Foto: DLR (CC-BY 3.0)

Der Aufsteiger

Bastian Schneider will Lufthansa-Pilot werden – und muss dafür nur noch eine Hürde nehmen: das Auswahlverfahren des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.

Er ist so weit gekommen. Nur zwei kleine Schritte noch. Natürlich wird er es nicht schaffen, denkt er, zu viel spricht dagegen. Andererseits sprach auch viel dagegen, dass er überhaupt an diesem Dezembermorgen hier sein würde, im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Hamburg, 5. Stock. Bastian Schneider wartet. Er trägt einen schwarzen Anzug, das Loch im Ärmel hat er gestern noch flicken lassen. Schneider läuft im Aufenthaltsraum auf und ab. Gleich geht es los. 10:30 Uhr. Schritt eins. Simulatortest.

Es war eine unwahrscheinliche Idee, Pilot zu werden. Und dann auch noch bei der Lufthansa, einer Airline, die sich jedes Jahr aus 5.000 Bewerbern die besten herauspickt. Die mit Einser-Abitur. Die, die wissen, dass eine Beechcraft Bonanza einen Boxer-Motor hat. Die im Simulator auf den Strich fliegen, wie man hier sagt. Die meisten Bewerber sind 19 oder 20 Jahre alt, manchmal ist eine Frau dabei, aber die meisten sind junge Männer. Viele träumen seit dem Kindergarten vom Fliegen. Und dann ist da Bastian Schneider. Mit 27 ist er älter als jeder andere Bewerber an diesem Tag. Mit 16 hat er eine Informatikfirma gegründet, die er seither führt. Er hat eine Kundenkartei mit 500 Einträgen und einen Jahresverdienst, bei dem das 60.000-Euro-Einstiegsgehalt als Lufthansa-Pilot ein deutlicher Rückschritt wäre.

Als Schneider zum ersten Mal in einem Flugzeug sitzt, ist er 24. Von Frankfurt nach New York. Seither ist er noch ein paar Mal geflogen. Fuerteventura, London, Edinburgh und jetzt von Köln nach Hamburg zum Auswahlverfahren. Das war’s. Das Gepose einiger Piloten unter seinen Facebookfreunden nervt ihn. Jede Woche ein neues Bild. Sonnenbrille. Uniform. Stewardessen am Pool. Caracas. Rio. Vancouver. Muss das sein? Im Cockpit war er während eines Fluges noch nie. Sein Vater arbeitet in einer Brauerei. Seine Mutter hat Flugangst.

„Lockern Sie bitte Ihre Krawatte und nehmen Sie Platz“, sagt Uschi Topp, Typ strenge Hanseatin. Bastian Schneider setzt sich in die kleine Kabine des Flugsimulators. Links der lange Schubhebel, vor ihm der Steuerknüppel. Schneider sitzt aufrecht. Er inspiziert die Instrumente vor ihm. Acht runde Anzeigen. Höhenmesser, Kompass, Drehzahlmesser, künstlicher Horizont. Schneider wirkt ruhig. Aber der Steuerknüppel ist feucht. Schneiders Hände schwitzen.

„Haben Sie sich auf den Simulator vorbereitet?“, fragt Uschi Topp. „Wenn ja, mit was für einer Software?“ „Nein, dafür hatte ich keine Zeit“, sagt Bastian Schneider. Er hat sich vorgenommen, ehrlich zu sein.
„Hmm.“ Uschi Topp macht sich eine Notiz. Mehr als eine Stunde lang fliegt Bastian Schneider Aufgaben, Muster, die aussehen wie von einem Kleinkind gemalt. Wilde Kurven, Steigungen in blau, Gefälle in grün. Schneider muss Kurse berechnen, 80/260er-Verfahrenskurven meistern, den richtigen Pitch finden. Was immer das alles bedeutet, er scheint es zu wissen. Ein bisschen muss er sich wohl doch vorbereitet haben.

Auf Uschi Topps Bildschirm hinterlässt Schneiders Fliegerei Kurven. Zu Beginn sehen sie aus wie Herz-Rhythmus-Störungen, wilde Zuckungen um eine gerade Linie, die die perfekte Höhe, die ideale Geschwindigkeit markiert. Bastian Schneider, so viel ist schnell klar, fliegt nicht auf den Strich. Uschi Topp notiert sich ein paar Mal das Wort „ungenau“. Nach der ersten Aufgabe fragt Schneider nach einem Glas Wasser. Uschi Topp sagt nein. 60 Sekunden bis zur nächsten Aufgabe, Startkurs 030, Flughöhe 6.000 Fuß, dann 180 Grad rechts...

Bei Bastian Schneiders erstem Flug, der Reise in die USA, war er in einer Boing 767 unterwegs, das weiß er noch. Mittelplatz. Er war aufgeregt. Beim Start in Frankfurt drückte ihn die Beschleunigung in den Sitz. Neben ihm, am Fenster, saß ein Japaner und schlief. Aber in Schneiders Gesicht zementierte sich ein Lächeln, nein, ein Lachen. Und es ging nicht mehr weg. Minutenlang. Er war euphorisiert. Eine Stewardess fragte ihn, ob es ihm gut gehe. Später führte sie ihn durchs Flugzeug, ließ ihn in den Ruhebereich für die Crew. Nach der Landung ging sie mit ihm ins Cockpit. „Das Fliegen war das Highlight des ganzen Urlaubs“, sagt Schneider heute.

Die zweite Aufgabe ist schwieriger. Immer noch sitzt Schneider im Simulator wie eine Statue. Nur die Arme bewegen sich, geschmeidig, millimeterweise. Die Augen starren auf den Bildschirm. Dieses Mal hält er Höhe und Geschwindigkeit. Aber eine Kurve nimmt er zu steil, muss den Kurs korrigieren. Uschi Topp hustet.

Bei der dritten Aufgabe berechnet er einmal den Kurs falsch, merkt es aber rechtzeitig. Er fliegt ordentlich. Die Kurven auf ihrem Bildschirm haben sich stabilisiert. Uschi Topp macht sich Notizen und schickt Schneider nach draußen.
Drinnen sagt Topp: „Wenn er wirklich nicht geübt hat, war das ziemlich gut. Ein sehr ruhiger Flieger.“
Draußen sagt Schneider zu seinen Mitbewerbern: „Hätte besser laufen können. Bei jedem Fehler hat sie gehustet. Das hat mich fast wahnsinnig gemacht. Ich habe aber versucht, Ruhe auszustrahlen.“

Nach seinem USA-Urlaub wird Bastian Schneider den Gedanken nicht mehr los, beruflich zu fliegen. Er denkt darüber nach, nebenbei als Flugbegleiter zu arbeiten, die Zeit in seiner Firma kann er sich schließlich frei einteilen. Aber er ist nicht der Typ für halbe Sachen. Irgendwann fragt ihn ein Freund im Scherz: „Warum wirst du nicht Pilot?“

Ja, warum eigentlich nicht? Er informiert sich und merkt, dass nicht nur Supersportler Piloten werden können. Dass seine Kurzsichtigkeit kein Problem ist. Dass die meisten Vorstellungen, die über die Pilotenausbildung kursieren, Mythen sind. Ja, es ist schwer, aber nicht unmöglich, denkt Schneider. Ein Jahr grübelt er, drei Monate feilt er an seinem Motivationsschreiben. Er setzt das Blog „Bastian will in den A380“ auf, zunächst können es nur Freunde lesen. Für die Öffentlichkeit freischalten will er es erst, wenn er die Ausbildung beginnt. Er bereitet seine Mitarbeiter darauf vor, dass er die Firma vielleicht bald verlassen wird. Im Oktober 2012 schickt er die Bewerbung ab

15:25 Uhr. Bastian Schneider schaut aus dem Fenster. Draußen stürmt Orkan Xaver über Hamburg. Der Hamburger Flughafen, nur einen Kilometer entfernt, hat seinen Betrieb eingestellt. Bastian Schneider wartet. In fünf Minuten soll sein Interview beginnen. Der letzte Schritt. Er sagt: „Mein Pulsschlag droht, meine Krawatte zu sprengen.“ Auf seinem Smartphone liest er noch einmal nach, welche Flugzeuge welche Motoren haben.

Nur etwa zwölf bis 15 Prozent aller Bewerber schaffen es bis zum Interview. Alle haben sie bis dahin bewiesen, dass sie rechnen, Körper im Raum drehen, gut Englisch sprechen können. Sie haben technisches Feingefühl am Joystick gezeigt, ein Streitgespräch mit einem Psychologen bestanden, in einem Rollenspiel mit Bewerbern ein Problem gelöst und Führungsqualitäten erkennen lassen. Und wenn sie im Simulator nicht auf den Strich geflogen sind, waren sie nicht weit davon weg. Wie Bastian Schneider. Aber nur wer im Interview überzeugt, darf die Pilotenausbildung beginnen. Zweieinhalb Jahre: Theorie in Bremen. Flugstunden in Phoenix, Arizona. Ausbildung auf einem Airbus A320 in Frankfurt. Am Ende werden die Piloten den schwierigen Anflug auf Bogotá beherrschen und wissen, wie sie Streits unter Passagieren schlichten können. Sie werden wissen, wann sie einem Kapitän widersprechen und die Kontrolle im Cockpit übernehmen müssen. Sie werden für eine der besten Airlines der Welt fliegen, so verspricht es die Lufthansa.

Um kurz nach vier wird Bastian Schneider zum Interview gebeten. Ihm gegenüber sitzen ein Lufthansa-Kapitän und zwei DLR-Psychologinnen. Schneider knetet seine Finger. „Warum interessierten Sie sich so spät für die Fliegerei?“, fragt der Kapitän. Erwartbare Frage. Schneider erzählt vom Amerikaflug. Vom Dauerlächeln. So weit, so gut.

„Können Sie erklären, wie sich ein Flugzeug verhält, wenn ich den Schub erhöhe? Welche Kräfte wirken da?“ „Ich verstehe die Frage nicht. Das ist mir zu abstrakt.“ „Wie funktioniert ein Elektro-Motor?“ Schneider erzählt etwas von Spulen, Magneten und Wechselspannung. Der Kapitän sagt: „Wenn ich Kind wäre, könnte ich es mir nicht vorstellen.“ Schneider wirkt verunsichert.

Eine halbe Stunde darf er dann noch erklären, wie wichtig ihm dieser Job ist, dass er sofort seine Firma aufgeben würde. Dann wird er hinausgebeten. Schneider hat ein ganz gutes Gefühl, sagt er. Fünf Minuten später rufen sie ihn wieder rein.Der Kapitän sagt: „Wir haben gute Nachrichten für Sie!“ „Im Ernst?“ „Bei so etwas machen wir keine Scherze. Herzlichen Glückwunsch!“ Bastian Schneider hat es geschafft. Irgendwann in den nächsten Monaten wird er seine Pilotenausbildung anfangen. Vielleicht wird er der älteste Flugschüler mit den wenigsten Flügen sein. Er verlässt den Raum mit einem breiten Lächeln. Ungefähr so muss er damals im Flugzeug nach New York ausgesehen haben, sagt er. Draußen schaltet er sein Handy an. Ein paar neugierige Freunde haben geschrieben. Und eine E-Mail der Lufthansa ist gekommen. Sein Rückflug am nächsten Morgen wurde wegen des Orkans gestrichen.

„Das geht ja gut los“, sagt er und lacht. Ob er jetzt die Bahn zurück nach Köln nehme? „Ich warte lieber auf den nächsten Flug“, sagt Schneider und tritt hinaus in den stürmischen Abend.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehört, betreibt in Hamburg das Testcenter Cockpit. Darin prüfen DLR-Experten die Bewerber für verantwortungsvolle Posten in der Luftfahrt; angehende Piloten mehrerer Fluggesell-
schaften und künftige Fluglotsen müssen sich den Tests unterziehen. Mit ihrer Forschung tragen die Wissenschaftler somit unmittelbar zur Sicherheit des Luftraums bei.

18.02.2014 , Bastian Berbner
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