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Astrophysik in der Antarktis

Bild: Emanuel Jacobi

Die Temperatur fällt im Winter auf bis zu minus 75 Grad. Sechs Monate lang herrscht Dunkelheit. Die Arbeit auf der Amundsen-Südpolstation verlangt Forschern eine Menge ab. Emanuel Jacobi hat hier ein Jahr lang gelebt und gearbeitet – und dabei viel über sich selbst gelernt.

Dass er über Winter Mitglied in diesem bizarren Club wird, das war der Traum von Emanuel Jacobi. Da saß der Astrophysiker in der Antarktis, das Thermometer näherte sich der Minus-70-Grad-Marke, und er stieg für zehn Minuten in die Sauna. Direkt danach rannte er ein paar Hundert Meter um den Südpol herum, bekleidet nur mit Schuhen und Mundschutz. Seitdem ist er Teil des „Clubs 300“ – so genannt, weil die Temperaturdifferenz auf der Fahrenheit-Skala genau 300 Grad betrug, von 200 Grad in der Sauna zu minus 100 Grad vor der Tür.

„Man schaut nur in die Landschaft, sieht nur Schnee und Eis, kein Grün, nichts wächst oder fliegt.“ 

Das war eine der wenigen Abwechslungen auf einem Posten, der zu den härtesten in der Wissen-schaft gehört: Als sogenannter „Winter-over“, als Überwinterer, harrte Emanuel Jacobi auf der Amundsen-Scott-Südpolstation aus. „Im antarktischen Sommer ist auf der Station viel los“, sagt er. Wenn 250 Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern dort forschen, die Tage hell sind und täglich fünf bis sechs Flugzeuge landen, sei Abwechslung garantiert. Zur Herausforderung werde allerdings der Winter: Die Temperatur fällt auf bis zu minus 75 Grad, für sechs Monate bricht die Dunkelheit herein und niemand verlässt die Station. Jacobi: „Niemand kann weg, keiner kommt.“ Rund 50 Menschen hielten in jenem Winter vor acht Jahren zusammen mit Jacobi die Stellung.

Die Umgebung ist denkbar unwirtlich. „Man schaut in die Landschaft, sieht nur Schnee und Eis, kein Grün, nichts wächst oder fliegt“, erinnert sich Emanuel Jacobi. Die Station liegt auf einem Hochplateau, rund 2.700 Meter über dem Meeresspiegel, gute 1.000 Kilometer von der Küste entfernt. Für Jacobi, der derzeit am DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron) im brandenburgischen Zeuthen arbeitet, gab es eine klare Aufgabe: Er musste das Neutrino-Observatorium IceCube am Laufen halten.

Der IceCube ist der weltweit größte Teilchendetektor. Mehr als zwei Kilometer tief sollen rund 5.100 Lichtdetektoren Myonen und andere Teilchen nachweisen, die den einen Kubikkilometer großen Detektor durchfliegen. „Die Myonen, die schwaches Licht abstrahlen, entstehen unter anderem, wenn hochenergetische Neutrinos mit Eismolekülen interagieren“, erläutert Jacobi. Um dieses schwache Licht zu messen, ist ein klares Medium nötig – Eis. Deshalb hat die amerikanische University of Wisconsin-Madison, die beim Teleskop der Superlative federführend ist, die Technik an der Antarktis aufgebaut. Die Wissenschaftler versprechen sich von IceCube insbesondere Erkenntnisse darüber, aus welchen Quellen die kosmische Strahlung stammt, in denen auch die Neutrinos erzeugt werden.

Die Aufgaben des heute 39-jährigen Jacobi waren klar umrissen: Er musste die Rechnerfarm verwalten, die Hardware des Detektors instand halten, kaputte Geräte reparieren, Daten auf Magnetbändern archivieren und kontrollieren, dass ständig die mehr als 1.000 untersuchten Indikatoren aufgenommen werden. „Der Detektor muss immer Daten liefern und online sein“, sagt Jacobi – koste es, was es wolle: An Ersatzteillieferungen sei am Südpol nicht zu denken. Stürzen die Server ab oder gingen Festplatten kaputt, könnten wichtige Informationen verloren gehen. Wenn er einen Fehler nicht von der warmen Station aus per Software beheben konnte, musste er raus. Und das heißt: einen Kilometer von der Station zum IceCube laufen, in der völligen Dunkelheit des Polarwinters entlang der mit Fähnchen markierten Strecke.

Die eigentliche Herausforderung für das Über-wintern in der Antarktis liegt aber auf anderem Gebiet: „Man muss mit den anderen und mit sich selbst klarkommen“, sagt er. Jeder kämpfe über den Winter mit verschiedenen Arten von Schwermut – alleine schon deshalb, weil das Licht fehlt. Beworben hat er sich wegen der Kombination aus diesen extremen Lebensbedingungen und der fachlichen Herausforderung: „Mich haben die Abenteuer- und die Reiselust gelockt“, erinnert sich Emanuel Jacobi: „Ich wollte einen der außergewöhnlichsten Orte der Erde kennenlernen.“

"Was einem fehlt, ist draußen in einem Café zu sitzen, Vögeln zuzuhören und Bäume anzuschauen.“

Um gegen Einsamkeit und Schwermut anzukämpfen, organisierten die Crewmitglieder ein Bildungsprogramm. Ein amerikanischer Kollege, der leidenschaftlicher Hubschrauberpilot ist, gab Jacobi in der Freizeit Theorieunterricht für den Helikopterführerschein. Andere boten Einführungskurse in die thailändische Sprache an, die Gruppe übte Theaterstücke ein, eine Amateurfunkklasse gründete sich, viele fotografierten und drehten Kurzfilme. „Wer sich abends immer mit einer DVD in sein Zimmer verzog, hatte mit dem Winter deutlich mehr zu kämpfen“, erzählt Emanuel Jacobi. Und weil die Bewohner auf sich allein gestellt waren, musste jeder eine Sicherheitsaufgabe übernehmen. So wurde Jacobi zwischendurch zum Feuerwehrmann, eine wöchentliche Löschübung inklusive. Und selbst für die freiwilligen Küchendienste am Sonntag, bei denen gekocht und gespült wurde, meldeten sich Interessenten.

„Was einem fehlt, ist draußen in einem Café zu sitzen, Vögeln zuzuhören und Bäume anzuschauen“, sagt Jacobi im Rückblick. Besonders habe er auch feuchte Luft vermisst, dort am Südpol mit seiner Luftfeuchtigkeit von null Prozent. Jacobi verzog sich deshalb öfters mit einem Buch in das Gewächshaus der Station. Dort war die Luft feucht und es wuchs frisches Grün – das war gewissermaßen der Nebeneffekt eines Experiments, in dem untersucht wird, wie sich potenzielle Mars-Expeditionen mit Vitaminen verpflegen lassen. Im Probelauf versorgte das Gewächshaus erst einmal die Bewohner des IceCubes mit frischen Nahrungsmitteln. „Obst und Gemüse gab es im Sommer immer mal wieder, aber im Winter wurde jedes bisschen frisches Grün sehr kostbar“, sagt Jacobi – und erinnert sich schmunzelnd an den Versuch, Erdbeeren am Südpol anzubauen. Es klappte: „Jeder Bewohner bekam eine einzige Erdbeere!“

„Man handelt deutlich langsamer, das soziale Miteinander wird anders und bei mir ließ zum Beispiel die Gedächtnisleistung nach.“

Das, was mit der Psyche in einer solchen extremen Umgebung passiert, nennt die Wissenschaft Winter-over-Syndrom. Was das bedeutet, erfuhr Emanuel Jacobi am eigenen Leib: „Man handelt deutlich langsamer, das soziale Miteinander wird anders und bei mir ließ zum Beispiel die Gedächtnisleistung nach.“ Ihm sei es schwergefallen, längere Sätze zu formulieren oder sich zu konzentrieren.

Dass Menschen, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben, die Erlebnisse in der Antarktis kaum nachvollziehen können, war Jacobi klar. „Man ist auf einer komplett anderen Wellen-länge unterwegs“, sagt er. Experten rieten ihm deshalb, nach dem Südpol-winter erst eine kleine Auszeit zu nehmen, bevor er wieder zu Familie und Freunden zurückkehrt. Er hörte auf sie, flog nach Neuseeland und Australien, genoss lange vermisstes Sushi und saß im botanischen Garten in Christchurch. „Das Schönste war, die Blumen zu riechen, das Grüne zu genießen und feuchte Luft zu atmen“, sagt er. Erst anschließend traf er seine Freundin in Hongkong, sie reisten zusammen drei Monate durch Asien. „Nach so einer langen Trennung sollte man gemeinsam etwas unternehmen“, ist er überzeugt. Es sei wichtig gewesen, nicht sofort mit den ganzen Emotionen und Gefühlen in den Alltag in Deutschland zu platzen.

Auch heute, mit dem Abstand von acht Jahren, hat Jacobi mit der Antarktis nicht abgeschlossen. Erst im vorigen Jahr veranstaltete er am DESY in Zeuthen ein Festival mit den besten Kurzfilmen, die auf verschiedenen Antarktis-Stationen gedreht wurden. Eine Rückkehr ins Eis kommt für Jacobi, der mittlerweile mit jener Frau verheiratet ist, die er in Hongkong nach über einem Jahr Trennung wiedersah, aber nicht infrage – derzeit. Jacobi schmunzelt: Während seiner Zeit als Winter-over lernte er einen Amerikaner kennen, mit dem er seither regelmäßig telefoniert. Die beiden verbindet ein Ziel: „Wir haben uns gesagt: ‚Wenn unsere Kinder aus dem Haus sind, dann bewerben wir uns noch mal!‘“

21.12.2017 , Benjamin Haerdle
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