Hightech-Prothesen

Helfende Hände

Bild: Ansgar Pudenz / Deutscher Zukunftspreis

Das Startup Vincent Systems entwickelt leichte und dennoch robuste Hand-Prothesen. Besonders für Kinder bringt das enorme Vorteile. Nun wurde das Karlsruher Unternehmen für den Deutschen Zukunftspreis nominiert.

Es ist nicht die erste Auszeichnung, die Stefan Schulz für seine Forschungsarbeit erhält, aber über diese Nominierung seines Startups freut er sich besonders. "Für ein kleines Unternehmen wie uns ist das großartig", sagt Schulz. "Wir erreichen damit eine enorme Öffentlichkeit." Eine Vertriebs- und Marketingabteilung oder teure Messebesuche kann sich der kleine Hersteller von Handprothesen mit acht Vollzeit-Mitarbeitern und vier Teilzeitkräften nicht leisten.

Im Jahr 2009 hat Stefan Schulz, der über zehn Jahre im Bereich Robotik und Medizintechnik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) geforscht und in Prothetik im Maschinenbau promoviert hat, die Firma gegründet. Mit allen Schwierigkeiten, die dieser Schritt bezüglich Förderung und Finanzierung mit sich bringt. "Mit dem Preisgeld des BMW-Forschungspreises, privatem Geld aus der Familie und einem Sparkassenkredit haben wir angefangen", sagt Schulz. Das Geld reichte aus, um einige wenige Prototypen der Handprothese zu bauen und diese zu präsentieren. "Wir mussten damit sofort überzeugen. Nur gleich gut zu sein wie die mächtige Konkurrenz hätte uns nichts gebracht." Denn wer eine Handprothese von Vincent Systems bestellte, musste sofort bezahlen und ein halbes Jahr Wartezeit akzeptieren. "Wir brauchten die Vorkasse, um unsere Produkte überhaupt erst zu bauen", so Schulz. Doch die Qualität der neuen künstlichen Hände überzeugte auf Anhieb

Vor allem in Bezug auf Leichtigkeit und Funktionalität sind die Vincent-Prothesen ein großer Schritt nach vorne. Sie bestehen aus Leichtbaumaterialien wie Aluminium-Magnesium-Legierungen und schaffen eine besondere Verbindung aus Funktion und Design. Durch die softwaregestützte Optimierung ihrer Form sind die Prothesen stabiler und erheblich leichter als konventionelle Produkte. Besonders Kinder und Jugendliche sollen davon profitieren. Für sie waren bislang nur Prothesen mit hohem Gewicht und eingeschränkter Funktionalität erhältlich.

Ein weiterer Pluspunkt der Vincent Prothesen ist das neuartige Steuerungskonzept: Ein externes Gerät - wie zum Beispiel ein Smartphone -, Transponder-Chips oder das Bewegen der Hand zum Umschalten der Griffarten sind nicht notwendig. Über verschiedene Abfolgen von Muskelsignalen können zehn vordefinierte Griffe, wie zum Beispiel das Halten eines Glases oder eines Messers, und weitere Griffkombinationen direkt und intuitiv ausgelöst werden. "Wir haben uns dabei stark auf die Funktionen konzentriert, die im Alltag gebraucht werden, die Prothesenträger selbst haben zur Entwicklung viel beigesteuert", so Schulz. Bei der Konstruktion und der Formgebung der Prothesen haben die Ingenieure eine anatomische Korrektheit angestrebt. Für ein sicheres Zugreifen werden die Prothesen mit einer weichen Kunststoffhülle verkleidet, die eine ähnliche Haptik haben wie die menschliche Haut. "Der bei der menschlichen Hand so selbstverständliche Tastsinn wurde bei bisherigen Prothesen kaum beachtet, obwohl eine Rückmeldung über die Greifkraft ein sichereres und auch feinfühligeres Zugreifen ermöglichen kann", so Schulz. Daher wurde für die neuen Prothesen ein Vibrationsfeedback entwickelt. Es vermittelt dem Prothesenträger eine Information zur tatsächlichen Griffstärke.

"Die neuen Prothesen können die Lebensqualität vieler tausend Menschen nachhaltig verbessern", sagt Schulz. Sein Ziel ist es, noch leichtere Hände für kleinere Kinder aber auch Arbeits- und Sportprothesen für jedes Alter zu bauen. "Ich möchte die Prothetik mit frischen Ideen und modernster Technologie weiterentwickeln und damit etwas Bleibendes schaffen, das den Menschen spürbar nützt", erklärt Schulz.

Website Vincent Systems

Weitere Informationen auf der Website Deutscher Zukunftspreis

Mit dem Deutschen Zukunftspreis für Technik und Innovation zeichnet der Bundespräsident jedes Jahr exzellente wissenschaftliche Innovationen aus, die zugleich wirtschaftliches Potenzial entfalten.

Deutscher Zukunftspreis - Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation

27.11.2017, Harald Olkus
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