Blickwinkel

Sollte die Wissenschaft den Wissenschaftsjournalismus fördern?

Der Wissenschaftsjournalismus steckt in der Krise: Redaktionen und Ressorts werden verkleinert, Budgets gekürzt. Doch sollte die Wissenschaft deshalb die Berichterstattung über sich selbst finanzieren? Zwei Blickwinkel.

"Zu groß wäre die Gefahr von Vermischung und Korruption bis hin zum Verlust der Glaubwürdigkeit."

Unbestritten: Freie Presse und kritischer Journalismus sind essenziell für die Demokratie. Dazu gehört auch der Wissenschaftsjournalismus. Dieser begleitet Forschung und Wissenschaft, deckt Missliebiges auf, ordnet insbesondere umstrittene Ergebnisse für die Öffentlichkeit ein. Die Funktion als „Übersetzer“ von Forschung hat er zwar zum Teil an die Wissenschaftskommunikation verloren; er übt sie dennoch häufig aus, wenn er das Faszinosum von Forschung den Lesern und Zuschauern nahebringt. Heißt das aber, dass er auch von der Wissenschaft oder der Wissenschaftspolitik selbst finanziert werden sollte?
Das forderten kürzlich Volker Stollorz und Reinhard Hüttl unter der Überschrift "Wie man Wissenschaft zugänglich macht" (ZEIT, Nr. 42/2018). Schon das zweite Gutachten der Akademien "Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien" (WÖM II) hatte 2017 öffentliches Geld für Wissenschaftsjournalismus reklamiert, damals noch aus Rundfunkbeiträgen. Stollorz und Hüttl gehen einen deutlichen Schritt weiter: Sie möchten das Geld für eine "Stiftung für Wissenschaftsjournalismus" aus der Forschungsförderung selbst. Das wäre aus meiner Sicht aber alles andere als systemkonform. Wissenschaftsjournalismus ist in erster Linie Journalismus. Genauso wie Sportjournalismus nicht Teil des Sportsystems ist oder das Feuilleton Teil des Kulturbetriebs, so ist Wissenschaftsjournalismus nicht Teil des Wissenschaftssystems und darf es auch nicht werden. Zu groß wäre die Gefahr von Vermischung und Korruption bis hin zum Verlust der Glaubwürdigkeit. Außerdem könnte eine solche nicht systemkonforme Finanzierung sehr rasch einen Aufschrei vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler provozieren. Sie könnten zu Recht etwaige Ablehnungen ihrer Projektanträge mit der ungerechtfertigten Abzweigung von Mitteln für den Wissenschaftsjournalismus in Verbindung bringen. Das würde auf das Wissenschaftssystem selbst zurückfallen und es womöglich diskreditieren. Wissenschaftsjournalismus ist Teil der Medienwelt – und diese ist noch weitestgehend Teil des Wirtschaftssystems, auch wenn insbesondere die Printmedien durch den Verlust des Anzeigengeschäfts arge Probleme haben. Wenn man beide Systeme aber ohne Not vermischte, könnten dann Journalistinnen und Journalisten noch mit gutem Grund die allzu große Nähe der Wirtschaft zur Wissenschaft beklagen?

 


"Qualitätsjournalismus ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Hier setzt unsere Idee einer Stiftung an."

Wie kann man Wissen zugänglich machen? Diese Frage habe ich jüngst in einem Beitrag in der ZEIT mit Volker Stollorz erörtert. Auf der Plattform wissenschaftskommunikation.de gab es einige Erwiderungen dazu – auch von Josef König. Einige seiner Thesen sind bedenkenswert, andere bedenklich.
Josef König hat recht, wenn er von den fetten Jahren des (Wissenschafts-)Journalismus spricht. Diese begannen allerdings bereits mit der Einführung des Privatfernsehens (1984) und dem Zusammenbruch der DDR (1989). Westdeutsche Verlage, manche ohne Erfahrung im Tageszeitungsgeschäft, kauften sich im Osten ein. Redaktionen wurden um- und ausgebaut. Opulente Beilagen wie Auto, Reise, Wohnen oder Karriere – und somit Beilagenredaktionen – entstanden.
Der Katzenjammer folgte mit dem Zerplatzen der Dotcom-Blase und den drastischen Erlöseinbrüchen bei Rubrik- und Werbeannoncen. Verlage fingen an, Papier zu sparen. Redaktionen wurden fusioniert, verkleinert oder geschlossen. Kleine Titel wurden von großen Häusern gekauft und von Mantelredaktionen beliefert. Die Vielfalt am Kiosk täuscht über zunehmend einheitliche Inhalte hinweg. Das ist – sehr verkürzt – die ökonomische Kulisse, vor der sich das Drama "Journalismus in der Krise" abspielt. Es wäre mehr als fahrlässig zu warten, bis die Kräfte des Marktes das irgendwie regeln, wenn dies unter den jetzigen ökonomischen Rahmenbedingungen je möglich sein sollte. Unabhängiger Qualitätsjournalismus ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie– ohne ihn ist eine Demokratie auf Dauer nicht möglich. Hier setzt unsere Idee einer Stiftung für Wissenschaftsjournalismus an. Viele öffentlich geförderte Institutionen, auch das GFZ, sind als Stiftung organisiert. Es muss also kein Kapitalstock da sein, von dessen Zinsen man zehrte. Und was die Unabhängigkeit betrifft: Sowohl Wissenschaft als auch Medien haben sehr gut etablierte Mechanismen, Zugriffe von Geldgebern auf Inhalte, auf ihre grundgesetzlich geschützte Freiheit zu verhindern. Wie sonst könnten Medien Annoncen verkaufen, ohne in den Ruch von Abhängigkeit zu geraten? Und wie sollte Forschung mit Drittmitteln umgehen? Richtig ist, dass es zur Etablierung einer solchen Stiftung eines Konzepts – welche Aktivitäten sollten wie, wann und für wen gefördert werden – und eines Kodexbedarf, der insbesondere die Unabhängigkeit sichert. Das ist der nächste Schritt, den wir nun organisieren.

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Dieser Beitrag ist in den Helmholtz Perspektiven (Ausgabe Dezember 2018) erschienen.

03.12.2018 , Josef König & Reinhard Hüttl
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