Ernährung

Löst Zucker Depressionen aus?

Neben Fettleibigkeit und Diabetes soll Zucker nun auch Depressionen verursachen. (Bild.Pixabay)

Männer, die gerne Süßes essen, werden depressiv. Das ergaben Untersuchungen von Wissenschaftlern des University College London. Helmholtz-Forscher Paul Pfluger wirft einen kritischen Blick auf die Studie.

Wenn der Frust mit Süßem bekämpft wird und der Blutzuckerspiegel steigt, gibt uns dieser kleine „Flash“ ein Wohlgefühl. Zu verdanken haben wir das dem sogenannten Glückshormon Serotonin, das dabei ausgeschüttet wird.

Das funktioniert aber nicht immer und kann offenbar bei einigen Menschen sogar ins Gegenteil umschlagen: Zuviel Zucker kann das Risiko erhöhen, an Depressionen zu erkranken ­– das zeigt eine neue, in „Nature“ veröffentlichten Studie vom University College London. Laut der Publikation sind Männer, die viel Zucker zu sich nehmen (mehr als 67 Gramm pro Tag), einem um 23 Prozent höheren Risiko ausgesetzt, in den nächsten fünf Jahren an Depressionen zu erkranken, als Männer mit niedrigem Konsum (weniger als 39,5 Gramm). Grundlage dieser Studie unter der Leitung der deutschen Ernährungswissenschaftlerin und Epidemiologin Anika Knüppel  ist die Auswertung der Daten von 8000 britischen Männern, die seit den 1980er Jahren Auskunft über ihre Gesundheit, ihren Lebensstil und ihre Ernährungsgewohnheiten gaben. Dem gegenüber gestellt wurden die Daten von – lediglich – 2000 Frauen, bei denen die Forscher keine solche Auffälligkeit feststellen konnten.

Die Daten waren um die Möglichkeit bereinigt, dass Menschen nur deshalb so viel Zucker essen, weil sie depressiv sind. Bei den beobachteten Fällen war es ausschließlich so, dass sich erst nach einem über Jahre hohen Zuckerkonsum die Depression entwickelte.

Dass übermäßiger Zuckergenuss ein Gesundheitsrisiko darstellt, ist nicht neu. Doch der Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen wurde bislang nicht oder nur gering erforscht. „Es handelt sich um  eine interessante Langzeit-Untersuchung mit einer gut charakterisierten Kohorte“, sagt der Biologe und Adipositas-Forscher Paul Pfluger, der einen kritischen Blick auf die Londoner Studie geworfen hat. Pfluger leitet eine der Abteilungen für Neurobiologie des Diabetes am Helmholtz Zentrum München.

Zwar geht es in der britischen Studie vordergründig nicht um Diabetes, sondern allgemein um Zucker in der Nahrung. Aber: „Viel Zucker in der Nahrung führt zu Adipositas, einer krankhaften Fettleibigkeit. Adipositas wiederum ist ein Risikofaktor für Diabetes Typ II. Und gerade beim Typ II weiß man, dass es dort einen Teufelskreis gibt zwischen Diabetes und Depressionen“, sagt Pfluger.

Wie Anika Knüppel und ihre beteiligten Kollegen selbst konstatieren, sind nun noch etliche Fragen offen: Da es sich bei Knüppels Arbeit um eine epidemiologische Studie handle, könne diese eine Kausalität zwischen Zuckerkonsum und Depressionen nicht stichhaltig nachweisen, bestätigt Paul Pfluger. Denn es spielen deutlich mehr Faktoren eine Rolle, als die in der Studie abgefragten Ernährungsgewohnheiten und Erkrankungen. Deshalb müssten die Ergebnisse nun in umfangreichen biologischen Tests bestätigt werden.

Tests an Tieren oder – mit Hilfe bildgebender Verfahren – auch an menschlichen Probanden könnten mehr verraten, sagt Pfluger: „Man muss sich anschauen, was in bestimmten Hirnarealen bei Menschen passiert, die hohe Zuckerdosen zu sich nehmen“. Die Wirkung von Zuckerzufuhr wurde beispielsweise schon in einigen Studien über die Wirkung von Anti-Depressiva untersucht.

Pfluger: „Man konnte nachweisen, dass Menschen, die nicht auf diese selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer  ansprechen, eine unterschiedliche Aufnahme von Glukose in bestimmten Hirnarealen haben.“

Was für behandelnde Ärzte im Sinne einer personalisierten Medizin ein wichtiger Anhaltspunkt für die Wahl des geeigneten Medikaments für den depressiven Patienten ist, könnte auch die Basis für weiterführende Untersuchungen der Londoner Studie bilden. „Das wäre allerdings sehr zeit- und kostenintensiv, denn man müsste sehr viele Probanden testen.“

Pfluger erscheint auf Anhieb auch nicht recht nachvollziehbar, warum Männer und Frauen im Hinblick auf das Depressionsrisiko durch Zucker so verschieden sein sollen. „Die Biologie von Männer und Frauen ist zwar recht unterschiedlich. Aber vieles ist dann doch sehr ähnlich – etwa die Faktoren, die zu Übergewicht und die zu Depressionen führen.“ Auch die Psychosomatik spielt eine nicht unerhebliche Rolle und kann die Studien-Ergebnisse beeinflusst haben. Pfluger: „Viele Menschen fühlen sich schlecht und stigmatisiert, wenn sie ungesunde Süßigkeiten zu sich nehmen und dadurch stark an Gewicht zunehmen. Spiegelt einem dann auch noch die Außenwelt deutlich, man ernähre sich miserabel und erfülle nicht mehr die Vorgabe von ‚schön und schlank‘, erhöht das den seelischen Druck."

Zum Weiterlesen:

Der Helmholtz-Wissenschaftscomic: Eine Ausgabe zum Thema Zucker

05.10.2017, Mareike Knoke
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