Langzeit-Gesundheitsstudie

Nationale Kohorte nimmt Fahrt auf

Bild: fotolia.com/Ints Vikmanis

Die Nationale Kohorte, die bisher größte Bevölkerungsstudie Deutschlands, wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren die Gesundheit von 200.000 Menschen unter die Lupe nehmen, um die Entstehung chronischer Erkrankungen besser verstehen und behandeln zu können. Nun sind alle 18 Studienzentren an Board und die NaKo wurde offiziell eröffnet – ein Gespräch über Blutproben, Datenschutz und Hoffnung

Eine so aufwendige Studie ist in Deutschland ohne Beispiel. Warum sind Sie erst jetzt darauf gekommen?

Karl-Heinz Jöckel: Naja, wir arbeiten ja schon sehr lange an dem Konzept der Nationalen Kohorte. Eine erste Arbeitsgruppe dazu wurde bereits 2009 eingerichtet, mit dem Auftrag, Planungen und Vorstudien durchzuführen. Auch ein Studienprotokoll mussten wir entwickeln, das den Ansprüchen der aktuellen medizinischen und epidemiologischen Forschung genügt. Wir haben Ethik-, Datenschutz- und IT-Konzepte erstellt, die von unabhängigen Prüfern begutachtet worden sind. Das hat jede Menge Zeit gekostet. Aber es hat sich gelohnt: Jetzt können wir es kaum erwarten, mit dem ersten Probanden zusammenzuarbeiten.

Welche Erkrankungen nehmen Sie bei Ihrer Studie unter die Lupe?

Karin Halina Greiser: Im Vordergrund stehen chronische Krankheiten mit hoher gesellschaftlicher Relevanz, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Lungenerkrankungen, Demenz und Depressionen. Es geht aber auch um Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems sowie um Nieren- oder Magen-Darm-Erkrankungen.

Kann diese Studie endlich alle Fragen zur Entstehung der Volkskrankheiten beantworten?

Jöckel: Es wird immer offene Fragen geben, da müssen wir uns nichts vormachen. Aber die Nationale Kohorte wird einen ganz erheblichen Erkenntnisgewinn liefern, der für die weitere Erforschung von Volkskrankheiten, ihrer Entstehung und Vermeidung immens wichtig ist.

Greiser: Im Fokus stehen die Früh- und Vorstufen von Erkrankungen. Wir sehen deshalb einen langen Beobachtungszeitraum vor, um immer wieder Informationen zum Gesundheitszustand der Probanden einzuholen. So können wir zum Beispiel rückblickend feststellen, ob es bei später erkrankten Probanden vorher schon Faktoren gab, die deutlich ausgeprägter waren als bei gesunden Vergleichspersonen.

Die Studie basiert auf der riesigen Zahl von Teilnehmern. Aber wie finden Sie 200.000 Menschen, die über Jahrzehnte hinweg ständig zum betreuenden Arzt gehen?

Jöckel: Moment, von ständigen und über Jahrzehnte sich fortsetzenden Arztkonsultationen kann keine Rede sein. Es geht um zwei Untersuchungen im Laufe von etwa zehn Jahren. Und zur Auswahl der Probanden: Sie werden per Zufalls-Stichprobe vom jeweiligen regionalen Einwohnermeldeamt gezogen. Wir schicken ihnen dann ausführliche Informationen und eine Einwilligungserklärung, die im Detail besprochen wird. Erst wenn sie unterschrieben ist, erfolgt die Registrierung. Selbstverständlich kann die Einwilligungserklärung jederzeit widerrufen werden.

Aber nochmal zum Aufwand: Wieviel Zeit kostet es, an der Studie teilzunehmen?

Greiser: Alle 200.000 Studienteilnehmer durchlaufen einige Basisuntersuchungen, die etwa zweieinhalb Stunden dauern. 40.000 zufällig ausgewählte Probanden untersuchen wir ausführlicher, das dauert dann rund vier Stunden. Danach folgt erst nach vier bis fünf Jahren die nächste Untersuchung. In der Zwischenzeit bekommen die Probanden alle zwei bis drei Jahre Fragebögen, um individuelle Veränderungen zu erfassen, zum Beispiel hinsichtlich des Lebensstils.

Profitieren die Probanden bei all dem Aufwand auch selbst von der Studie?

Jöckel: Sie bekommen eine Aufwandsentschädigung, die vor allem die Anfahrtskosten decken soll. Und sie erhalten nach der Untersuchung einen Brief, in dem wesentliche Ergebnisse zusammengefasst sind, soweit die Probanden darüber informiert werden wollen.

Greiser: Natürlich ist aber sowohl die ärztliche Diagnose als auch die Behandlung den Kollegen im Krankenhaus und der ärztlichen Praxis vorbehalten. Die Untersuchungsergebnisse können allerdings Anlass geben, den behandelnden Arzt aufzusuchen, um weitere Schritte zu besprechen.

Wenn ich ein Auserwählter wäre: Wie sähe ein typischer Untersuchungstag aus?

Greiser: Die Untersuchungen finden im Studienzentrum Ihrer Region statt. Als erstes erheben wir wichtige Daten wie Blutdruck und Lungenfunktion, Größe und Gewicht, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung. Wir stellen Fragen zu Lebensstilfaktoren wie Ernährung oder sportlicher Aktivität, aber auch zu Faktoren wie Bildung, Überforderung oder Anerkennung am Arbeitsplatz. Das medizinische Fachpersonal im Studienzentrum nimmt von Ihnen unter anderem Proben von Blut, Urin, Speichel und Stuhl, die in einer Biobank eingelagert werden. Danach sind Sie fürs erste entlassen - außer, Sie gehören zu den zufällig ausgewählten 40.000 Probanden mit umfangreicherem Programm. Dann untersuchen wir noch Ihr Schlafverhalten, prüfen per Ultraschall Ihr Herz und machen ein Elektrokardiogramm (EKG).

Was passiert anschließend mit den Daten?

Greiser: Die Studie unterliegt einem strengen Datenschutzkonzept. Das muss auch so sein, denn wir sammeln eine Vielzahl von Daten und Proben - derzeit gehen wir von etwa 20 Millionen Bioproben aus. Alle Informationen werden zentral zusammengeführt und verschlüsselt, so dass keine Rückschlüsse auf die individuellen Verhältnisse einzelner Personen gezogen werden können. Eine Re-Identifikation einer Person ist ausschließlich über die unabhängige Treuhandstelle oder das Teilnehmermanagement im jeweiligen Studienzentrum möglich.

Gibt es im Ausland vergleichbare Studien?

Jöckel: In Frankreich zum Beispiel wird eine vergleichbare Studie aufgesetzt, auch in Großbritannien, Schweden, Holland, Kanada und China gibt es solche Untersuchungen. Die Nationale Kohorte in Deutschland hat einige Alleinstellungsmerkmale, etwa in Komplexität und Tiefe. Trotzdem ist sie so aufgebaut, dass sie mit anderen internationalen Studien möglichst kompatibel ist. Dadurch können sie für spezifische Fragestellungen zusammengefasst werden - das ist besonders von Vorteil, wenn man seltene Krankheiten untersucht, deren Erforschung eine sehr große Anzahl von Studienteilnehmern erfordert.

Werden die Ergebnisse in absehbarer Zeit zu neuen Therapien führen?

Greiser: Wir wollen Risiko- und Schutzfaktoren für bestimmte Krankheiten identifizieren. Im Idealfall führt das zu einer Verbesserung von Prävention, Früherkennung und Diagnostik. Mit Ergebnissen von ersten Folgestudien, die auf dem gewonnenen Datenmaterial aufbauen, kann bereits in den nächsten Jahren gerechnet werden. In einem zweiten Schritt kann es durchaus sein, dass mithilfe der Daten auch neue Therapieansätze entwickelt werden. Das ist aber Zukunftsmusik und lässt sich, wie immer in der Forschung, nicht vorhersehen.

Das Interview führte Janine Tychsen

Website Nationale Kohorte

Pressemeldungen zum offiziellen Start der Nationalen Kohorte durch die Bundesministerin Johanna Wank

200.000 Frauen und Männer helfen, Krankheiten besser zu verstehen – NaKo-Studie offiziell gestartet (Helmholtz Gemeinschaft)

Größte deutsche Gesundheitsstudie startet (BMBF)

10.11.2014 , Janine Tychsen
Leserkommentare, diskutieren Sie mit (2)
Andreas Zeisler 11-11-2014 00:11

In wieweit werden in dieser Studie die Ergebnisse aus den Studien der letzten 30 Jahren berücksichtigt? Wie berichtet wird, fließen bekannte Studien ein. Gilt dies auch für die sog. China Study von T. Cambel, die ja bereits über 30 Jahre läuft?
Es wäre sicherlich sehr interessant, ob die Ernährung der Menschen auch in dieser neuen Studie eine wichtige Rolle spielt. Auf der anderen Seite finde ich eine weitere Studie auch als Geldverschwendung, wenn die Ergebnisse bei den Politikern nur Abwehrreaktionen hervorrufen, wie z.B. die Skandinavische Studie über Milchkonsum. Es wäre eigentlich dringender notwendig zu handeln als eine weitere Studie zu machen um die Erkenntnisse aus alten Studien 30 Jahre später zu bestätigen.

Nationale Kohorte e.V. 22-12-2014 15:12

Sehr geehrter Herr Zeisler,

wir freuen uns sehr über Ihr Interesse an der Gesundheitsstudie der Nationalen Kohorte.

Zu Ihrer Frage bezüglich der Berücksichtigung der Ergebnisse aus Studien der vergangenen 30 Jahre können wir Ihnen versichern, dass diese selbstverständlich in unsere Studie einfließen.

Die „China Study“ ist für die Erforschung des maßgeblichen Einflusses der Ernährung auf die Entwicklung chronischer Erkrankungen ein wichtiges Projekt, dessen Untersuchungsumfang in Bezug auf die Nahrungsaufnahme jedoch begrenzt ist. Bei der NAKO werden die Daten der langfristigen Ernährungsgewohnheiten anhand von Methoden (Abfrage des Ernährungsverhaltens bezogen auf 24 Stunden in Kombination mit einem Fragebogen) ermittelt, die gegenüber den bislang in großangelegten prospektiven Kohortenstudien verwendeten Methoden zur Beurteilung der Ernährung wesentlich genauer sind. Darüber hinaus werden diese Untersuchungen über einen Zeitraum von 10 Jahren mindestens zweimal durchgeführt. Und schließlich ermöglicht die wiederholte Blutabnahme, die ebenfalls zweimal innerhalb eines Zeitraums von 10 Jahren erfolgt, durch die Bestimmung der ernährungsrelevanten Biomarker im Blut eine genauere Beurteilung des Ernährungsstatus. Neben den Untersuchungen zur Ernährung wird die NAKO auch die modernsten Methoden zur Messung der körperlichen Bewegungsmuster (wobei eine Kombination aus Fragebögen und Akzelerometrie zum Einsatz kommt) und zur Bestimmung der Körperzusammensetzung (bioelektrische Impedanzanalyse; abdominale Echographie) einsetzen. Diese verbesserten Messverfahren ermöglichen eine genauere Beurteilung der Zusammenhänge zwischen Ernährung, Markern des Ernährungsstatus und dem Auftreten chronischer Erkrankungen.

Zusammengefasst ist es das Ziel der Gesundheitsstudie NAKO, neues, weit über den heutigen Erkenntnisstand hinausgehendes Wissen darüber zu erlangen, wie sich Lebensstilfaktoren und Ernährungsgewohnheiten neben vielen anderen Faktoren auf das Erkrankungsrisiko auswirken. Eine so umfangreiche finanzielle Investition in eine solche Studie lässt sich nur rechtfertigen, wenn man von ihr wichtige neue Erkenntnisse erwarten kann. Der NAKO-Gesundheitsstudie ging eine Vorbereitungs- und Testphase von über fünf Jahren voraus. In dieser Zeit haben das BMBF, die Ländervertretungen und die Helmholtz Gemeinschaft als Hauptgeldgeber des Projektes eine Reihe von Begutachtungen durch internationale Expertengremien veranlasst, um das Konzept der NAKO im Hinblick auf die erwarteten Erkenntnisse im Detail zu prüfen. Bei allen diesen internationalen Begutachtungen wurden die Neuartigkeit, die Gründlichkeit der Studienprotokolle und die ambitionierten Forschungspläne als besonders positiv hervorgehoben.

Wir bedanken uns für Ihr Interesse.

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