Einschalten

Tatort GEOMAR

Kommissar Borowski im Tauchboot JAGO des GEOMAR. Bild: NDR, Christine Schroeder

Einen aus wissenschaftlicher Sicht ganz besonderen Tatort gab es am 30.3. in der ARD zu sehen. Der Kieler Kommissar Borowski ermittelt im Umfeld von Meeresforschern und Industriellen. Schauplatz war unter anderem das Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Über den Borowski-Tatort und die Rolle von Wissenschaft im Lieblingskrimi der Deutschen


Interview: Welche Rolle spielt die Wissenschaft im Tatort?

Stefan Scherer vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) untersucht, wie die ARD-Krimireihe soziale Entwicklungen und regionale Lebensverhältnisse widerspiegelt. Dazu analysiert er Hunderte von Folgen. Er ist Geschäftsführer des KIT-Instituts für Literaturwissenschaft und einer der führenden "Tatort"-Forscher Deutschlands.

Wie passen Tatort und Wissenschaft zusammen?

Der Tatort erhebt einen Realismusanspruch: Seit 1970 will er die Lebensverhältnisse der Gesellschaft widerspiegeln. Und die Wissenschaft zählt neben Wirtschaft und Politik zu den großen gesellschaftlichen Funktionssystemen. Trotzdem bildet der Tatort den Wissenschaftsbetrieb nicht wirklichkeitsgerecht ab: Existenzsorgen des wissenschaftlichen Nachwuchses kommen beispielsweise gar nicht zur Sprache. Das kann der Tatort allein deswegen nur schwerlich leisten, weil er sich an eine Spannungsdramaturgie zu halten hat. Resultat ist oft eine starke Überzeichnung: Gezeigt werden dampfende Reagenzgläser in Laboren oder das Bild des unnahbaren, arroganten Wissenschaftlers im Elfenbeinturm - exemplarische Karikaturen also, keine realen Menschen. Die Universität als Forschungs- und Lehreinrichtung wird so gut wie nie gezeigt, und wenn doch, wie in der Folge "Mördergrube" (2001), erscheinen die Studierenden weltfremd und verstehen sich als geistige Elite.

Wird nur die Wissenschaft so stark überzeichnet oder trifft es auch andere Bereiche?

Es geht im Fernsehkrimi ja in der Regel um Gut und Böse. Sind Juristen oder Staatsanwälte die Bösewichte, werden auch sie übertrieben dargestellt. Zudem gibt es zwischen verschiedenen Sendeanstalten und einzelnen Serien innerhalb der Tatort-Reihe ganz unterschiedliche Konzepte: Der Münsteraner Tatort etwa lebt von seiner Komik, die alle Bereiche durchsetzt. So tritt der Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne als überdrehter Pathologe auf, der dauernd Kalauer und Sprachwitze macht. Der Tatort reizt hier seine künstlerische Freiheit aus.

Die kommende Folge spielt in Kiel. Welche Merkmale sind hier prägend und was lässt das im Hinblick auf die Darstellung der Wissenschaft erwarten?

Der Kieler Hauptkommissar Klaus Borowski zeichnet sich durch eine skurrile, teilweise düster-bedrückende Komik aus. Er ist ein eigenbrötlerischer Kauz und musste sich als erster Kommissar einer Psychotherapie unterziehen. Wie sich das auf die Wissenschaft auswirkt, vermag ich nicht zu prognostizieren. Darauf bin auch ich gespannt.

Und wie wird die Wissenschaft im Tatort allgemein dargestellt? Zählt sie zu den Bösewichten oder zu den Guten?

Generell versucht der Tatort das Vor- und Nachteile neuer Technologie darzustellen, ohne eindeutig Position zu beziehen. Oft gibt es einen Experten, der Fakten liefert und die unverständigen Kommissare aufklärt. Diese tragen dann die gesellschaftsrelevanten Diskussionen unter sich aus: Im Fall "Auskreuzung" (2011) etwa streiten Max Ballauf und Freddy Schenk über das Für und Wider von Gentechnik. Beide Perspektiven bieten dem Zuschauer Diskussionsstoff, er soll sich selbst ein Bild machen. Die Reflexionen befassen sich dabei allerdings weniger mit der Wissenschaft als Verursacherin als mit den konkreten Folgen beim Einsatz der Technologien. Ein weiteres Beispiel wäre die Überwachungstechnik. Eine Tatort-Folge, "Gegen den Kopf" (2013), zeigte einerseits, wie sie zur Aufklärung beiträgt, anderseits wird auch ihre Kontrollfunktion deutlich.

Welche Rolle nimmt der Wissenschaftler als Übermittler ein?

Er ist entweder Gegenstand des Kriminalfalls und dann zum Beispiel Täter aus Geld- und Karrieremotiven, oder er ist Experte. Dazu zählen auch die Gerichtsmediziner. Als Experte ist der Wissenschaftler ein Neutrum, das distanziert und emotionslos über das nötige Wissen für den Fall aufklärt.

Nun sagten Sie zu Beginn, dass der Tatort einen Realismusanspruch verfolgt. Zeigt der Tatort die Wissenschaftler denn so, wie die Gesellschaft sie wahrnimmt?

Anders als in den USA, wo doch eher ein Forschungsoptimismus herrscht, besteht in Deutschland traditionell eine ausgeprägtere Technologieskepsis: Gegenüber wissenschaftlichen Neuerungen gibt es eher Vorbehalte. Diese Perspektive prägt die deutsche Literatur und Kultur und färbt auch auf den Tatort ab. Schließlich kommen die Tatort-Macher, die Drehbuchschreiber, die Redakteure und Regisseure in den Sendeanstalten tendenziell eher aus dem kultur- und geisteswissenschaftlichen Bereich.

In der Folge "Borowski und das Meer" hilft dem Kommissar ein Tauchboot - also ein modernes technisches Gerät bei der Lösung des Falls. Ist das etwas Besonderes im Tatort?

Technik wird immer eingesetzt. Von Beginn an war der Tatort stolz darauf Großtechnik zu zeigen, beispielsweise riesige Kranwägen, die Automobile aus Seen herausfischten. Der Zuschauer sollte wissen, dass weder Mühen noch Gebühren für spektakuläre Szenen gescheut wurden. Ermittlungstechnik zur Feinaufklärung wie Spurensicherung, Pathologie oder DNA-Analyse kommt erst ab Ende der 1990er Jahre zum Einsatz. Peter Becker im Ludwigshafener Tatort ist einer der ersten, der als Kriminaltechniker Prominenz erlangt. Vorher haben die Kommissare einen Fall vorwiegend durch Nachdenken gelöst.

Hinterfragt der Tatort auch moderne Ermittlungstechniken, wie gerade die DNA-Analyse?

Nein, diese werden als positive Hilfsmittel meist unkommentiert zur Kenntnis genommen. Differenzierter widmet sich der Tatort nur Themen, die tatsächlich gesellschaftspolitische Debatten hervorrufen. Er reagiert auf öffentliche Diskurse und Interessen. In den 70er und 80er-Jahren war es zum Beispiel die Umweltverschmutzung durch Müll ("Gift", 1974), im aktuellen Fall die Frage, ob in der Tiefsee Rohstoffe abgebaut werden sollten. Während der Tatort in der Anfangszeit noch häufiger gesellschaftskritischer war, wie in den NDR-Folgen mit Kommissar Paul Trimmel, erzählt er heute möglichst ausgewogen. Wir dürfen gespannt sein, welche Argumente er am Sonntag vorstellt.


Der Tatort im Kurz-Check

Worum geht es?

Vordergründig um die Frage, ob Mord oder Auftragsmord, ob Beziehungsdrama oder Machenschaften in einer rücksichtslosen Industriewelt. Thematisch geht es um Schürfrechte für Rohstoffe, die sich auf dem Meeresgrund finden - genauer gesagt um Seltene Erden, die zum Beispiel in der Handyproduktion eine wichtige und vor allem lukrative Rolle spielen. Die Kommissare ermitteln im Umfeld einer Firma, die diese Rohstoffe abbauen will und haben bei diesem Fall mit diversen Verstrickungen und Verwirrspielen zu tun.

Wie viel Wissenschaft ist drin?

Zwar gerät eine Gastforscherin des GEOMAR unter Mordverdacht - tatsächlich aber steht bei diesem Tatort eher die Industrie als die Wissenschaft im Vordergrund. Auch wenn das Thema klaren Forschungsbezug hat und das GEOMAR eine zentrale Rolle spielt. Schön: Gleich zu Beginn sind Unterwasserbilder aus dem Archiv des GEOMAR zu sehen.

Warum lohnt sich das Einschalten?

Zunächst einmal wegen eines soliden und vielschichtigen Kieler Tatorts. Und aus Sicht der Wissenschaftsinteressierten: Die Zuschauer können sich - bequem vom heimischen Sofa aus - einen Eindruck von GEOMAR-Gebäuden, Bohrkernlagern, Forschungsschiffen und dem Innenleben des Tauchboots JAGO verschaffen. Optischer Höhepunkt: Eindeutig Kommissar Borowski im beengten JAGO. Auch wenn es vielleicht nicht ganz so realistisch ist, dass er mit einem Forschungstauchboot in der Kieler Förde nach Beweismitteln sucht... und dank JAGO - so viel sei verraten - im trüben Ostseewasser entscheidende Hinweise findet.


Tatort-Wissenschaft: Florian Freistetter bereitet in seinem Blog die Wissenschaft im Tatort auf

Tatort: Spurensuche am Meeresboden (GEOMAR)

28.03.2014, Kristine August und Lilith C. Paul
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