Helmholtz International Fellow Award

„Die Zusammenarbeit in Deutschland ist einzigartig“

Brustkrebszellen
Zu den wichtigsten Errungenschaften von Anne-Lise Børresen-Dale zählt die Etablierung von Expressionsprofilen von Brustkrebszellen (Foto: fluoreszenzmikroskopische Aufnahme von Brustkrebszellen). Bild: Langbein/DKFZ

Anne-Lise Børresen-Dale ist eine Koryphäe der Brustkrebsforschung, Mutter zweier erwachsener Töchter und stolze Oma. Demnächst kommt sie für einen längeren Forschungsaufenthalt nach Deutschland. Ein Gespräch über Kinder, Karriere, Forschung in Deutschland und den langen Weg der personalisierten Medizin

Anne-Lise Børresen-Dale gilt als Vorbild vieler junger Nachwuchswissenschaftlerinnen: Sie ist eine der führenden Molekularbiologinnen in der Brustkrebsforschung, Autorin von über 400 Publikationen, Mutter zweier Töchter und mittlerweile Oma. Seit 14 Jahren leitet sie das Department of Genetics am Institut für Krebsforschung des Universitätsklinikums Oslo und ist seit 2011 Direktorin des K.G. Jebsen Centre for Breast Cancer Research. Im Laufe ihrer Karriere wurde die Norwegerin mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Nun erhielt sie als eine von zwei Frauen den Helmholtz International Fellow Award – ein Preis, der ihr einen mehrmonatigen Aufenthalt an einem Helmholtz-Zentrum ermöglicht.

Frau Børresen-Dale, Gratulation zum Helmholtz International Fellow Award 2014. Der Preis beinhaltet einen längeren Forschungsaufenthalt an einem Helmholtz-Zentrum. Was sind Ihre Pläne für Ihren Besuch in Deutschland und an welches Zentrum werden Sie gehen?
Vielen Dank, ich freue mich sehr über den Helmholtz International Fellow Award. Der Preis eröffnet mir die einmalige Möglichkeit, eine längere Zeit am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg zu verbringen. Mitte Juli werde ich mit einigen DKFZ-Kollegen besprechen, wie ich die Zeit dort effektiv gestalten kann. Während meines Aufenthalts in Deutschland werde ich aber auch andere Zentren besuchen, insbesondere das Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch.

Was liegt Ihnen bei Ihrem Besuch in Deutschland besonders am Herzen, was ist Ihr Ziel?
Das Wichtigste – und das übergeordnete Ziel meines Besuches in Deutschland – ist es, neue Kooperationen zu fördern, junge Kolleginnen und Kollegen zu treffen, mit ihnen über ihre Forschung zu sprechen und so Ideen zwischen Deutschland und Norwegen auszutauschen. Ein anderer Wunsch ist es, die bestehende Zusammenarbeit mit dem DKFZ, aber auch mit anderen Helmholtz-Zentren auszubauen. Kurz gesagt: In spezifischen Forschungsgebieten zusammenzuarbeiten, Kooperationen auszubauen und Erfahrungen auszutauschen.

Mit Ihrer herausragenden Brustkrebs-Forschung haben Sie den Weg für wichtige Ansätze im Bereich der personalisierten Medizin geebnet. Wann werden wir so weit sein, Krankheiten mit individuell maßgeschneiderten Therapien heilen zu können? Was sind die Herausforderungen?
Wir müssen einen Schritt nach dem anderen gehen – es braucht eine Menge Forschung und Zeit, aber ich bin wirklich zuversichtlich: Wir sind auf einem guten Weg und machen Fortschritte. Die Herausforderung ist, dass für Patient A die eine Therapie passt, für Patient B mit derselben Krankheit dagegen nicht. Wir müssen also herausfinden, welche Hindernisse es gibt und welche Therapie für Patient B passen würde.
Es geht nicht nur um das Verständnis der individuellen molekularen Merkmale des Patienten. Es geht auch darum, die riesigen Datenmengen – klinische, pathologische, molekulare und epidemiologische – die in all den verschiedenen interdisziplinären Ansätzen der personalisierten Medizin generiert werden, zusammenzubringen. Wir müssen die Daten jedes einzelnen Patienten viel häufiger mit allen beteiligten Disziplinen und Institutionen weltweit teilen und sie in einem systembiologischen Ansatz analysieren, um Ähnlichkeiten und Unterschiede erkennen zu können. Auf diesem Weg lernen wir von jedem Patienten, so dass wir hoffentlich eines Tages in der Lage sein werden, eine individuell geeignete Behandlung für jeden Einzelnen zu finden.

Sie haben schon in verschiedenen Ländern gearbeitet, unter anderem in den USA und Deutschland. Ist Deutschland Ihrer Meinung nach ein guter Ort für Wissenschaftler aus aller Welt, insbesondere im Hinblick auf die Weiterentwicklung ihrer Karriere?
Absolut! In Deutschland gibt es Top-Forschungseinrichtungen und Krebszentren. Ich bin wirklich beeindruckt von all den Konsortien, wie dem Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK). Diese Konsortien deutscher Forschungszentren sind einzigartig in der Welt – ich habe so etwas Effizientes woanders noch nicht gesehen. Es ist beeindruckend, wie diese Zentren zusammenarbeiten und Erfahrungen austauschen, um in der Behandlung der wichtigsten Erkrankungen voranzukommen. Ich denke, dass es besser als in den USA funktioniert. In Europa und besonders in Deutschland ist die Zusammenarbeit zwischen den Forschungseinrichtungen viel verbindlicher, trotz des notwendigen Wettbewerbs. In Europa gibt es eine starke Mentalität der Zusammenarbeit als Basis für eine gemeinsame Bewältigung von Problemen – in den USA ist es schwieriger übergreifende interdisziplinäre Studien zwischen Forschungszentren und einzelnen Staaten auf den Weg zu bringen. Zudem ist es aufgrund des Gesundheitssystems dort komplizierter, Patienten nachzubehandeln und das gesamte Wissenschaftssystem in den USA ist nicht wirklich gut darin, Kooperationen zu fördern.

Es ist Ihr Herzenswunsch, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu treffen. Was empfehlen Sie ihnen – einen Forschungsaufenthalt im Ausland und dann zurückkommen, um in ihrem Heimatland zu forschen?
Es ist immer gut für einen Wissenschaftler eine Zeit im Ausland zu verbringen. Aber es ist auch ein Dilemma, denn es ist oft schwer zurückzukommen. Ich denke, der wichtigste Grund dafür sind die unterschiedlichen Strukturen in verschiedenen Ländern. Wie schon gesagt, in Deutschland sind die Konsortien und die Zusammenarbeit einzigartig. Das finden Sie in keinem anderen Land. Interdisziplinäre Zusammenarbeit in Forschungsnetzwerken, in Kooperationen, ist absolut notwendig, um in der Forschung weiterzukommen. In Ländern außerhalb Europas haben die Wissenschaftler kaum Möglichkeiten so eng innerhalb eines Kompetenznetzwerks zusammenzuarbeiten. Das macht es Wissenschaftlern schwerer zurückzukommen und ihren Platz in der heimatlichen Forschungslandschaft zu finden.

Neben Ihren herausragenden Forschungsaktivitäten sind Sie Autorin von mehr als 400 Publikationen und sehr engagiert in verschiedenen wissenschaftlichen Gremien. Wie viel Zeit bleibt da noch für die eigene Forschung?
Meine eigene Forschung ist meine Arbeitsgruppe – ich selbst stehe nicht mehr im Labor. Ich halte täglich sehr engen Kontakt mit meinen Studenten und Kollegen, denen ich ständig meine Ideen mitteile. Sie greifen sie auf, experimentieren mit ihnen und anschließend diskutieren wir unterschiedliche Wege, die Ergebnisse zu interpretieren und wie wir weitermachen können. Wenn ich bei Konferenzen bin, mache ich mir Notizen und maile sie direkt an meine Gruppe, die dann schaut, was man daraus machen könnte: Können wir diesen Ansatz ausprobieren? Finden wir dieses und jenes spezielle Gen oder die molekulare Signatur in unserem Datenset und hätte das einen Effekt auf das Patientenergebnis? Das ist meine tägliche Arbeit: Ideen in meine Arbeitsgruppe zu bringen und an den Ergebnissen zu arbeiten.

Für viele junge Frauen ist es ein schmaler Grat zwischen dem herausfordernden Forscheralltag und dem Privateben mit Familie. Wie haben Sie Ihren Alltag bewältigt, als Ihre beiden Töchter jung waren?
Meine Kinder wuchsen in den 1970er und 1980er Jahren auf – das war noch eine andere Zeit. Ich hatte viel Unterstützung von meiner Familie und Freunden. Wenn ich geschäftlich unterwegs war, habe ich viel mit meinen Kindern telefoniert oder sie einfach mitgenommen. Hier in Norwegen nutzen viele junge Forscherinnen und Forscher das eine Jahr Mutterschutz, um viel zu lesen und an Meetings teilzunehmen. Sie bleiben in Kontakt mit ihrem Beruf und isolieren sich nicht. Sie bringen auch mal das Baby mit und arbeiten in geringen Umfang weiter. Im Unterschied zu damals, ist heute mehr Engagement gefordert, wenn man Kinder hat. Sie müssen sie zum Fußball-Training bringen, zum Reiten, bei Freunden abholen und so weiter. Ich finde, es ist schwieriger als vor 30 Jahren aber es ist immer eine Frage des Lebensstils, der Organisation und der Integration.

Was empfehlen Sie jungen Frauen, die nicht wissen, wie sie Beruf und Familie zusammenbringen sollen?
Junge Frauen sollten überlegen, wie sie ihr Leben mit Familie organisieren können: Haben sie die richtige Umgebung mit Familie, Freunden, Nachbarn und Kollegen, die auf die Kinder aufpassen können? Es sollte nicht die Frage sein, ob man ein Kind bekommt oder nicht. Es ist mehr eine Frage der Logistik und Organisation – und sie sollten ihren Job, zusätzlich zur Familie, lieben.

Zur Pressemitteilung

Helmholtz International Fellow Award für exzellente Forschende und Wissenschaftsmanagerinnen und -manager aus dem Ausland

Der Preis richtet sich an herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (senior scientists) bzw. Forschungsmanager aus dem Ausland, die sich durch ihre Arbeit in Helmholtz-relevanten Gebieten hervorgetan haben. Dazu gehört auch institutionelle Erfahrung im Wissenschaftsmanagement größerer ausländischer Forschungseinrichtungen.

Helmholtz International Fellows erhalten mit der Auszeichnung auch eine Einladung für flexible Aufenthalte an einem oder mehreren Helmholtz-Zentren, mit denen eine Kooperation bereits besteht oder zukünftig sinnvoll oder gewinnbringend wäre. Jährlich können bis zu 10 Helmholtz International Fellow Awards vergeben werden. Nominierungen können von jeder Mitgliedseinrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft laufend gestellt werden.

Mehr zum Helmholtz International Fellow Award

Der Helmholtz International Fellow Award wird aus dem Impuls- und Vernetzungsfond der Helmholtz-Gemeinschaft finanziert – Einem zentralen Instrument zum Erreichen strategischer Ziele und zur Umsetzung der Prinzipien, denen sich die Helmholtz-Gemeinschaft im Zuge des Pakts für Forschung und Innovation verpflichtet hat.

27.06.2014, Interview: Janine Tychsen
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Otto Hoffmann, 03-07-14 13:02

Personalisierte Medizin finde ich sinnvoll, doch wird sie allen zugute kommen? Ich fürchte, es wird mehr und mehr zu einer Frage des Geldbeutels werden!

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