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Interview

„Ein deutliches Signal des Aufbruchs”

Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler (Bild: Phil Dera)

Die neue Koalitionsvereinbarung von SPD, GRÜNE und FDP setzt wichtige Impulse für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland.

Herr Wiestler, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP haben ihren Entwurf für den Koalitionsvertrag der sogenannten Ampel vorgelegt. Ihr erster Eindruck?

Beim Lesen des Vertrages sind mir zunächst zwei Dinge aufgefallen: Zum einen strahlt er eine große Zuversicht aus, dass wir die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit am Wissenschaftsstandort engagiert angehen möchten und gemeinsam lösen können. Und zum anderen betont er für die Suche nach Lösungen immer wieder die Bedeutung von Wissenschaft als Treiber von innovativen Ansätzen. Dieses Verständnis teilen wir und freuen uns darauf, gemeinsam mit der neuen Bundesregierung an Lösungen zu arbeiten.

An welche großen Herausforderungen denken Sie da?

Im möglichen Koalitionsvertrag werden sie sehr klar beschrieben. Zum Beispiel wird von sechs Missionen für die Wissenschaft gesprochen: Klimaneutrale Industrie und Energie; Klima, Nachhaltigkeit und Biodiversität; Gesundheitssystem; Technologische Souveränität und Digitalisierung; Weltraum und Meere und schließlich der Zusammenhalt der Gesellschaft.

Fünf dieser sechs Missionen gehen wir direkt in den Helmholtz-Forschungsbereichen an. Wir verstehen uns als die deutsche Forschungsorganisation, die solche naturwissenschaftlich-technischen Missionen langfristig sowie interdisziplinär bearbeitet und systemorientierte Lösungen erforscht. Wir lesen daher den vorgestellten Koalitionsvertrag auch als Auftrag an uns. Ein großes Potential sehe ich in dem Vorschlag, an ausgewählten Standorten in Deutschland Themen-bezogene internationale Leuchttürme aufzubauen, an denen starke Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenarbeiten. Besonders reizvoll erscheint mir, die Themen Altern, Alters-abhängige Erkrankungen und innovative RNA-basierte Therapie an diesem herausragenden Standort Mainz zusammenzuführen. Hierin liegt ein weltweites Alleinstellungsmerkmal.

In dem Papier wird ausdrücklich ein neues Helmholtz-Zentrum erwähnt.

Wir freuen uns zunächst sehr, dass neben dem HI-TRON und HIM eine zusätzliche Helmholtz-Einrichtung in Mainz entstehen soll, ein Forschungszentrum für Alternsforschung. Alternsabhängige Erkrankungen sind eine der großen Herausforderungen im Gesundheitsbereich mit einer enormen demographischen Dynamik. Daher würde das neue Zentrum das Portfolio unseres Forschungsbereichs Gesundheit ideal ergänzen, der darauf ausgerichtet ist, die komplexen Entstehungswege von Volkskrankheiten zu entschlüsseln und innovative Ansätze für die Medizin zu entwickeln. Eine besondere Gelegenheit für den Forschungsbereich Gesundheit sehe ich in einer langfristigen Interaktion mit der herausragenden RNA-Forschung in Mainz.

Neben den Inhalten geht es in einem solchen Dokument natürlich viel um Strukturen. Der Pakt für Forschung und Innovation soll fortgeführt werden, allerdings gibt es den klaren Wunsch, das Erreichen der Ziele umfangreicher zu messen.

Das klare Bekenntnis zum Pakt sehen wir zunächst als Anerkennung der bisherigen Leistungen, welche die Forschung in diesem Rahmen erzielt. Für die Zukunft wünscht sich die Politik eine bessere Messbarkeit. Das ist ein verständliches Anliegen. Wir arbeiten bereits an Lösungen, beispielsweise mit unserem Transferbarometer, das wir mit dem Stifterverband und Universitäten erarbeiten und demnächst fertigstellen. Hier entsteht meines Erachtens ein wichtiger Baustein für die künftige Wirkungsanalyse von Forschung.

Wir haben selbst ein großes Interesse daran, dass Fortschritte, die wir erreicht haben, noch besser sichtbar werden. An der einen oder anderen Stelle besteht hier noch Aufholbedarf. Genau in diesem Sinne setzen wir solche Instrumente ein, um definierte Paktziele noch gezielter zu erreichen. Ergänzend dazu sehe ich hierbei auch eine wichtige Aufgabe für die Wissenschaftskommunikation. Wir freuen uns auf jeden Fall auf einen konstruktiven Dialog zwischen Politik und Wissenschaft darüber, wie wir dieses Ziel der Koalition verwirklichen können.

Sie betonen immer wieder, dass gute Wissenschaft vor allem gute Köpfe benötigt. Im Zuge der #IchbinHanna-Debatte wurde viel über Karrierewege gesprochen. Das nimmt auch der Koalitionsvertrag auf.

Es ist uns wohl bewusst, dass sich bei den Karrierewegen etwas ändern muss, um Wissenschaft als Beruf und Berufung noch attraktiver zu gestalten und um die klügsten Köpfe auch langfristig an uns zu binden. Wir stehen hier in einem internationalen Wettbewerb. Im gesamten Wissenschaftssystem benötigen wir mehr Transparenz für verlässliche Laufbahnpläne und mehr Durchlässigkeit. Mir persönlich scheint insbesondere wichtig, dass wir allen Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern eine kompetente und konsequente Laufbahnberatung zur Seite stellen. Mit den Career Development Centers verfolgt Helmholtz dabei einen beispielhaften Ansatz. Beim Thema Diversität sind wir schlicht noch nicht gut genug. Der Koalitionsvertrag enthält einige interessante Ansätze. Dies wird sicher ein weiteres wissenschaftspolitisches Thema der kommenden Legislatur.

Herr Wiestler, zum Schluss die Frage: Ist der Koalitionsvertrag ein neuer Aufbruch für die Wissenschaft?

Wir sind in Deutschland in der sehr glücklichen Situation, dass die Bedeutung von Wissenschaft von allen demokratischen Parteien anerkannt wird. Diese Verlässlichkeit halte ich für einen sehr wichtigen Standortfaktor. Das Koalitionspapier sendet darüber hinaus ein deutliches Signal für Aufbruch. Ich freue mich auf die kommenden vier Jahre!

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