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Portrait

Grenzgänger

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Foto: Lydia Albrecht; KIT
Sein Lebenslauf verrät, wie sehr es Holger Hanselka begeistert, vermeintlich Unvereinbares zu vereinen. So verwundert es nicht, dass er als Idealbesetzung für die Leitung der Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft galt. Seit knapp drei Jahren ist Hanselka Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie. Sein Zehn-Punkte-Plan gilt als ehrgeizig.

Eine Vorlesung über Faserverbundstoffe änderte alles. Den Maschinenbaustudent Holger Hanselka hatte es gepackt. Eigentlich standen die Themen seiner Diplom- und auch Doktorarbeit im Bereich metallische Betriebsfestigkeit an der TU Clausthal schon lange fest. Doch an diesem Tag im Sommer 1987 stellten sich die Weichen in eine andere Richtung.

Hanselka fasste sich ein Herz und sprach den Dozenten kurzentschlossen an. Prompt erhielt er das Angebot, seine Arbeiten am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig anzufertigen – zum Thema Leichtbau und Faserverbundstoffe. Der junge Maschinenbauer griff zu. So wurde Hanselka sehr früh in seiner Laufbahn zu einem Grenzgänger zwischen den Fachbereichen und auch den Institutionen. Metalle auf der einen Seite – Kunststoffe auf der anderen. Universität hier – Großforschung dort.

„Ich bin ganz klassisch in Eisen und Stahl ausgebildet“, bestätigt Holger Hanselka, heute Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie. „Und es ist in der Werkstoffszene tatsächlich so, dass es die Metaller auf der einen Seite gibt und die Kunststoffler auf der anderen – die „Sowohl-als-auch-Menschen“  sind eher die Ausnahme.“ Hanselka sagt dies mit deutlichem Vergnügen und ein Blick auf seinen Lebenslauf verrät, wie sehr es ihn begeistert, vermeintlich Unvereinbares zu vereinen. „Naturfasern in ein Kunstharz zu gießen, das gab es beim Trabbi schon“, sagt der gelernte Ingenieur aus , „aber konkurrenzfähige, stabile Faserverbund-Systeme vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen, das war Ende der 80er Neuland – heute ist es im Automobilbau, zum Beispiel bei Türverkleidungen, Standard.“

Anfang der 90er ist Hanselka so überzeugt von der Technologie, dass er gemeinsam mit zwei Kollegen ausgründet . Zehn Jahre bleibt Hanselka in seinem Unternehmen aktiv; auch während er den Lehrstuhl für Adaptronik an der Universität Magdeburg aufbaut. Erst bei seinem Wechsel ans Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF nach Darmstadt übergibt er seine Anteile der damaligen Geschäftsführung. Bezeichnender Weise an ehemalige Studenten, die er durch eine seiner Vorlesungen zu Faserverbundstoffen mit an Bord holte. „Diese gesamte Phase war extrem wichtig und prägend für mich“, sagt Holger Hanselka. Auch am KIT setzt er auf den Transfer von Wissen und Technologie. Hanselka ist überzeugt: „Wir forschen und lehren im Dienste der Gesellschaft. Denn wir wollen dazu beitragen, Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu finden, vor allem in den Bereichen Energie, Mobilität und Information. Und dies Hand in Hand mit der Wirtschaft, damit Ideen in marktfähige Produkte münden.“ Als Gründerhochschule unterstützt das KIT Mitarbeiter  sowie seine Studierenden beim Ausgründen. So hat das KIT eine neue Plattform für Crowdfunding aufgesetzt. Die KIT Campus Transfer GmbH wickelt Dienstleistungsaufträge aus der Wirtschaft ab. Allein in den letzten zwei Jahren gelangen 27 Ausgründungen.

Weitere Meilensteine prägen Hanselkas Laufbahn als Forschungsmanager, Hochschullehrer und Wissenschaftler. Als er beispielsweise 2001 zur Fraunhofer-Gesellschaft wechselte, fand er dort ein technologisch und personell veraltetes Institut vor. Innerhalb von 12 Jahren formte er daraus eines der Flaggschiffe der Fraunhofer-Gesellschaft mit über 500 Mitarbeitern, erfolgreichen EU-Projekten, Sonderforschungsbereichen und engen Beziehungen zur Wirtschaft. Die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeiten und technischen Kooperationen stecken heute in Windkraftanlagen und Hubschraubern, Auto- und Flugzeugstrukturen, Raumstationen, Kopfhörern, Sturzhelmen oder Geigenbögen. Die Verantwortung in den Präsidien der Fraunhofer-Gesellschaft und der TU Darmstadt lehrten ihn, den Umgang mit großen, komplexen Strukturen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.

So verwundert es nicht, dass Holger Hanselka als Idealbesetzung gilt, um ein einzigartiges „Sowohl-als-auch“ in die Zukunft zu führen: das KIT. Die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft ist in Deutschland und Europa einzigartig. „Hier haben sich zwei auf Augenhöhe gefunden“, sagt Holger Hanselka zu der 2009 vollzogenen Fusion der Universität Karlsruhe mit dem Forschungszentrum Karlsruhe. Seit knapp drei Jahren ist er nun als Präsident im Amt. Sein Zehn-Punkte-Plan, den er vier Wochen nach Amtsantritt vorgelegte, gilt als ehrgeizig. „Ja, der Plan ist mutig“, gibt er offen zu. „Aber ich gehe davon aus, dass ich an allen Punkten einen Haken habe, wenn meine erste Amtsperiode um ist“, fügt er selbstbewusst an.

Einige Punkte sind bereits erledigt: eine gemeinsame Dachstrategie KIT 2025, eine eindeutige und gemeinsame Organisationsstruktur, ein Profil in der Forschung und Lehre sowie ein Präsidiumsressort für Innovation und Internationales. Hanselka lässt keinen Zweifel daran, dass die holprige Umschreibung „sowohl-Universität-als-auch-Großforschungseinrichtung“ dem Karlsruher Institut für Technologie nicht mehr gerecht wird: „Das gesamte KIT ist die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft, und unser Anspruch in der Wissenschaft ist Qualität“, sagt er.
 
Hoch konzentriert, auf den Punkt, strukturiert, klar und komplett in sich ruhend – so wirkt Holger Hanselka auf seine Gesprächspartner. Wie kann das sein, bei einer solchen Mammutaufgabe und regelmäßigen 16-Stunden Tagen? „Ich arbeite wenn es nötig ist und bis es fertig ist“, umschreibt er seine Arbeitsphilosophie. „Aber ich sorge auch für einen gesunden Ausgleich durch ein Privatleben, das durch meine Familie, die Musik und regelmäßige Urlaube geprägt ist.“. Er genießt die Anonymität im Symphonieorchester der Nachbargemeinde, in welchem er Cello spielt, die Natur bei seinen Campingausflügen, auf die ihn seine Familie oft begleitet. „Nur der Sport ist in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen“, bedauert er. „Das ändert sich jedoch in Kürze, da ich aus der Stadt in eines der Höhendörfer ziehe. Ich freue mich schon sehr darauf, bald wieder im Wald meine Runden zu drehen.“

24.08.2016, Brigitte Stahl-Busse

Leserkommentare, diskutieren Sie mit

Margarete Offermann, 07-09-16 09:43:
Der Anspruch an Wissenschaft ist Qualität:
In dem Arbeitsprozess spielt auch der technische Mitarbeiter eine zentrale Rolle. Leider beobachte ich immer wieder, dass diese Gruppe immer kleiner wird. Ausscheidende Elektriker, Lüftungstechniker u. ä. werden zwar für ihre Arbeit sehr gelobt, aber diese Stellen werden in der Regel (nach meiner Beobachtung) nicht neu besetzt,. Das verdichtet die Arbeit der noch Vorhandenen extrem oder man löst die Probleme mit externen Firmen mit hohem Kosten- und Zeitaufwand, für befristete Projekte von Studenten und Doktoranden oft sehr problematisch und die Qualität bleibt u.U. auf der Strecke.
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19.01.2017