Zur Bekämpfung von Krebs verspricht die maßgeschneiderte Kombination verschiedener Therapien den größten Erfolg. Ein Verfahren ist die Immuntherapie, bei Immunzellen (Blau) gezielt Krebszellen (Gelb) zerstören. Bild: Juan Gärtner/Fotolia

Die Zukunft der personalisierten Medizin

Jeder Mensch ist anders. Dieser Satz gilt nicht nur für seinen Charakter, sondern auch für seinen Körper. Dieselbe Krankheit kann bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich verlaufen, auch ihre Reaktionen auf eine bestimmte Therapie können vollkommen unterschiedlich ausfallen.

Genetische Veranlagung, Lebensstil, Geschlecht und Alter: Anhand solcher individueller Faktoren sollen daher künftig maßgeschneiderte Behandlungsverfahren entwickelt werden. Genau das ist der Ansatz in der personalisierten Medizin. "Für jeden Patienten genau die Behandlung anzubieten, die er und nur er braucht", so beschreibt Otmar Wiestler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrum "den Traum der Medizin, der seit Jahrhunderten besteht", (s. u. Interview mit Otmar Wiestler). Neben der Entwicklung individueller Therapiekonzepte geht es darum, die Veranlagung für Krankheiten frühzeitig zu erkennen und gezielt vorzubeugen. Die vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Genoms und die rasante Entwicklung der molekulargenetischen Methode zur Analyse von Blut, Gewebe und Gensequenzen sind die Grundlagen für das bessere Verständnis von Krankheiten. Sagen die Befürworter.

Es gibt jedoch auch Kritiker der neuen Therapiemethoden. "Es ist noch völlig unklar, ob die Versicherungssysteme und das öffentliche Gesundheitswesen überhaupt in der Lage sein werden, die immens hohen Kosten der personalisierten Medizin zu schultern", sagt Donna Dickenson, Professorin für medizinische Ethik an der Universität London. (zum Interview mit Donna Dickensen) Schon die Bezeichnung "personalisierte Medizin" sei problematisch. "Möglicherweise wird dieser positive Begriff zur Beeinflussung der Öffentlichkeit eingesetzt, damit möglichst viel Geld in die neuen individualisierten Therapien fließt."

Handelt es sich bei der personalisierten Medizin also um einen von Lobbyisten geschürten Hype? Oder ist sie tatsächlich der Aufbruch in die Krankenfürsorge von morgen? Um diese und andere Fragen ging es am 12. Juni bei der zweiten Veranstaltung der Helmholtz-Diskussionsreihe "Fokus@Helmholtz" in Berlin.

Wie folgenreich der Ansatz der personalisierten Medizin ist, zeigt sich beispielsweise im Fall von Brustkrebs. Zwei Frauen, die an Brustkrebs erkranken und beide mit der gleichen Therapie behandelt werden, können sehr unterschiedlich reagieren. So kann es sein, dass die Behandlung bei einer Patientin anschlägt und bei der anderen keine Wirkung zeigt. Der Therapieerfolg hängt oft von individuellen Eigenschaften des Tumors ab; etwa von der Lage und dessen Genetik. Und auch das Alter und die Lebensweise der Patientinnen oder die Stoffwechseleigenschaften in der Leber - das Organ, in dem viele Medikamente abgebaut werden - können eine Rolle spielen. Ziel der Vorreiter in Sachen personalisierter Medizin ist es, schon vor der Behandlung zu ermitteln, ob ein Patient auf eine Therapie anspricht und ob er sie gut vertragen wird. Dies geschieht mit biochemischen Bluttests oder einer genetischen Untersuchung des Tumormaterials.

Biomarker - Wir haben's im Blut!

Mediziner nutzten sogenannte Biomarker, um genetische Merkmale und biologische Prozesse im Körper zu identifizieren und so den Gesundheitszustand eines Patienten zu beurteilen. Biomarker können Gensequenzen, Proteine, Stoffwechselprodukte oder Zellen sein, die sich im Blut, Gewebeprobe oder Urin untersuchen lassen. Es wird zwischen prädikativen, diagnostischen und prognostischen Biomarkern unterschieden. Erstere liefern als sogenannte Risikoindikatoren Informationen darüber, ob ein erhöhtes Risiko besteht, später einmal an einer Krankheit zu erkranken. Diagnostische Biomarker zeigen an, ob eine Krankheit bereits besteht und wie weit sie ausgeprägt ist. Prognostische Biomarker geben Auskunft darüber, wie sich eine Erkrankung im Einzelfall mit hoher Wahrscheinlichkeit entwickeln wird. Anhand solcher Untersuchungen ordnen Mediziner die Patienten dann in Gruppen mit gleichen oder ähnlichen Eigenschaften ein und wenden die Therapie an, die für diese Patientengruppe am vielversprechendsten ist. Sie können voraussagen, welche Art von Medikament bei dem speziellen Patienten wirkt, ob das Medikament gut vertragen wird und wie hoch die geeignete Dosis ist.

Personalisierte Medizin in der Krebsforschung

In der Onkologie ist die Entwicklung von maßgeschneiderter Diagnostik und Therapie am weitesten fortgeschritten. Das liegt unter anderem daran, dass durch intensive Grundlagenforschung bereits sehr viel über die unterschiedlichen Entstehungsmechanismen von Krebserkrankungen bekannt ist. Aber auch in der Infektionsforschung und bei Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen sind zunehmend Fortschritte festzustellen.

"In der Krebsmedizin ist eine individuelle Behandlung deshalb wichtig, weil wir bei der Krankheit Krebs besonders viele Unterschiede im individuellen Verlauf der Krankheit feststellen", sagt DKFZ-Chef Wiestler. Noch werden bei den meisten Krebserkrankungen Standardbehandlungen wie etwa Bestrahlung oder Chemotherapie angewandt, auf die Patienten unterschiedlich gut ansprechen.

Personalisierte Medizin und Brustkrebs

Mehr und mehr ist es möglich, bei einzelnen Krebspatienten durch maßgenschneiderte Medikamente die Heilungschancen zu verbessern. Ein Beispiel ist das Medikament Herceptin, das bei einem Viertel der Brustkrebs-Patientinnen wirksam ist. Auf der Oberfläche der Krebszellen dieser Patientinnen befindet sich eine unnatürlich große Anzahl bestimmter Eiweißmoleküle. Weibliche Geschlechtshormone docken an diese Strukturen an und lösen dadurch ein unkontrolliertes Zellwachstum aus. Das Medikament Herceptin bindet auch an diese Eiweißmoleküle, verhindert dadurch das Andocken der Hormone und damit auch das unkontrollierte Wachstum. Bevor Herceptin jedoch verschrieben wird, muss durch einen Biomarker-Test nachgewiesen werden, dass die Eiweißmoleküle im Übermaß auf den Krebszellen vorliegen, da die Therapie anderenfalls wirkungslos wäre.

Trotz dieser entscheidenden medizinischen Fortschritte, wird es auch künftig in der Krebsmedizin darauf ankommen, eine passende Kombination aus zielgerichteten Medikamenten, Chemotherapie, Komponenten der Immuntherapie sowie neuen Ansätze der Strahlenbehandlung und Chirurgie zu finden. Die Herausforderung wird darin bestehen, herauszufinden, welche Kombination bei welchem Patienten am effektivsten wirkt. Umso wichtiger ist es, dass der Patient vollständig über die unterschiedlichen Behandlungsverfahren aufgeklärt wird.

Die Zukunft der Personalisierten Medizin

Die Forschung wird im Bereich der personalisierten Medizin immer größere Fortschritte machen. Otto Wiestler schätzt, dass in den nächsten 10 - 20 Jahren bei jedem Patienten spezifische wirksame Behandlungsmöglichkeiten eingesetzt werden. Dennoch bleiben Fragen offen: Wie können Patienten bei der Entscheidungsfindung für die "richtige" Therapieform unterstützt werden? Was passiert mit den Patientendaten aus den Untersuchungen? Wo und wie lange werden diese gespeichert?

Medizinethiker wie Donna Dickenson mahnen vor den Unsicherheiten. Noch stehe nicht fest, wie sich die personalisierte Medizin auf die Kostenentwicklung im Gesundheitssystem auswirken werde. Ärzte und medizinisches Fachpersonal müssten zunächst weitergebildet werden. Und die hochtechnisierte Diagnostik, die Herstellung von Medikamenten für kleinere Patientengruppen, aber auch die intensivere Beratungsleistung können zur Kostensteigerungen führen. Wird die Therapie lediglich besser verdienenden und gut versicherten Patienten zur Verfügung stehen? Die Debatte läuft.

15.06.2013 , Saskia Blank

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