Allergien

Trinken statt Niesen

Milch könnte beim Schutz vor Allergien eine wichtige Rolle spielen. Ein Forscherteam aus München startet jetzt eine neue Studie mit Kindern, die gerade abgestillt werden.

Die Haut ist blutig aufgekratzt, die Augen brennen und tränen, das Atmen fällt schwer oder das Kribbeln in der Nase hört einfach nicht auf. Wer von einer Allergie wie Neurodermitis oder Heuschnupfen geplagt ist, kennt diese Symptome. Wer davon verschont ist, möchte mit den Betroffenen nicht tauschen. Doch verschont bleiben davon immer weniger Menschen: Die Allergierate in Deutschland steigt seit Jahrzehnten. 40 Prozent aller Erwachsenen geben mittlerweile an, mindestens einmal im Leben an einer Allergie gelitten zu haben. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bezeichnet diese Erkrankung deshalb bereits als Volkskrankheit.

Wissenschaftler forschen schon lange an den Ursachen von Allergien. Sie hoffen, dass sie ihnen so besser vorbeugen und Betroffene gezielter behandeln können. Eine dieser Forscherinnen ist Erika von Mutius. Die Kinderärztin und Allergologin arbeitet am Münchener Universitäts-Klinikum, außerdem leitet sie am Helmholtz Zentrum München das neue Institut für Asthma- und Allergieprävention. Seit den 90er-Jahren befasst sie sich mit dem Thema. "Damals stieß ich zufällig auf einen merkwürdigen Zusammenhang", erzählt sie. Ihrem Team fiel bei einer Befragungsstudie auf, dass Kinder, die auf Bauernhöfen lebten, seltener Asthma und Heuschnupfen hatten als andere Kinder.

„Demnach haben ungefähr 45 Prozent aller Kinder, die nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, einen positiven Allergietest, ihr Immunsystem überreagiert also schon.“ Diese Beobachtung könnte auf der sogenannten Hygiene-Hypothese beruhen: Sie besagt, dass Kinder, deren Immunsystem sich mit vielen kommensalen, also nicht krank machenden Mikroben auseinandergesetzt hat, weniger anfällig für Allergien sind. „Damals hatte uns eigentlich die Rolle der Luftverschmutzung interessiert“, erzählt Erika von Mutius. „Da fiel uns auf, dass Kinder, bei denen zu Hause mit Holz und Kohle geheizt wurde, seltener Asthma und Allergien hatten.“ Doch wie hing das zusammen? Auf die Spur brachte sie ein Schularzt aus der Schweiz: Er hatte beobachtet, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwuchsen, seltener mit Heuschnupfen zu ihm kamen. In ihren Befragungen stellte sich dann heraus, dass auf Bauernhöfen öfter mit Holz und Kohle geheizt wurde. „So sind wir auf diese Fährte gestoßen, dass das Auftreten von Asthma und Heuschnupfen mit dem Bauernhofleben zusammenhängen könnte“, erzählt Erika von Mutius.

Ihrer Meinung nach wirkt das Aufwachsen auf einem traditionellen Hof wie eine Art Schutzdeckel. Die dortigen Umweltfaktoren stärken das Immunsystem. "Wenn wir diesen Schutzdeckel verlieren, gibt es plötzlich viele Risikofaktoren für uns." Sie meint damit zum Beispiel Luftverschmutzung, Rauchen, bestimmte Nahrungsmittel, Bewegungsmangel oder Stress. Diese Risiken treten vor allem im urbanen Milieu auf. Wer in der Stadt lebt, hat deshalb ein höheres Allergierisiko. Das deckt sich mit den neuesten Untersuchungen der Wissenschaftler: Demnach haben ungefähr 45 Prozent aller Kinder, die nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, einen positiven Allergietest, ihr Immunsystem überreagiert also schon.

"Ich glaube, dass es eine gewisse Exposition braucht, um den Allergieschutz zu erlangen. Ferien auf dem Bauernhof allein reichen da wohl nicht aus." Erika von Multius

Dass es einen Zusammenhang zwischen dem bäuerlichen Umfeld und einer Allergieresistenz gibt, ist mittlerweile durch über 40 Studien belegt. Einige Beobachtungsstudien zeigen auch, dass dieser positive Effekt bei Nachbarskindern, die mit ihren Freunden vom Bauernhof spielen, ebenso eintritt. Doch was dafür wirklich ursächlich ist, wissen die Forscher bislang nicht. Sind es die Pollen, die Tierhaare oder spezielle Mikroorganismen? In diesem Jahr wird Erika von Mutius eine neue Studie starten, denn sie will die Rolle von Milch genauer untersuchen. "Der besondere Allergieschutz von Bauernhofkindern könnte zum Teil durch den Konsum von Rohmilch entstehen. Denn wir haben gesehen, dass Kinder auf Bauernhöfen oft unbehandelte Milch trinken", sagt die Forscherin.

Mit einer niederländischen Molkerei, die eine nur sehr gering behandelte Milch zur Verfügung stellt, haben die Wissenschaftler deshalb eine Kooperation geschlossen. Die Milch sei mikrobiologisch sicher, enthalte also keine krank machenden Keime, sagt von Mutius. Sie sei aber ansonsten so belassen wie eine Rohmilch. Die Auswirkungen dieser Milch sollen im Vergleich mit einer ultrahocherhitzten, also einer sehr stark behandelten Milch getestet werden. Dazu sollen Kinder, die gerade abgestillt werden, das Äquivalent von ein bis zwei Gläsern pro Tag trinken. "Wir wollen also das tun, was die Bauernhofkinder tun und worauf wir den asthma- und allergieschützenden Effekt zurückführen", sagt von Mutius. "Wir glauben, dass Milch ihren Schutzeffekt verliert, wenn sie zu sehr behandelt wird." Welche Substanzen dabei verloren gehen, könne man bislang nicht genau sagen. Infrage kommen zum Beispiel bestimmte Proteine oder Fette.

Erste Ergebnisse erhoffen sich die Forscher in fünf bis sieben Jahren. „Dann hoffen wir, nachweisen zu können, ob der Konsum unterschiedlicher Milch sich auf das Auftreten von Asthma und Allergien auswirkt“, sagt von Mutius. „Wenn wir die Wirkung von minimal behandelter Milch in der neuen Interventionsstudie bestätigen, könnten wir deren Verzehr sogar als Schutz gegen Allergien empfehlen.“

Doch bis dahin müssen Betroffene noch auf die bisherigen Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten zurückgreifen. Eltern betroffener Kinder sollten deshalb unbedingt einen Kinderarzt mit allergologischer Zusatzausbildung aufsuchen, rät von Mutius. Der empfiehlt in der Regel, eine Nahrungsmittelallergie mit einer speziellen Diät zu behandeln. Gegen Heuschnupfen raten die Allergologen zu lokalen Antihistaminika oder eventuell Kortison, unter Umständen auch zu einer Hyposensibilisierung. Gegen Asthma hilft meistens Inhalieren. Mit der Behandlung solle man rechtzeitig beginnen. Erstens lässt sich so das Leiden der Kinder lindern, etwa das Jucken bei Neurodermitis oder die Atemnot bei Asthma. Und zweitens beugt es am besten einer Verschlimmerung bis hin zu einer chronischen Erkrankung vor.

Und wie wäre es einfach mit Ferien auf einem Bauernhof? Erika von Mutius ist da zurückhaltend. „Ich glaube, dass es eine regelmäßige Exposition braucht, um den Allergieschutz zu erlangen. Ferien auf dem Bauernhof allein reichen da wohl nicht aus.“ Kinder, die bereits allergisch seien, könnten bei einem Besuch auf dem Hof im Gegenteil sogar eher Gesundheitsprobleme bekommen. „Da sollten Eltern sehr vorsichtig sein“, rät sie. „Allergische Reaktionen darf man nicht unterschätzen.“

Allergieinformationsdienst

Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit hat das Helmholtz Zentrum München den Allergieinformationsdienst aufgebaut. Er richtet sich an Betroffene und ihre Angehörigen ebenso wie an die interessierte Öffentlichkeit. Dort sind wissenschaftlich geprüfte Informationen aus allen Bereichen der Allergieforschung zusammengestellt.

10#Fakten: Sie wollen mehr über Allergien wissen? Hier gibt es zehn Fakten dazu.

03.01.2018 , Roland Koch
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