Helmholtz Pioneer Campus

Platz für Forschungspioniere

Zeichnung des geplanten Helmholtz Pioneer Campus, der bis 2021 entstehen soll. Skizze: Wulf Architekten

Am Helmholtz Zentrum München entsteht ein Campus, auf dem Ingenieure und Forscher verschiedener Disziplinen zusammenarbeiten, weitgehend befreit von den bürokratischen Zwängen des Wissenschaftsbetriebs.

So etwas müsste sich doch auch in Deutschland etablieren lassen – davon war Matthias Tschöp überzeugt. Rund zehn Jahre ist das jetzt her: Der deutsche Mediziner war mittendrin in seiner amerikanischen Forschungskarriere, und entdeckte in einem Modellprojekt des Howard Hughes Medical Institute (HHMI) in der Nähe von Washington ideale Bedingungen für fundamentale Forschung. "Dort können Spitzenforscher ihre Visionen frei von den üblichen Förderanträgen und der Administration umsetzen", sagt Tschöp mit Blick auf den Janelia Research Campus – eine Forschungsumgebung, in der es weniger um Anträge und bürokratische Fleißarbeit geht als vielmehr um die pure Konzentration auf die Wissenschaft.

Jetzt nimmt Tschöps Vision von damals Gestalt an: In München entsteht unter dem Dach des Helmholtz Zentrums München der Helmholtz Pioneer Campus – dort sollen sich die Wissenschaftler genauso auf ihre Forschung konzentrieren können, wie es Tschöp damals in Amerika erlebte. "Das ermöglicht die Bearbeitung von grundlegenden Fragestellungen in der biomedizinischen Forschung; von Problemen, die aufgrund ihres ungewissen Ausgangs an anderen Einrichtungen nur schwer in Angriff genommen werden können", sagt Matthias Tschöp. Er ist inzwischen Direktor des Instituts für Diabetes und Adipositas am Helmholtz Zentrum München, zugleich Alexander von Humboldt-Professor für Stoffwechselerkrankungen an der Technischen Universität München – und einer der beiden wissenschaftlichen Gründungsdirektoren des Helmholtz Pioneer Campus.

Die Kernidee der neuen Einrichtung: Für eine Dauer von fünf bis sieben Jahren sollen sich junge Wissenschaftler, die bislang an renommierten Universitäten oder Forschungseinrichtungen in aller Welt gearbeitet haben, ganz auf ihre Forschung konzentrieren können – ohne sich um Lehre, Projektanträge oder Finanzierungsfragen kümmern zu müssen. Möglich wird das durch eine großzügige finanzielle Ausstattung und eine Administration, die den Forschern den Rücken freihält. Thematisch steht die Stoffwechselforschung im Mittelpunkt; es geht um Krankheiten wie Diabetes und Adipositas (also Fettleibigkeit) sowie um angrenzende Bereiche wie Stammzellforschung, Neuro- und Immunbiologie und Krebsforschung – der breite Fokus hat damit zu tun, dass vielen menschlichen Erkrankungen fundamentale Stoffwechselveränderungen zugrunde liegen. Die Grundlagenforschung am Helmholtz Pioneer Campus, so lautet der Anspruch, soll zugleich über Patente und Ausgründungen direkt in die medizinische Praxis überführt werden.

Eine weitere zentrale Idee ist, dass dort Wissenschaftler verschiedener Disziplinen eng zusammenarbeiten. "In der heutigen Wissenschaft entsteht Innovation immer an der Schnittstelle verschiedener Forschungsfelder", sagt Thomas Schwarz-Romond, er ist operativer Direktor des neuen Campus. Biologen, Chemiker, Physiker sowie Ingenieure und Mediziner sollen nicht nur Tür an Tür, sondern innerhalb gemischter Teams forschen. "Zunächst planen wir kleine, effiziente Teams mit einem Leiter und jeweils fünf Mitarbeitern", sagt Co-Direktor Schwarz-Romond: "Je nach Erfolg können diese Teams wachsen oder wir rekrutieren komplementäre Expertenteams hinzu." 20 Teams mit insgesamt etwa 200 Forschern sollen es insgesamt werden.

"Am Helmholtz Pioneer Campus befruchten sich Biomedizin und Technologie wechselseitig."

Dahinter steht die Überzeugung, dass viele heutige Krankheitsbilder so komplex sind, dass ein Wissenschaftler oder eine Fachrichtung allein sie nicht mehr bearbeiten kann. Ein besonderes Augenmerk des Großprojekts liegt deshalb auf der engen Verbindung von biomedizinischer und ingenieurstechnischer Forschung. Innovative Technologien sollen zum einen neue Entdeckungen, zum anderen schnelle Anwendung in der Praxis ermöglichen. "Grundlegende Erkenntnisse lassen sich heute ohne den Einsatz von Technologie kaum gewinnen", erklärt Vasilis Ntziachristos, neben Tschöp der andere wissenschaftliche Direktor: "Aber häufig wird die Technologie nur als reine Anwendung gesehen und nicht als Wissenschaft auf Augenhöhe, die gleichberechtigt zum Erfolg des Forschungsvorhabens beiträgt." Er denke dabei nicht nur an moderne Bildgebungsverfahren oder die Auswertung großer Datenmengen, sondern auch an Miniaturisierung, Automatisierung und Robotertechnik zur klinischen Anwendung. "Am Helmholtz Pioneer Campus befruchten sich Biomedizin und Technologie wechselseitig entlang der Wertschöpfungskette von Entdeckung, Validierung bis hin zur Produktidee", so Ntziachristos, der auch Direktor des Instituts für Biologische und Medizinische Bildgebung am Helmholtz Zentrum München ist.

Durch seinen Lehrstuhl an der Technischen Universität München sowie die Anbindung an deren interdisziplinäres Krebsforschungszentrum TranslaTUM hat er bereits viel Erfahrung im vernetzten Arbeiten. Jetzt, in der Startphase, arbeiten die jungen Wissenschaftler zunächst an verschiedenen Instituten des Helmholtz Zentrums München auf dem Campus Neuherberg, sind organisatorisch aber eingebettet in ein dynamisches Netzwerk hochklassiger Münchner Forschungseinrichtungen. Der Helmholtz Pioneer Campus wird in einen Neubau einziehen, der ab dem nächsten Jahr gebaut werden soll: 4.500 Quadratmeter umfassen die Forschungslabore, die bis 2021 in Betrieb gehen sollen. Organisatorisch ist der neue Campus als unabhängiges Projekt am Helmholtz Zentrum München angesiedelt. "An dieser Stelle gehört unser ausdrücklicher Dank der früheren bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner", erklärt der CEO des Helmholtz Zentrums München Günther Wess. "Ohne sie wäre das Projekt nicht möglich gewesen."

Die neue Münchner Einrichtung lockt Spitzenforscher aus aller Welt nach Deutschland.

Ein Ziel, das zeigt sich schon jetzt in den ersten Monaten des Betriebs, lässt sich erreichen: Die neue Münchner Einrichtung lockt Spitzenforscher aus aller Welt nach Deutschland. Einer von ihnen ist der Biochemiker Oliver Bruns, der bislang am Massachusetts Institute of Technology (MIT) forschte. Ihn habe gerade der interdisziplinäre Ansatz gereizt, erzählt er: Aus Biologie und Biochemie kommend, befasst er sich in seiner Forschung auch mit Material- und Ingenieurwissenschaften. Bruns entwickelt Bildgebungstechniken im Infrarotbereich, die eines Tages unter anderem in der Diabetesforschung zum Einsatz kommen könnten. "Ich möchte diese Techniken so weit ausarbeiten, dass sie in der Klinik anwendbar sind", sagt Oliver Bruns. Dazu arbeitet er eng mit Ingenieuren, Informatikern, Physikern, Biochemikern und Medizinern zusammen, damit nicht nur eine ausgereifte Technik, sondern auch die direkte Anwendung in der medizinischen Praxis gewährleistet ist. "Wichtig ist dabei die ständige Rückkopplung. Deshalb will ich meine Gruppe so aufbauen, dass alle grundlegenden Forschungs-bereiche vorhanden sind."

Der Biophysiker Matthias Meier ist ebenfalls einer der ersten Forscher am neu gegründeten Helmholtz Pioneer Campus. Meier war zuvor in Stanford und pendelt derzeit noch zwischen der Universität Freiburg und München. Er beschäftigt sich mit sogenannten Biochips: miniaturisierten Zellkultursystemen, die zum Beispiel das menschliche Fettgewebe außerhalb des Körpers simulieren und an denen sich mechanische, chemische und strukturelle Eigenschaften erforschen lassen. Deshalb brauche er in seinem Team Experten verschiedenster Disziplinen, um die komplexen Prozesse nachbilden zu können – genau das, wofür der Pioneer Campus entsteht.

Website Helmholtz Pioneer Campus

07.07.2018 , Harald Olkus
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