sich die Nachrichten selbst, sobald sie gelesen sind. Dazu gesellen sich weitere technologische Hürden: Für Instagram, auf dem hauptsächlich Fotos veröffentlicht werden, und für YouTube mit seinen Videos bedürfte es aufwendiger Analysesoftware, um Inhalte zu erfassen – und die befindet sich trotz bemerkenswerter Fortschritte noch im Experimentierstadium.

Das Projekt „PropStop“ will Propaganda trotz solcher Hindernisse automatisiert sichtbar machen. Projektleiter Christian Grimme von der Wilhelms-Universität in Münster arbeitet dazu mit einem multidisziplinären Team aus Kommunikationswissenschaftlern und Informatikern zusammen. Auch die Redaktionen der Süddeutschen Zeitung und von Spiegel Online sind beteiligt, zudem ein Softwarehaus. Gemeinsam wollen sie ein Werkzeug entwickeln, mit dessen Hilfe Journalisten automatisierte Propaganda erkennen können. Die Software prüft dafür beispielsweise, ob in Social Media-Konten immer wieder die gleichen Satzbausteine miteinander kombiniert werden – das wäre ein Hinweis darauf, dass nicht ein Mensch, sondern eine Maschine die Botschaften schreibt. Die Untersuchung einzelner Accounts ist allerdings nur der Anfang. ProStop hat es sich zum Ziel gemacht ganze Propagandastrategien also koordiniert Aktionen mit Manipulationspotenzial kennbar zu machen und offen zu legen.

Solche Werkzeug hält Grimme für äußerst wichtig: Journalisten, die auch immer mehr in Social Media-Kanälen recherchieren und kommunizieren, stellten als Multiplikatoren herausragende Ziele für Beeinflussungsversuche dar.

Christian Grimme erinnert sich, dass er vor einigen Jahren bei einer Reportage über Stimmungsmache durch Social Bots dachte: „Wenn das elektronisch geschieht, müsste es sich auch elektronisch erkennen lassen.“ Während das Thema in den USA seit 2011 erforscht werde, sei es in Deutschland mit einigen Jahren Verzögerung zum Forschungsgegenstand geworden, sagt Grimme. 2015 begann er damit, PropStop anzuschieben. Er hofft, dass das derzeit spürbare Interesse an Social Bots bei Politikern auch über die Bundestagswahl hinaus anhält.

„Die Bevölkerung hierzulande ist nüchterner und aufmerksamer als in den USA“

Auch York Sure-Vetter vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) beschäftigt sich mit der Inhaltsanalyse von Sozialen Medien. Der Professor für Web Science ist unter anderem auf die Themen Data Mining und Text Mining spezialisiert, also das automatisierte Auswerten von großen Daten- und Textmengen.

Er unterscheidet drei Ansätze zur Analyse der Kommunikation in den sozialen Medien. Man könne in großen Mengen von Nachrichten nach interessanten statistischen Mustern suchen. Zweitens komme das semantische Erschließen in Frage. Hier wird die inhaltliche Bedeutung von Nachrichten von Computerprogrammen verstanden. Dazu zählt auch die Untersuchung, ob Beiträge grundsätzlich positiv oder negativ gestimmt sind. Beide Ansätze werden in der Regel zur Klassifikation von Nachrichten anhand von vorgegebenen Kriterien verwendet. Und drittens biete sich eine Netzwerkanalyse an. Dabei steht im Zentrum der Analyse, wie einzelne Social Media-Profile mit anderen Profilen in Beziehung stehen. Weisen die Vernetzungen, also “Freundschaften” und “Follower”, auf eine organisch gewachsene Struktur hin oder sind es offensichtlich künstlich entstandene, die unnatürlich wirken? Sure-Vetter sieht die Gefahr von Social Bots für Wahlkämpfe gelassen: „Die Bevölkerung hierzulande ist nüchterner und aufmerksamer als in den USA“, urteilt er. Wie bei jeder Technologie gebe es die Möglichkeit des „dual-use“, der Nutzung für positive und für negative Zwecke. Der Wissenschaftler erinnert an Spam-Mails, die ungefragt in großer Zahl verschickt werden. Nach einer Phase des intensiven Aufrüstens auf beiden Seiten, bei Spammern ebenso wie bei E-Mail-Anbietern, sei inzwischen ein Gleichgewicht entstanden. So ähnlich dürfte es bei den Social Bots laufen, vermutet Sure-Vetter. Die Abwehrmechanismen gegen missbräuchliche Nutzung würden über kurz oder lang so gut werden, dass sich ihr Einsatz oft nicht mehr lohnen werde. Er sei da Optimist, sagt der Forscher.

Dennoch sei es den Experten zufolge wichtig, vor allem den Umgang mit solchen Internetphänomenen bei uns Nutzern zu schulen. Denn es gilt: Verschwinden werden Social Bots und Fake News aus dem Internet nicht mehr.  

@fakewahlbot - Aus meinem Leben als Twitterbot

01.09.2017, Lorenz Matzat
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