Interview: Wissenschaft digital

„Der Wandel ist radikal“

Foto: Universität Wien, CC BY-NC 2.0

Wie verändert die Digitalisierung die Wissenschaft? Wir sprachen mit Lambert Heller vom Open Science Lab über Open Access, den Impact Factor und ein neues Betriebssystem für die Wissenschaft

Die Digitalisierung verändert auch die Wissenschaft. Was passiert da konkret?

Eigentlich finden alle Prozesse des wissenschaftlichen Arbeitens zunehmend online statt: das Recherchieren, das Forschen selbst, das Finden von Forschungspartnern, das Zusammenarbeiten und schließlich das Schreiben und Publizieren. Das hat zwei Effekte: Zum einen wird die Wissenschaft schneller und zum anderen verändert sich die Art und Weise des Forschens. Man kann sagen, dass Wissenschaftler online-affin sind.

Aus einer repräsentativen Umfrage unseres Leibniz-Forschungsverbundes Science 2.0 ging hervor, dass 95 Prozent der Wissenschaftler Wikipedia für ihre beruflichen Zwecke nutzen. Etwa die Hälfte ist in Facebook oder Facebook-ähnlichen Plattformen vertreten, um gesehen zu werden, andere zu finden und Kontakte zu knüpfen. Etwa zwei Drittel nutzt Cloud-Dienste, um Daten auszutauschen oder gemeinsam an einem Manuskript zu schreiben. Dabei sind Wissenschaftler echte Pragmatiker. Sie nutzen vorhandene Dienste und wandeln sie teilweise so ab, dass sie ihnen noch besser nützen. So nutzen Wissenschaftler beispielsweise die Softwareentwicklungsplattform GitHub, um Gensequenzen auszutauschen und gemeinsam zu bearbeiten. Die Entwicklung geht jetzt erst richtig los. Es ist wie ein großes kompliziertes Ökosystem, das sich Stück für Stück entwickelt.

Sie erwähnten den Leibniz-Forschungsverbund „Science 2.0“. Hier sind die wissenschaftlichen Bibliotheken die Initiatoren und Impulsgeber. Warum ist das so?

Die Initiative „Science 2.0“ ist ein Forschungsverbund der Leibniz-Gemeinschaft. Neben Bibliotheken und Instituten der Leibniz-Gemeinschaft sind viele weitere Partner mit dabei, unter anderem Wikimedia Deutschland. Gemeinsam wollen wir den digitalen Wandel in der Wissenschaft gestalten. Wir wollen ein „digitales Betriebssystem“ für die Wissenschaft entwickeln und damit die neue Kultur des kollaborativen digitalen Zusammenarbeitens voranbringen.
Die Bibliotheken spielen für diese neue Kultur eine zentrale Rolle. In Bibliotheken wie unserer arbeiten Informationsprofis, unabhängig und ohne eigene kommerzielle Ziele. Wir sehen die Dinge nicht von der fachlichen Seite, sondern von der Seite des Informationsmanagements. Wie sammelt man Informationen, wie verwaltet man sie und wie sind sie schnell wieder auffindbar und benutzbar? Dazu kommen neue Anforderungen: Wie lassen sich Rohdaten einbetten und hinterlegen? Wie kann an Texten und Daten weitergearbeitet werden? Wir kümmern uns nicht nur um die Daten, sondern auch um die Qualität der Daten. „Open Access“, eine Facette von „Open Science“, wird ganz klar auch von Bibliotheken vorangetrieben.

„Open Science“, „Open Access“ – sind die Wissenschaftler und unser wissenschaftliches System wirklich schon reif für offenes, kollaboratives Arbeiten? Am Ende, für eine Professur etwa, zählt ja vor allem die individuelle Publikationsliste….

Wir verfolgen aufmerksam die Diskussion und die Entwicklung um die Bewertung von wissenschaftlichen Leistungen. Die Bewertung nach Impact Factor ist antiquiert. Wir müssen neue Kriterien finden. Ein Weg sind „Open Metrics“, im Sinne verschiedener Indikatoren und Indexe für die Nützlichkeit und die Bedeutung der Forschung und für die Aktivitäten eines Forschers. Der Hirsch-Index, der die Zitationen eines Autors angibt, wäre einer davon. Wir, die Bibliotheken, können dann diese Daten erheben, verwalten und vergleichbar machen. Zunächst aber benötigen wir eine breite Diskussion: Woran messen wir die Qualität von Wissenschaft?

Die Technische Informationsbibliothek (TIB) in Hannover hat nun das „Open Science Lab“ gegründet, dessen Leiter Sie sind. Was ist das „Open Science Lab“?

Unser Ansatz ist vor allem das offene, kollaborative Arbeiten in der Wissenschaft. Dafür untersuchen, entwickeln und erweitern wir die Infrastruktur. Zusammen mit Forscher-Communities testen wir Methoden und Werkzeuge, finden heraus, ob und wie sie nützlich sein können. So etwas kann eine Plattform sein, auf der ein Forschungsprojekt „lebt“, also von vielen Wissenschaftlern ergänzt, verbessert und weiterentwickelt wird, vergleichbar mit einer Open-Source-Softwareprogrammierung. Der andere Schwerpunkt ist Open Access. Hier sind wir dabei, Standards und Policies mitzuentwickeln. Damit diese Kultur gelebt werden kann, müssen alle dieselbe „Sprache“ sprechen. Wir wollen mit den Wissenschaftlern Standards für Offenheit kultivieren und weiterentwickeln: Was bedeuten Creative Commons Lizenzen und wie wende ich sie an? Auf welchen Wegen werden meine offenen Forschungsmaterialien im Netz gefunden und als Quelle genutzt?
Wir erleben eine Virtualisierung der Zusammenarbeit. Damit werden die Partner immer vielfältiger, die Projekte immer weltumspannender. Eine gemeinsame Infrastruktur, eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Standards über Ländergrenzen hinweg werden immer wichtiger.

Sie haben Anfang des Jahres ein interessantes Live-Projekt gestartet, das Buchprojekt „CoScience – Gemeinsam forschen und publizieren mit dem Netz“. Dazu nutzten Sie die Plattform handbuch.io, eine der Plattformen für kollaboratives Arbeiten, wie Sie es eben beschrieben haben. Können Sie uns mehr dazu berichten?

Die Idee stammt eigentlich aus der Softwareentwicklung. Viele Programmierer kommen zu einem „Codesprint“ zusammen und produzieren innerhalb kurzer Zeit gemeinsam ein Stück Software. Daraus entstand die Idee des „Booksprints“: Eine Gruppe von Experten kommt zusammen und schreibt innerhalb kurzer Zeit ein Fachbuch. Das wollten wir ausprobieren. Uns ging es eher um den sozialen Prozess. Ist solch ein kollaboratives Projekt möglich? Wie hoch ist die Qualität des Produktes? Wie entwickelt es sich weiter? Wir können mit Fug und Recht sagen: „CoScience“ war und ist ein Erfolg, die Inhalte werden stetig weiterentwickelt, neue Kapitel kommen hinzu. Aktuell gehen wir einen Schritt weiter: Wir wollen zu den einzelnen Kapiteln Open Video Lectures ergänzen. Und wir haben auch die erste Anfrage für eine Nachnutzung: Etwa 60 Romanisten nutzen die Plattform handbuch.io, um ein Buch über Mittelalter und Renaissance in der Romania zu schreiben. Auch dieses Projekt verfolgen und unterstützen wir.

Sehen Sie in Ihren Projekten auch Potenziale, die Bevölkerung über wissenschaftliche Ergebnisse zu informieren und vielleicht sogar in das wissenschaftliche Arbeiten mit einzubeziehen?

Ja, das ist ein unbeabsichtigter, aber schöner Nebeneffekt und verbessert die Qualität der Forschung und beschleunigt sie. Gerade denken wir gemeinsam mit Wikimedia und Wissenschaftlern in der Wikipedia-Community darüber nach, wie es wäre, Bilder aus Fachartikeln systematisch zu sammeln und dort frei verfügbar zu machen. Dann ständen neueste wissenschaftliche Erkenntnisse als Fotos, Grafiken und Animationen allen zur Verfügung. Dies könnten dann beispielsweise Lehrer nutzen, um Inhalte des Unterrichts mit neuesten Ergebnissen aus der Forschung zu illustrieren. So gibt es viele weitere Ideen.

Lambert Heller ist Leiter des Open Science Labs der Technischen Informationsbibliothek (TIB) in Hannover. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen gestaltet er den digitalen Wandel der wissenschaftlichen Arbeitswelt. Neuartige Webanwendungen werden im Open Science Lab in enger Abstimmung mit Forscher-Communities erprobt und (weiter-)entwickelt

Am 21. November wird er bei der Wissensshow zusammen mit Martin Warnke, Professor für Digitale Medien und Kulturinformatik, über die Frage Wissen in Zeiten der Digitalisierung - Verändert sich die Wissenschaft diskutieren. Mehr Informationen zur Veranstaltung.

19.11.2014, Interview: Susann Beetz
Leserkommentare, diskutieren Sie mit
Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

Ihr Kommentar wird nach dem Absenden durch unsere Redaktion geprüft und dann freigegeben, wir bitten um etwas Geduld. Bitte beachten Sie auch unsere Kommentarregeln.

Druck-Version