Portrait

Da ging ihm ein Licht auf

Foto: Phil Dera / Helmholtz-Gemeinschaft

Der Physiker Godehard Wüstefeld hatte die Idee, wie sich in Berlin-Adlershof ein Supermikroskop bauen lässt. In fünf Jahren könnte es in den Dauerbetrieb gehen. Er selbst wird dann wohl nicht mehr mit dabei sein.

Der Ring ist ein dickes Ding. Mit einem Durchmesser von 240 Metern bildet er einen riesigen kreisförmigen Tunnel. Doch das eigentlich Wichtige daran sind die winzigen Dinge darin: Durch den Tunnel wird ein haarfeiner Elektronenstrahl gejagt, der für Wissenschaftler ein geradezu magisches Licht abstrahlt.

Die Forschungseinrichtung BESSY II ist mit ihrer metallisch glänzenden Außenhülle schon von Weitem gut zu sehen, wenn man in den Südosten Berlins, nach Adlershof, reist. Hier arbeitet Godehard Wüstefeld, ein Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums Berlin (HZB). Ein gestandener Mann von Mitte 60. Graues Haar. Fester Händedruck. Wüstefeld ist Beschleunigungsphysiker, Teamleiter, Erfinder – und gefragt, wenn es ums Licht geht: Auf den Fluren des Forschungszentrums wird er immer wieder von Kollegen angesprochen. Noch. In wenigen Monaten wird seine Karriere enden. Der Ruhestand wartet auf den Physiker. Der Physiker selbst allerdings wünscht ihn sich gar nicht so sehr.

Die Arbeit von Wüstefeld und seinen Kollegen ist es, das besondere Licht zu erzeugen. Im rundum verglasten Kontrollraum der Anlage wird das gesteuert, erzählt er mit wachem Blick, und zeigt auf blinkende Monitore, unzählige Knöpfe und Schalter: „Im Ring speichern wir einen Elektronenstrahl, der unablässig intensive Lichtpulse in 50 unterschiedliche Experimentierplätze schickt.“ Dort forschen Wissenschaftler aus aller Welt mit dem besonders scharf gebündelten Licht, das weit über den Bereich des Sichtbaren hinausgeht. „Wie mit einem überdimensionalen Mikroskop werden mit BESSY II unterschiedlichste Materialien untersucht“, erklärt Wüstefeld. Das kann vielfältigen Nutzen in der Alltagswelt haben. So lassen sich Solarzellen verbessern, Taktfrequenzen in Computern erhöhen und vieles mehr.

Als Senior Scientist leitet er ein Team von zwei Postdocs und einem Doktoranden. „Diese jungen Leute sind nicht nur fachlich beeindruckend produktiv“, sagt er. „Sie gewinnen Preise, machen unsere Arbeit mit Videos einem breiten Publikum verständlich und vieles mehr. Für mich ist es eine tolle Erfahrung, mit ihnen zusammenzuarbeiten, und ich denke, dass ich ihnen auch etwas mit auf den Weg geben kann.“

Wüstefelds eigenes Interesse für die Naturwissenschaften wurde früh geweckt. Große Maschinen hatten es ihm schon in der Kindheit angetan. Aufgewachsen ist er in Niedersachsen, in einem kleinen Dorf bei Duderstadt. „Von klein auf haben mich einfachste Maschinen wie Trecker und Mühlen begeistert“, sagt er. „Ich fand‘s toll zu sehen, wie die einzelnen Teile ineinander greifen.“ Zum Physikstudium ist er 1968 nach Berlin an die Freie Universität gegangen. Das hat er am Hahn-Meitner-Institut mit Atom- und Kernphysik abgeschlossen. „Dann bin ich nach Jülich gegangen und in die Beschleunigerphysik gewechselt.“ In Berlin war der Speicherring-Spezialist – auch nach Auslandsaufenthalten – wieder seit 1986, zunächst bei BESSY I in Wilmersdorf, ab 1992 bei BESSY II in Adlershof.

Seit mehr als 15 Jahren interessiert sich Wüstefeld nun für ganz besondere Lichtpulse. Sie sind extrem kurz, und ermöglichen es Forschern, schnellste Materialänderungen zu verstehen. „Dazu haben wir weltweite Pionierarbeit mit dem Speicherring geleistet und viel Neues gelernt“, sagt er. Diese kurzen Pulse werden am BESSY-Ring zweimal pro Jahr für Interessierte in Sonderschichten angeboten. Doch das könnte bald mehr werden. Vor zehn Jahren nämlich war es ein glücklicher Umstand, dass die Physikalisch- Technische Bundesanstalt direkt neben BESSY II einen kleineren Speicherring gebaut hat. Hier wurden die Erfahrungen der Physiker eingebracht. Neue Methoden zur Erzeugung kurzer Lichtpulse können nun damit getestet werden. Die Idee dazu hatte der Physiker, als er eines Tages vom großen zum kleinen Beschleunigerring über die Straße ging: Es ist möglich, kurze und lange Lichtpulse gleichzeitig zu schaffen und das mit fast 100-facher Intensität. Damit können die Nutzer ihre bisherigen Messungen wie gewohnt fortführen, aber wer mit kurzen Lichtblitzen experimentieren will, kann das jederzeit haben. Dieser Vorschlag ist jetzt eines der Zukunftsprojekte am HZB und heißt BESSY VSR. In etwa fünf Jahren könnte es dauerhaft in Betrieb gehen – und damit ein weltweit wachsendes Interesse von Wissenschaftlern decken.

Doch Godehard Wüstefeld wird dann wohl nicht mehr mit dabei sein. Der Schritt in den Ruhestand wird ihm schwerfallen, sagt er. Wenn Wüstefeld darüber nachdenkt, was er künftig machen will, muss er ein wenig überlegen. Das hänge unter anderem davon ab, wie lange seine Frau noch berufstätig sein wolle, sagt er. Bei Wind und Wetter öfter draußen zu sein, in der Natur, durch das Berliner Umland zu wandern, das könne er sich gut vorstellen. Wenn er davon erzählt, meint man jedoch, noch keine wahre Begeisterung zu hören. Das Leuchten in seinen Augen kommt erst wieder, wenn er von seinen Elektronen erzählt.

05.05.2015 , Roland Koch
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