Portrait

Epidemiologie 2.0

Bild: Frank Bierstedt

Es ist nicht zuletzt internationalen Epidemiologen zu verdanken, dass der Ebola-Ausbruch in West-Afrika im letzten Jahr eingedämmt werden konnte. Auch Gérard Krause hatte daran seinen Anteil. Und die Idee, Mobiltelefone zur Seuchenbekämpfung einzusetzen.

Der Anruf aus Nigeria kam vor gut einem Jahr. "Am Apparat war eine ehemalige Kollegin", erinnert sich Gérard Krause, der zu dieser Stunde an seinem Schreibtisch im Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) saß. Die deutsche Wissenschaftlerin leitete damals ein Ausbildungsprogramm in Nigeria und war mitten in die Ebola-Krise geraten. Es wurde ein langes Gespräch. Am Ende war eine Idee geboren, die den Braunschweiger Wissenschaftler bis heute beschäftigt.

Die Ebola-Epidemie war seinerzeit auf ihrem Höhepunkt. Krauses frühere Kollegin Gaby Poggensee half im Emergency Operations Center Nigerias mit, die Epidemie einzudämmen. Sie war erleichtert, dass der Ausbruch in Nigeria unter Kontrolle zu sein schien. Andererseits wusste sie, dass es leicht zu einem erneuten Aufflammen kommen konnte, etwa durch den Import neuer Fälle über die Landesgrenzen.

Um die Seuche kontrollieren zu können, brauchte man ein effektives System, das nicht nur neue Fälle aus ländlichen Regionen in die Hauptstadt leiten, sondern die vielfältigen Maßnahmen der Ausbruchsbekämpfung effizient aufeinander abstimmen konnte. Dieses System konnte geschaffen werden und es erhielt den Namen SORMAS (siehe Kasten). Es nutzt die in Westafrika weitverbreiteten Mobiltelefone, um Informationen über Infizierte und deren Kontaktpersonen schnell und umfassend an die zuständigen Stellen weiterzuleiten. Genau das funktionierte bislang kaum. "Damit war oft auch die größte Chance zur Unterbrechung eines Ausbruchs vertan", sagt Gérard Krause. "Diese Chance besteht in der frühzeitigen Diagnose und Isolation der Erkrankten, aber auch in der sofortigen Erfassung und Betreuung aller Menschen, die engen Kontakt mit einem Patienten hatten."

Es ist nicht zuletzt internationalen Epidemiologen zu verdanken, dass der Ebola-Ausbruch in Westafrika mittlerweile weitestgehend eingedämmt ist. Nach Auskunft der Weltgesundheitsorganisation haben sich seit Ausbruch der Epidemie im Sommer vergangenen Jahres insgesamt rund 28 000 Menschen infiziert, mehr als 11 000 starben an dem Virus. Vollständig eingedämmt ist die Epidemie allerdings noch nicht: Immer wieder werden vereinzelte neue Infektionen gemeldet.

Der Arzt und Tropenmediziner Krause konnte, während des Ausbruchs nicht in Westafrika zu sein. "Nicht vor Ort behilflich sein zu können, war für mich schwer erträglich", sagt er. "Aber durch SORMAS hoffe ich, wenigsten einen kleinen Beitrag für die Zukunft leisten zu können."

Schon während seines Medizinstudiums interessierte sich Gérard Krause für die gesellschaftliche Seite des Fachs. Er verbrachte mehrere Forschungs- und Studienaufenthalte in Ländern wie Ecuador, Kolumbien, Burkina Faso und Niger. "Dabei wurde mir klar, dass die Epidemiologie das ist, was ich lange gesucht hatte - die für mich ideale Verbindung von Medizin und Sozialwissenschaften."

Seit 2011 leitet der Wissenschaftler die von ihm neu aufgebaute Abteilung Epidemiologie am HZI - inzwischen forschen 45 Wissenschaftler in seinem Team. Zeitgleich trat Krause eine Professur für Infektionsepidemiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover an. Zwei Jahre später gründete er das bundesweit erste PhD-Programm "Epidemiologie", das inzwischen Doktoranden aus aller Welt anzieht.

"Mit Hilfe der Epidemiologie untersuchen wir die Wirkung von Krankheitserregern auf die gesamte Bevölkerung", erläutert der 50-jährige Wissenschaftler. Es gehe dabei auch darum, Infektionsausbrüche frühzeitig zu erkennen und Maßnahmen zu entwickeln, um Menschen davor zu schützen. Krause: "Außerdem überprüfen wir kontinuierlich, wie wirksam diese Maßnahmen sind."

Ein Prototyp von SORMAS wurde im Juli in zwei Bundestaaten in Nigeria praktisch getestet, und zwar anhand der tatsächlichen Fälle von Cholera und Masern. Zur Erprobung für Ebola wurde ein komplexes Übungsszenario geschaffen, in das die früheren Erfahrungen in Nigeria eingingen. Die Idee ist, durch eine anspruchsvolle IT-Architektur im Hintergrund, den Ärzten und Epidemiologen im Feld ein einfach zu bedienendes Instrument an die Hand zu geben. Die ersten Ergebnisse seien viel versprechend, berichtet Krause. Wenn das System sich weiterhin bewähre, könnten damit womöglich künftig Ausbrüche frühzeitig erkannt und eingedämmt werden.

Ende der 1990er-Jahre war Gérard Krause als junger Wissenschaftler für zwei Jahre als Epidemic Intelligence Service Officer an den renommierten Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta tätig. "Diese Zeit prägt mich bis heute", sagt der Forscher. Zurück in Deutschland ging er an das Robert Koch-Institut in Berlin, wo er im Jahr 2005 Leiter der Abteilung Infektionsepidemiologie wurde. Als Bundesoberbehörde, die dem Gesundheitsministerium unterstellt ist, steht das Institut zuweilen unter erheblichem Druck. Etwa im Jahr 2011, als in Deutschland die Angst vor einer Epidemie mit dem Darmkeim EHEC umging. Krauses Team gelang es damals, den Verzehr von Sprossen als Infektionsursache identifizieren - der Ausbruch kam zum Erliegen.

In Braunschweig kommt der Epidemiologe jetzt wieder mehr zum eigentlichen forschen - das hatte er in der Berliner Zeit vermisst. Im Mittelpunkt steht derzeit die Nationale Kohorte. Das ist Deutschlands größte Gesundheitsstudie, bei der 200 000 Menschen zwischen 20 und 69 Jahren untersucht und bis zu 30 Jahre beobachtet werden. Auf diese Weise will man den Ursachen von Volkskrankheiten wie Herzinfarkt, Krebs, Diabetes und Demenz auf die Spur kommen. Langfristiges Ziel ist die Verbesserung von Früherkennung und Vorbeugung.

Mit seinem Team will Gérard Krause herausfinden, ob Infektionen auch nicht-infektiöse Krankheiten hervorrufen können: "Denn möglicherweise verursachen beispielsweise bakterielle Infektionen häufiger Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen als bislang angenommen wird." Auch neurodegenerative Erkrankungen wie die Demenz könnten das Ergebnis langanhaltender Entzündungen sein. Entsprechende Verdachtsmomente gebe es schon lange, Beweise aber stünden noch aus. Gérard Krause: "Die könnte die Nationale Kohorte liefern, allerdings frühestens in sieben Jahren."

Was ist SORMAS?

Surveillance and Outbreak Response and Analysis System – kurz SORMAS ist ein IT-System, dass bei der die Erfassung von Krankheitsfällen sowie der Kommunikation und dem Management von Epidemien helfen soll. Im Zentrum steht eine App, die leicht auf jedem Mobiltelefon installiert werden kann. Die App fragt bestimmte Symptome und Verhaltensweisen ab und ist an eine Cloud-basierte Plattform gekoppelt, die in der Lage ist, große Datenmengen schnell zu bearbeiten. SORMAS unterstützt verschiedene Personengruppen, die an der Seuchenüberwachung beteiligt sind. Die Software erstellt z.B. Listen mit Kontaktpersonen, die überwacht werden müssen. Das Bundesforschungsministerium unterstützte die Entwicklung von SORMAS finanziell mit einem Sofortprogramm. Beteiligt waren das Robert Koch Institut und das Bernhard Nocht Institut für Tropenmedizin. Für die technische Umsetzung, also die Programmierung der Software, stellten Softwarehersteller SAP und dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut zusätzlich eigene Ressourcen zur Verfügung. 

Weitere Informationen zu SORMAS (HZI)

Video des Hasso-Plattner Institutes über SORMAS

Resonator-Podcast mit Gérard Krause

09.09.2015, Sonja Prinz
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