Dr. Walter Tromm ist Sprecher des Programmtopics Kernenergie und Sicherheit am Karlsruher Institut für Technologie und arbeitet in internationalen Expertengremien zur Sicherheit von Kernreaktoren mit. Bild: KIT/Markus Breig

Interview

Eindrücke aus Fukushima

Dr. Walter Tromm ist Sprecher des Programmtopics Kernenergie und Sicherheit am Karlsruher Institut für Technologie und arbeitet in internationalen Expertengremien zur Sicherheit von Kernreaktoren mit. Ein Jahr nach der Naturkatastrophe an der Japanischen Küste hat er die verunglückten Reaktoren in Fukushima Daiichi besichtigt. Mit ihm sprach Antonia Rötger.

Sie sind auf Einladung der japanischen Regierung als Experte nach Fukushima gereist. Wie geht es voran?

Tromm: Wir haben an einer Konferenz teilgenommen und über die Dekontamination und Rückbauarbeiten an den betroffenen Reaktoren beraten. Dabei konnten wir die Anlagen auch besichtigen und bis auf 50 Meter an das Reaktorgebäude herankommen. Zurzeit sind dort über 1000 Mitarbeiter eingesetzt, um die Kühlkreisläufe aufrecht zu erhalten, weitere Sicherheitsvorkehrungen auszubauen und mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Sie sollen die Reaktoren in 40 Jahren bis zur grünen Wiese zurückbauen. 

Für die rund hunderttausend Menschen, die nach der Katastrophe ihre Häuser verlassen mussten, ist das dennoch ein langer Zeitraum. Was ist hier geplant?

Tromm: Diese Menschen sollen bald zurückkommen. Die Sperrzone gilt jetzt noch im Umkreis von 20 km. Überall werden Strahlenwerte gemessen, stellenweise wird der Boden abgetragen und ausgetauscht. Wir hatten selbst eigene Messgeräte dabei und ich denke, eine Rückkehr ist möglich. Es ist aber wichtig, dass die Menschen genau Bescheid wissen und vielleicht sogar jeder Haushalt ein Messgerät erhält, denn die Belastungen könnten im Wald beispielsweise stellenweise höher liegen. Als Richtwert hat die japanische Regierung in Übereinstimmung mit internationalen Richtlinien festgelegt, dass die Werte niedriger liegen als ein Millisievert pro Jahr. Damit sind keine medizinischen Folgen zu erwarten, auch nicht über Jahrzehnte. Zum Vergleich liegt die Strahlenbelastung in Deutschland bei etwa 2,4 Millisievert pro Jahr. 

Was können Sie und Ihre Kollegen aus Deutschland dazu beitragen, die Aufräumarbeiten voran zu bringen?

Tromm: In Japan fand in den letzten Jahren nur wenig Forschung zu Störfällen statt, die in den sogenannten auslegungsüberschreitenden Bereich fallen, also Störfälle, die nicht Grundlage der Genehmigung waren zur Zeit des Baus der Anlage, die aber nicht vollständig auszuschließen sind. Das ist hier in Deutschland anders. Wir haben insbesondere am KIT sehr große Expertise auf dem Gebiet dieser auslegungsüberschreitenden Störfälle aufgebaut und können untersuchen, was in solchen Fällen geschieht. In unserer Versuchsanlage QUENCH sehen wir, was mit den Brennstäben passiert, wenn das Kühlwasser ausfällt, bis hin zur Kernschmelze. Bei LIVE beobachten wir, wie sich dann die Schmelzen im weiteren Verlauf verhalten bis zu einem Schmelzensee im unteren Teil des Reaktordruckbehälters. Mit der Versuchsanlage DISCO prüfen wir anschließend, was das Versagen des Druckbehälters für Folgen haben würde, zum Beispiel wohin sich dann die Schmelzen verteilen, ob sie einfach nur nach unten abfließen oder vielleicht bei höheren Drücken bis in den Bereich des Sicherheitsbehälters versprüht werden. Und schließlich können wir im Versuchsaufbau MOCKA untersuchen, wie Schmelzen mit dem umgebenden Beton reagieren und wohin sie sich ausbreiten. Diese Frage ist für die Dekontamination in Fukushima sehr wichtig, denn aktuell ist noch nicht genau bekannt, wohin sich die Schmelzen bewegt haben.

Stimmt, denn es ist ja noch immer nicht möglich, nachzusehen, was eigentlich genau in den Reaktorkernen passiert ist. 

Tromm: Nein, denn das Reaktorinnere steht unter Wasser, weil die Kühlung notwendig ist. Man kann zwar ferngesteuerte Kameras hineinschicken, aber die Bildqualität ist schlecht, da das Wasser verschmutzt ist und die radioaktive Gammastrahlung die Aufnahmen beschädigt. Daher werden unsere Versuchsaufbauten hier wirklich wertvolle Erkenntnisse bringen.

Welche Risiken sehen Sie für die nächsten Jahre?

Tromm: Die Kernkraftwerke in Fukushima befinden sich zwar in dem „cold shutdown“-Zustand, das heißt, dass die Temperaturen stabil und weit unter 100°C sind, aber der Zustand bleibt natürlich fragil, weil Teilbereiche des Kerns sich in den Sicherheitsbehälter verlagert haben und damit dort gekühlt werden müssen. Der Sicherheitsbehälter ist aber nicht für diese großen Wassermengen ausgelegt und hat zudem Lecks, durch die das Wasser, das zum Kühlen notwendig ist, in das Gebäude austritt. Dies könnte zum Beispiel  bei einem stärkeren Erdbeben erneut zu Problemen führen. 

Welches Gewicht hat eigentlich nun die Stimme deutscher Experten in den internationalen Expertengremien, insbesondere nach dem Beschluss  Deutschlands, aus der Kernenergie auszusteigen?

Tromm: Trotz dieses Beschlusses haben wir international noch ein hohes Gewicht, da wir sozusagen interessensfrei sind: Deutsche Firmen verkaufen keine Kernkraftwerke mehr, deshalb stehen wir auch nicht im Ruf, unterstützend wirken zu müssen. Ich vertrete auch in internationalen Gremien gegenüber kleineren Ländern, die aktuell neu an den Aufbau von Kernkraftwerken denken, die Forderung nach Sicherheitstechnik auf dem allerneuesten Stand.  Kernenergie mit geringeren Sicherheitsanforderungen ist nicht akzeptabel.

02.04.2012

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