Wissenschaftskarrieren

Der Weg ist fast immer kurvig

Nadine Szabó und Prof. Dr. Michael Meißner am 3-Achsen-Spektrometer FLEX in der Neutronenleiterhalle I des HZB. Bild: HZB

Gibt es ein Geheimrezept, wie man als Wissenschaftler Erfolg hat? Oder verläuft jede Karriere so unterschiedlich, so individuell, dass die Jungen mit den Ratschlägen der Älteren wenig anfangen können? Was ist heute anders als früher auf dem Weg an die Spitze? Was ist gleich geblieben?

Diesen Fragen geht die Helmholtz-Gemeinschaft in einer Diskussionsrunde beim Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science in San José (AAAS) nach. Im Vorfeld des Jahrestreffens der AAAS haben wir mit zwei jungen Wissenschaftlern aus Deutschland und den USA über Karrierewege, Erfolgsrezepte und Erfahrungen gesprochen.

Interview Daniel Ratner

Interview Iris Dillmann


Daniel Ratner forscht am SLAC National Accelerator Laboratory, das von der Stanford University betrieben wird.

Herr Ratner, Sie haben vor der Doktorarbeit in Stanford ein Jahr im Museum of Modern Art (MoMa) in New York gearbeitet und dort - basierend auf wissenschaftlichen Methoden und Prinzipien - Kunst und Architektur restauriert und konserviert. Das ist nicht gerade der klassische Weg zum Physiker.

Überhaupt nicht! Mein beruflicher Weg ist eher kurvig. Ich hatte auch im College nie die Absicht, in die Physik zu gehen. Viel eher war ich an Kunst und Kunstgeschichte interessiert. Nach dem ersten Abschluss habe ich einige Bewerbungen losgeschickt, um zu schauen, was ich für Chancen habe. Gerade wollte ich bei einem Hedgefond zusagen, da kam ein Anruf aus dem Museum, ob ich nicht mal vorbei kommen wolle. Dort habe ich dann einige Zeit gearbeitet. Ich hatte also keinen fertigen Karriereplan im Kopf. Da man in der Kunstwelt aber immer häufiger einen Doktortitel braucht, um aufzusteigen, bin ich mit 25 Jahren zurück an die Uni.

Sie haben dann Ihren Doktor in Physik gemacht. Wie kam es dazu?

Ich dachte: Probier es doch mal mit Physik, das könnte Spaß machen! Das Interesse war auf jeden Fall da. Dabei hatte ich in meiner Kindheit gar nichts mit Physik am Hut: An meiner High School gab es Physik nicht einmal als Fach. Aber mein Vater ist Wissenschaftler, und bei einem seiner Kollegen habe ich einmal bei einem Programm für Schüler mitgemacht. Er hat es geschafft, mir die Physik nahe zu bringen. So kann es gehen!

Wie stellen Sie sich heute die nächsten Jahre vor?

Früher habe ich höchstens ein paar Jahre vorausgedacht. Jetzt bin ich langsam in einem Alter, wo ein kleines bisschen Karriereplanung sicher nicht schaden kann. Aber das ist in der Wissenschaft eine Herausforderung, vor allem in meinem Bereich. Man weiß einfach nicht so genau, was geht und was nicht.

Was macht Planung in der Wissenschaft denn so schwierig?

Es gibt einfach nicht unendlich viele Professorenstellen in meinem Gebiet. Wenn es damit nicht klappt, dann muss man sich eben überlegen, ob man auch ohne Aussicht auf langfristige Festanstellung in der Wissenschaft bleiben will, als Forscher und Mitarbeiter. Ob das einem reicht, ist eine persönliche Entscheidung. Alternativ gibt es natürlich noch die Welt außerhalb der Wissenschaft: Viele meiner Freunde aus der Graduate School, also der Hochschule für das Aufbaustudium, sind raus aus der Forschung, haben ihre eigenen Unternehmen gegründet oder arbeiten in der Technologiebranche.

Wie wichtig ist Ihnen Sicherheit in der Karriereplanung?

Das ist mir persönlich nicht besonders wichtig. Ich bin einfach gerne flexibel und werde eher unruhig, wenn ich das Gefühl habe, ich will weiter. Früher war das sicher anders, da hatten die Menschen oft einen Job, das ganze Leben lang - und viele wünschen sich das verständlicherweise ja auch heute noch. Ich kann mir aber vorstellen, dass das derzeit schwieriger ist, weil vieles schneller und kurzfristiger funktioniert. Mich stört das nicht, sondern ich sehe es als Vorteil: Ein fester Job von heute bis zur Rente wäre nichts für mich.

Sehen Sie sich in Ihrer Karriere an die USA gebunden?

Nein, keineswegs! In Europa tut sich in meinem Bereich gerade einiges. In Hamburg, in der Schweiz, in Italien entstehen neue Forschungszentren. Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, das Land zu wechseln.

Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile des amerikanischen Doktortitels?

Die PhD-Programme in den USA dauern lange. Das gibt den Studenten zwar die Möglichkeit, sich in ihr eigenes Projekt intensiv einzuarbeiten. Wenn man Wissenschaftler werden will, dann ist das toll. Auf der anderen Seite gibt es so wenig offene Stellen in der Wissenschaft: Viele Doktoranden fangen danach anderswo an. Für sie macht es weder finanziell noch beruflich besonders viel Sinn, sechs bis acht Jahre in einem PhD-Programm zu verbringen. Daher bereuen einige meiner Freunde trotz ihres sehr guten Abschlusses ihre Entscheidung. Ich glaube, beide Systeme können viel voneinander lernen.

Der Physiker Daniel Ratner ist 34 Jahre alt und forscht gerade am SLAC National Accelerator Laboratory, das von der Stanford University betrieben wird. Physiker sei er eher zufällig geworden - eigentlich sah er seine Zukunft im Kunstbereich. Seine Doktorarbeit ist preisgekrönt, vor drei Jahren hat er für seine Arbeit im Bereich der Linac Coherent Light Sources den Free-Electron-Laser (FEL) Young Scientist Award bekommen.


Iris Dillmann forscht am kanadischen Nationallabor für Kern- und Teilchenphysik (TRIUMF) in Vancouver.

Frau Dillmann, Sie wollten eigentlich Astronautin werden.

Ja, unbedingt! Der Mond und die Sterne haben mich schon als Kind fasziniert. Ich wollte die erste Frau auf dem Mond sein. Und Naturwissenschaften haben mich von klein auf begeistert. Eigentlich wollte ich Lebensmittelchemie und Publizistik studieren. Allerdings ging das nicht zusammen - ich habe mich dann für ein klassisches Chemie-Studium in Mainz entschieden. Dann bin ich mitten im Studium über eine Vorlesungsreihe in der Astrophysik und Kosmochemie gestolpert, in der es um die Entstehung von Elementen in den Sternen ging. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Sie sind also auf Umwegen zur Astrophysik gekommen?

Ich glaube, der Zufall hat großen Einfluss auf die Karriereplanung! Meine alte Liebe zu den Sternen habe ich eben auch nur durch diesen Zufall wiedergefunden: Ich wollte im Studium eigentlich ein Jahr nach Japan gehen. Für das Programm wurde ich aber nicht genommen, stattdessen habe ich mir eben die Vorlesungen in der Nuklearen Astrophysik und Kosmochemie angehört. Dann habe ich meine Diplomarbeit in diesem Feld geschrieben, was in Mainz ging, da die Astrophysik-Gruppe in der Kernchemie angesiedelt war. So bin ich nach und nach weiter abgekommen von der Chemie.

Wie lange planen Sie voraus?

Als Student plant man so ein, zwei Jahre. Selbst als Post-Doc kann man meist nicht viel länger vorausschauen, weil die Stellen befristet sind. Im Helmholtz- Nachwuchsgruppenprogramm konnte ich fünf Jahre planen. Das ist schon super, da kann man richtig langfristige Projekte starten, mal durchschnaufen und sich auf die Wissenschaft konzentrieren statt auf die Stellensuche. Heute würde ich sagen: Alles, was über zehn Jahre hinausgeht, weiß ich nicht. Das wissenschaftliche Umfeld ändert sich relativ schnell, das lernt man erst mit der Zeit. Meine Stelle hier in Kanada ist nicht begrenzt. Das bedeutet aber nicht, dass sich das Labor oder die Ausrichtung der Forschung hier nicht mit der Zeit verändern und ich mich jetzt zurücklehnen kann. Wer in der Forschung erfolgreich sein will, muss immer flexibel sein.

Sie sind von Deutschland nach Kanada gegangen. Was war ausschlaggebend für Ihre Entscheidung?

Ich wollte mich weiterentwickeln. Da wo ich war, habe ich keine Gelegenheit mehr gesehen. Das Wissenschaftssystem in Deutschland ist eigentlich ganz gut, solange man flexibel und eben auch bereit ist, den Ort zu wechseln. Für viele ist das natürlich ein Problem. Gerade in meinem Alter stellt sich die Frage, wie man Familie und Wissenschaft vereinbaren kann. Und beides glücklich zu vereinen ist schwer, wenn man alle zwei Jahre umzieht. Das ist hier in Kanada nicht anders. Aber in Deutschland gibt es außerdem viel zu wenig feste Verträge für Leute in meinem Alter, nach zwei Postdoc-Aufenthalten. Das ist einer der Nachteile. Helmholtz-, Emmi Noether- oder Max-Planck-Nachwuchsgruppen sind hier allerdings sehr attraktive Möglichkeiten, um die guten Leute auch länger zu halten und ihnen eine Perspektive in Deutschland zu bieten.

Wenn Sie das Wissenschaftssystem in Deutschland und Kanada vergleichen, was gefällt Ihnen an dem einen, was am anderen?

Wenn man in Kanada einmal in der Professoren-Schiene an einer Universität ist, ist bei entsprechender Leistung der Weg vorgezeichnet: assistant professor, associate professor, full professor - ohne notwendige Habilitation. So etwas würde ich mir auch für Deutschland wünschen, anstelle des verkrusteten Systems mit W1/W2-Professuren, in dem man an eine andere Universität wechseln muss, um in die Besoldungsgruppe W3 aufzusteigen. Außerdem gibt es in Kanada viel mehr Professoren, dadurch sind die Arbeitsgruppen kleiner. Man muss also mit anderen zusammenarbeiten und sich Ressourcen teilen, das fördert die Kommunikation. In Deutschland hat man manchmal das Gefühl, dass eine Arbeitsgruppe einem autarken Königreich gleicht: Der Professor ist der König, er hat eine Assistenz oder Juniorprofessor/in als Prinz oder Prinzessin. Dann kommt der Hofstaat - bestehend aus dem Sekretariat, Technikern, Postdocs, Doktoranden, Studenten. Und drumherum ist eine Verteidigungsmauer! 

Das hört sich ziemlich negativ an. Gibt es Dinge, die Sie am deutschen System schätzen?

Aber natürlich! Es gibt zum Beispiel keine Studiengebühren, ansonsten hätte ich mir das Studium wahrscheinlich nicht leisten können. Ich finde es auch gut, dass man sich in Deutschland schon ab dem ersten Semester für etwas entscheidet. Hier in Nordamerika ist der Bachelor eher noch eine allgemeine Schulbildung. Wenn ich ein Wunsch frei hätte, wünschte ich mir für Deutschland viel mehr Professoren-Stellen und kleinere Gruppen. Und ich würde mir wünschen, dass nur die wissenschaftliche Leistung über den Aufstieg entscheidet, und nicht - wie leider viel zu oft - Beziehungen.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Wissenschaft?

Man muss kreativ sein und immer neue Ideen haben und nicht einfach alte und gängige Wissenschaft fortschreiben. Und man braucht eine hohe Frustrationstoleranz, in vielerlei Hinsicht. Durch Rückschläge darf man sich nicht entmutigen lassen. Und manchmal muss man auch akzeptieren, dass ein Projekt viel Zeit fordert, die man vielleicht am Privatleben streichen muss: Wenn am Montag eine Deadline ist oder gerade ein wichtiges Experiment läuft, dann muss am Wochenende eben dafür gearbeitet werden, wenn man vorher nicht fertiggeworden ist. Deswegen habe ich leider auch schon die persische Märchenhochzeit eines Klassenkameraden verpasst, darüber ärgere ich mich heute noch!

Wie wichtig waren oder sind Ihnen Mentoren in Ihrer Karriere?

Es ist wichtig, einen erfahrenen Wissenschaftler an seiner Seite zu haben, den man sich als Vorbild nehmen kann. Ich hatte während der Doktorarbeit einen sehr guten Betreuer. Der hatte immer gute Laune und an ihn konnte ich mich mit jedem Problem wenden, das war super. Dasselbe habe ich hier auch. Ich kann einfach zu meinem Chef oder den Kollegen gehen und sagen: Was hältst du von dieser oder jener Idee? Jetzt merke ich auch, wie es ist, selbst Mentorin zu sein und wie wichtig diese Aufgabe sein kann. Während meiner Helmholtz-Zeit war ich in dem Mentoring-Programm "In Führung gehen", das hat mir bei meiner eigenen Karriereplanung sehr geholfen. Meine Entscheidung nach Kanada zu gehen, habe ich übrigens auch mit einem Mentor besprochen. Ich habe es ihm hoch angerechnet, dass er mir - nach langen Gesprächen über meinen Frust in Deutschland - zu diesem Schritt geraten hat, ohne zu versuchen, mich auf Teufel komm raus zum Bleiben zu überreden.

Was raten Sie Ihren Studenten als Mentorin?

Vor allem meinen Studentinnen sage ich häufig: Du kannst es, steh zu deinem Können, versteck dich nicht. Manche Frauen sind super für die Wissenschaft geeignet, aber sie haben das Gefühl, sie seien es eben nicht. Man muss auch an der Selbstwahrnehmung und am Selbstbewusstsein arbeiten, nicht nur am Können. An solchen Stellen kann Mentoring essentiell sein!

Die Astrophysikerin und Chemikerin Iris Dillmann ist 36 Jahre alt und forscht am kanadischen Nationallabor für Kern- und Teilchenphysik (TRIUMF) in Vancouver, Kanada. Dort beschäftigt sie sich im weitesten Sinne mit der Entstehung von Elementen in Sternen, im engeren Sinne mit experimenteller Kern-Astrophysik. Sie leitet noch bis Juni 2015 eine Helmholtz-Nachwuchsgruppe am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt und der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Über das Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science

Die American Association for the Advancement of Science (AAAS) ist eine internationale gemeinnützige Organisation zur Förderung der Wissenschaften weltweit. Neben ihrem Engagement in den Bereichen Bildungswesen und gesellschaftliche Entwicklung versteht sich die AAAS auch als Interessen- und Berufsverband. Die AAAS organisiert Veranstaltungen für ihre Mitglieder, gibt die Zeitschrift Science sowie zahlreiche wissenschaftliche Newsletter, Bücher und Berichte heraus und führt Programme durch, die das Verständnis für die Wissenschaften weltweit fördern. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist seit vielen Jahren einer der Hauptpartner der AAAS und diskutiert jährlich auf dem Helmholtz-Pressefrühstück mit interessanten Persönlichkeiten über internationale Themen - von der Forschung bis zur Nachwuchsförderung.

13.02.2015, Janine Tychsen
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