Gespräch

Ein Eid des Hippokrates für alle Forscher?

Bild: Gesine Born

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Otmar D. Wiestler diskutieren über die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft – und warum sie sich damit manchmal schwertut.

Herr Yogeshwar, Herr Wiestler, die Wissenschaft spielt in den Sozialen Medien wie Facebook, Twitter oder YouTube eine immer größere Rolle. Ist das ein Segen oder ein Fluch?

Wiestler: Soziale Medien sind für die Wissenschaft wie für viele andere Menschen zunächst einmal ein wunderbares Kommunikationsmittel. Sie erlauben uns einen Informationsaustausch mit einer Geschwindigkeit, die vor 20 Jahren noch undenkbar war. Soziale Medien haben leider auch andere Effekte. Sie können mit einer unglaublichen Geschwindigkeit Meinungen verbreiten, die aus der Sicht der Wissenschaft falsch sind, die nicht auf Fakten beruhen.

Yogeshwar: Wissenschaft hat keinen Absolutheitsanspruch und lebt vom Dialog. Und dafür eignen sich die Sozialen Medien hervorragend. Der Dialog wird breiter und jeder Forscher wird dabei auch intensiver mit Kritik konfrontiert. Doch die Grundlage der Wissenschaft ist die Aufklärung. In den Sozialen Netzen hingegen vollzieht sich eine zunehmende Abkapselung. Es entstehen abgetrennte Räume, in denen einzelne Gruppen ihre eigene Wahrheit propagieren.

Wiestler: Wissenschaft ist ja vor allem dann faszinierend, wenn sie auf Erkenntnisse stößt, die völlig unerwartet sind. Das verlangt absolute Offenheit. Auch Wissenschaftler sind natürlich nicht fehlerfrei. Wir müssen uns ständig selber hinterfragen, ob wir offen genug sind. Vor allem gegenüber denen, die völlig neue Wege gehen, die gegen Konventionen verstoßen und Mauern einreißen.

Yogeshwar: Ja, Wissenschaft hinterfragt häufig die etablierte Meinung. Doch hierfür braucht sie den fairen und differenzierten Dialog. In den Sozialen Medien zählt hingegen die Lautstärke: die Zahl der Follower, Freunde oder Klicks. "Gefällt mir" oder "Gefällt mir nicht" reichen als Vokabular nicht aus und machen den Mainstream zum relevanten Kriterium. Das garantiert keine Qualität.

Und wie macht Wissenschaft klar, wo die Grenzen liegen zwischen Qualitätsinformationen und Fake News?

Yogeshwar: Menschen wollen Klarheit. Doch wissenschaftliche Erkenntnisse sind aufgrund ihrer Komplexität häufig nicht so eindeutig wie Alltagsphänomene. Oft lesen wir dann in wissenschaftlichen Publikationen: "More research is needed." Damit entsteht ein Nährboden für Interpretationen und Spekulationen. In den sogenannten Echokammern der Sozialen Medien erleben wir Abkapselung. Sie verfangen sich in ihren eigenen gefühlten Wahrheiten, befeuert von Populisten und Verschwörungstheoretikern. Hier müssen wir Klarheit schaffen und unserem Auftrag nach Aufklärung folgen.

Wiestler: Für uns Wissenschaftler entsteht daraus eine Selbstverpflichtung. Wissenschaft ist etwas, was Menschen eigentlich fasziniert, denn sie bedient die ureigene menschliche Eigenschaft der Neugierde. Mit den neuen Medien haben wir nun einen völlig neuen Zugang zur Öffentlichkeit, um die Faszination dessen, was wir tun, an Menschen zu vermitteln und mit ihnen zu diskutieren. Daraus ergibt sich für uns die Verpflichtung, das, was wir wissen, und das, was wir nicht wissen, viel deutlicher zu kommunizieren.

Macht Wissenschaft das denn nicht?

Wiestler: Nicht ausreichend. Ich will es an zwei Beispielen festmachen: Das eine geht von einer faszinierenden neuen wissenschaftlichen Beobachtung aus, die noch nicht wirklich eingeordnet werden kann. Da müssen wir fragen, ist sie wirklich abgesichert? Könnte nicht auch eine andere Erklärung dahinterstecken? Das müssen wir in aller Offenheit darlegen.Ein zweites Problem entsteht, wenn bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckungen gemacht worden sind. Nehmen wir mal CRISPR/Cas, die Genschere, die derzeit in aller Munde ist. Da muss aufklärende Wissenschaft frühzeitig daraufhinweisen, dass solche Erkenntnisse Anwendungen versprechen,die außerordentlich nützlich sein können, viel Gutes bewirken können, etwa neue Behandlungen von Erkrankungen. Gleichzeitig muss deutlich werden, dass Anwendungen möglich sind, die zu Missbrauch führen können.Unsere Verpflichtung ist es, auf beide Seiten einer neuen Entdeckung hinzuweisen und Wege für einen verantwortlichen Umgang mit neuen Technologien aufzuzeigen.

Yogeshwar: Wir dürfen auch einen anderen Aspekt nicht vergessen. Das ist die öffentliche Erwartung schneller Erfolge.Wenn wir in der Grundlagenforschung eine vielversprechende Entdeckung machen, heißt das nicht automatisch, dass man kurze Zeit später eine bahnbrechende Anwendung entwickelt oder ein neues Medikament auf den Markt kommt. Auch hier müssen wir ehrlich sein.

Wiestler: Ich glaube, wir müssen auf jeden Fall sehr viel aufmerksamer sein bei ethisch relevanten Themen.Wissenschaftliche Erkenntnisse kann man nicht einmauern.Man kann ihre Entwicklung auch nicht verbieten. Aber eine Gesellschaft muss sich darauf verständigen, was für sie akzeptabel ist und wo sie eine Grenze setzt.

Yogeshwar: Letztlich haben wir nach wie vor die spannende aristotelische Frage zu beantworten, was der Mensch ist,was uns auszeichnet. Was zeichnet uns aus in puncto Entscheidungsfähigkeit? Was zeichnet uns aus an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz und Natur? Sind wir als Individuen in einer künstlichen Welt immer noch Menschen? Programmieren Menschen Maschinen oder umgekehrt? Am Ende geht es um die Frage, was wir in all unserer Freiheit wirklich möchten und wo wir den Eindruck haben, dass etwas missbraucht wird.

Sollte die Wissenschaft also eine Wächterrolle einnehmen für die Öffentlichkeit?

Wiestler: Wissenschaft hat per se keine Wächterfunktion. Aber Wissenschaft hat die Verpflichtung, ihr Faktenwissen offen und verständlich verfügbar zu machen. Und das kann dann von Instanzen übernommen werden, die eine Wächterfunktion haben, unter anderem der Gesetzgeber. Wir müssen noch viel stärker unsere Stimme erheben. Das war ja beim ,March for Science' im April der Fall. Weltweit sind in 600 Städten über eine Million Menschen auf die Straße gegangen.Sie haben einerseits auf politische Restriktionen hingewiesen,denen die Wissenschaft derzeit in vielen Ländern ausgesetzt ist. Ein- und Ausreiseverbote zum Beispiel, Entlassungen oder Verhaftungen. Sie haben andererseits aber auch deutlich gemacht, dass wir alle genau hinhören sollten, wenn vermeintliche Fakten ungeprüft in Umlauf gebracht werden. Das war ein wichtiger Impuls, um uns alle daran zu erinnern, immer wieder genau zu prüfen, ob Aussagen evidenzbasiert sind oder nicht.

Yogeshwar: Jetzt kann man natürlich fragen, ob wir daraus ableiten müssen, dass es eine Art stille Verpflichtung gibt,die Konsequenzen unseres wissenschaftlichen Tuns immer im Hinterkopf zu haben. Schließlich ist Wissenschaft einerseits in der Lage, diese Welt ungemein viel besser zumachen. Andererseits kann die Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnis auch ungeheure Schäden anrichten.

Wiestler: Ein Eid des Hippokrates für Wissenschaftler,ein ethischer Kodex, dem sich alle unterziehen? Das ist eine interessante Idee, die aus der Medizin kommt. Angesichts der weitreichenden Wirkungen wissenschaftlicher Erkenntnisse könnte man durchaus darüber nachdenken, wie wissenschaftsethische Prinzipien in unseren Ausbildungsprogrammen künftig im hippokratischen Sinn vermittelt werden.

Yogeshwar: Ja, brauchen wir diesen hippokratischen Eid nicht auch in anderen Disziplinen? Ich glaube, man muss zum Beispiel dem Ingenieur, der bei einer Automobilfirma sitzt, ein Argument geben, das ihn stärkt, wenn er in eine zweifelhafte Situation gerät. Dann kann er sagen, ich habe während meines Studiums einen Eid abgelegt, deshalb stelle ich mein Knowhow nicht für fragliche Entwicklungen, wie die Abgasmanipulation, zur Verfügung.

Sie sagten ja eben schon, der Science March war ein wichtiger Impuls. Brauchen wir eine Fortsetzung davon?

Yogeshwar: Es war an der Zeit, ein Signal zu setzen und zu sagen: Es gibt die Befürworter der Aufklärung. Ich glaube aber auch, dass es langfristig eine Verpflichtung gibt, der Stimme der Aufklärung mehr Gehör zu verschaffen. Die Wissenschaft ist zu lange schweigsam gewesen. Wenn die Budgets für die Forschung stimmen, zieht man sich zurück und arbeitet im Stillen weiter. Aber die Wissenschaft tritt nicht in der nötigen Klarheit an die Öffentlichkeit. Das hat sie nie gelernt. Also ich finde, Wissenschaft ist zu ruhig, auch sie muss lauter werden und sich intensiver in den gesellschaftlichen Dialog einbringen.

Aber sollte man dieses Aufbruchsignal, das es mit dem Science March weltweit gegeben hat, nutzen, um die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft jetzt viel deutlicher in die Öffentlichkeit zu tragen?

Wiestler: Dazu muss es nicht unbedingt weitere Science Marches geben. Wenn jeder von uns darüber nachdenkt, was man im eigenen Bereich tun kann, um Wissen und seine Bedeutung für gesellschaftlichen Wohlstand weiterzugeben,dann hätten wir schon viel erreicht.

Mehr zum March for Science

19.09.2017, Interview: Roland Koch
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