Assistenzsysteme

Die Roboter kommen – Hilfe in der Pflege und im Alltag

Assistenzsysteme, Roboter, Paro
Care-O-bot® 3 unterstützt ältere Menschen zuhause. Foto: Jens Kilian

Robotor sind mit großen Schritten auf dem Vormarsch. Als zuverlässiger Assistent im Altenheim, als private Haushaltshilfe oder als elektronische Kuschelrobbe. Viele Menschen sehen der Technologie dennoch skeptisch entgegen, doch die Maschinen werden kommen

Mathilda läuft voran - zu ihren Senioren am Kaffeetisch im Seniorenheim Lutherstift in Berlin- wie jeden Dienstag. Ein fröhliches Begrüßen, Knuddeln und Kunststückchen machen. „Ach wie heißt der Hund nochmal, ich hab´s vergessen“, sagte eine betagte 90-Jährige aus der Runde, die den Hund krault. Doch wird der Therapierhund Mathilda auch noch in Zukunft kommen? Oder bald arbeitslos sein? Es gibt eine erfolgreiche Konkurrenz, sozusagen eine künstlich-tierische Intelligenz. Die Robbe Paro, ein Roboter. Sie ist die Vorhut einer ganzen Reihe zukünftiger Assistenzroboter, die mehr Lebensqualität und Selbstständigkeit bei Erkrankungen, Behinderungen und bei altersbedingten Einschränkungen versprechen.

Schmuseroboter

Bei der Behandlung verschiedener neurologischer und psychischer Krankheiten gibt es mit der Tiertherapie viele positive Erfahrungen. Die verbale und haptische Kommunikation und Fürsorge können das körperliche und seelische Wohlbefinden von Patienten verbessern. Der Einsatz von Tieren ist jedoch aufwändig, Allergien, Fragen der Hygiene und Sicherheit und das Wohl des Tieres sind zu beachten. Nicht alle Menschen mögen Hunden und Katzen und haben einen unbeschwerten emotionalen Zugang zu ihnen.

Hier kommt Paro als therapeutisches Tier ins Spiel. Der rund 60 Zentimeter lange Roboter ist mit einem kuscheligen weißen, antibakteriellen Fell und schwarzen, großen Kulleraugen ausgestattet. Zusätzlich klimpert er mit langen Wimpern und fiepst mit einer zerbrechlichen Stimme. All das spricht unser Kindchenschema an.

Soziale Programmierung

Der japanische Erfinder Takanori Shibata hat den Roboter sozial programmiert und mit entsprechender Sensortechnik ausgestattet. Sensoren messen Berührungen, Licht, Akustik, Temperatur und Position des Roboters. Und versorgen zwei Computer im Inneren mit Informationen. Dadurch kann Paro aktiv mit seiner Umwelt agieren. Wird die 2,5 Kilogramm schwere Robbe intensiv gestreichelt, gibt sie Wohlfühlgeräusche von sich und bewegt die Flossen. Wird die Robbe unsanft an den Schnurrbarthaaren gezogen, quietscht sie unwillig. Paro speichert Stimmmuster und intensive Interaktionen. Er erkennt Menschen wieder und drückt seine Freude mit Flossenwackeln, Augenklimpern oder Fiepen aus. Nach fünf Stunden ist Zeit zum Aufladen und es gibt den Stromschnuller.

Im Land des Vergessens

Paro hilft Brücken zu bauen. So kann die Robbe Menschen helfen, die an Demenz erkrankt sind. „Demens“ bedeutet im Lateinischen „ohne Geist“. Der Verstand schwindet. Die emotionalen und sozialen Fähigkeiten verflüchtigen sich. Das Kurzzeitgedächtnis, das Denkvermögen, die Sprache, die Motorik - sogar die Persönlichkeitsstruktur lösen sich auf.

Die durchschnittliche Erkrankungsdauer bis zum Tod beträgt dabei neun Jahre. „Meistens wird in der Gesellschaft nur das Endstadium der Demenz wahrgenommen“, sagt Stefan Teipel, Professor für Klinische Demenzforschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen am Standort Rostock (DZNE). Die Robbe Paro zielt auf solche fortgeschrittenen Stadien ab. „Wir entwickeln aktuell jedoch Systeme, die mit den Nutzern über Jahre wachsen und im frühen Demenzstadium bereits Alltagsfehler bemerken.“ Diese Systeme kennen ihre Nutzer, sie analysieren Abweichungen und schlagen Lösungsmöglichkeiten bei Problemen vor. Selbstlernende Algorithmen bemerken beispielsweise ob ein Umweg beabsichtigt ist oder nicht. „Das Mobilgerät kommuniziert dann mit seinem Nutzer und schlägt einen Rückweg nachhause oder zu dem Ziel „Tochter besuchen“ vor“, erklärt Teipel. Ziel dieser Systeme ist es, Personen in frühen Stadien einer Demenz weiterhin eine eigenständige Teilnahme an sozialen Aktivitäten zu ermöglichen. Kompetenzen bleiben dadurch länger erhalten und eine Pflegebedürftigkeit kann verzögert werden.

Barbara Klein, Professorin am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Frankfurt University of Applied Sciences, hat sich intensiv mit der Wirkung der Roboterrobbe auf Patienten beschäftigt. „Studien über den Einsatz von Paro in Alten- und Pflegeheimen mit dementen und mehrfach behinderten Patienten zeichnen ein positives Bild. Der Zuwendungsroboter kann die emotionale Arbeit unterstützen und stellt in bestimmten Situationen eine Alternative und Ergänzung dar“, sagt Klein. Zwei Dinge sind wichtig, damit die Demenzerkrankten eine therapeutisch wirksame Bindung eingehen können: Das Robotertier passt zur Biografie des jeweiligen Patienten und das Pflegepersonal ist für den Einsatz geschult.

„Im deutschsprachigen Raum sind bisher um die 100 Paro Robben im Einsatz, weltweit etwa 4.000 - am meisten davon in Japan und Dänemark. Eine Robbe kostet rund 4.800 Euro“, so der Geschäftsführer Tobias Bachhausen von der Beziehungen-Pflegen GmbH. Das Unternehmen vertreibt die Technikrobbe in Deutschland. „Wir bieten einen Workshop und E-Learning zur Einführung sowie Anwendertreffen und eine E-Plattform für den Austausch an“, erklärt Bachhausen.

Heidi Gabel, Leiterin des Seniorenheims Lutherstifts kann die Befürchtungen gegenüber Pflegerobotern nachvollziehen. Aber stimmt es, dass ein vermehrter Technikeinsatz zu Lasten der Betreuung durch das Pflegepersonal gehen könnte? „Nein es liegt an uns, unseren Werten, den Mitarbeitern, den Angehörigen, der Betriebsführung und dem Gesundheitssystem. Nur weil ein Heim moderne Technik einsetzt, bedeutet dies nicht automatisch eine Entmenschlichung der Pflege.“

Mein Freund und Helfer - Assistenzrobotik

Der Zuwendungsroboter Paro zeigt, dass Robotersysteme Menschen nicht ersetzen, aber Pflegepersonal wie auch Betroffene unterstützen können. Die Einsatzmöglichkeiten der Assistenzrobotik sind jedoch wesentlich umfangreicher und vielfältiger. Für Menschen mit Einschränkungen stellen Tätigkeiten wie Waschen, Essen, Ankleiden und Arbeiten oft große Hürden dar. Forscher suchen deshalb nach Lösungen wie diese Menschen ihren Alltag besser bewältigen können. Erste Produkte sind als Ess-, Geh- und Mobilitätshilfe, als Rollstuhl mit Roboterarm, robotergestützte Geräte für Rehabilitationsmaßnahmen oder als Notfallassistenten im Einsatz. Gleichzeitig kann durch den Einsatz robotischer Assistenzsysteme das Pflegepersonal von schweren oder zeitaufwändigen Routinetätigkeiten entlastet werden.

Butler ohne Gesicht

Care-O-bot 3 (Titelbild) ist der Prototyp eines Butlers für zuhause. Der Assistenzroboter kann bereits einfache Hol- und Bringdienste in der Wohnung selbstständig durchführen, vielfältige Unterhaltungs- und Kommunikationsfunktionen anbieten und in Krisenfällen eine videogestützte Verbindung zu einem Notfallcenter aufbauen. Er erkennt aber auch Bewohner im Seniorenheim und bringt Ihnen beispielsweise ein Glas Wasser. Während die Robbe Paro alle Register zieht, um als Tier niedlich zu wirken, wird bei den Assistenzrobotern wie dem Care-O-Bot 3 bewusst auf ein menschenähnliches Aussehen verzichtet. „Wir wollen keine falschen Erwartungen über die Fähigkeiten der heutigen Roboter erwecken. Das Gerät soll als Werkzeug wahrgenommen werden, über welches der Anwender jederzeit die Kontrolle hat“, so Birgit Graf vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA).

Die Maschinen kommen

Graf sieht das kurzfristige Potenzial für die Anwendung von Assistenzrobotern in der Pflege in sehr spezialisierten Systemen. Diese werden zunächst ein eher funktionales Design aufweisen. Sie sehen dann nicht aus wie Roboter, die aus Film und Fernsehen bekannt sind, sondern weiterhin wie typische Pflegehilfsmittel. Ein robotischer Pflegewagen bietet beispielsweise zusätzliche Assistenzfunktionen wie die selbstständige Fahrt zum Einsatzort oder das automatische Bereitstellen benötigter Pflegeutensilien. „Die Aufgaben müssen sehr konkret definiert sein, damit die Roboter diese sicher und zuverlässig erfüllen können“, meint die Wissenschaftlerin. „Multifunktionalität ist zwar erstrebenswert, aber heute noch zu teuer. Erst mittel- bis langfristig wird es echte „Generalisten“ geben, die mehrere Aufgaben auf einmal lösen können."

Und in Zukunft? Stets zu Diensten!

Das Statische Bundesamt prognostiziert für das Jahr 2050, dass rund 40 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein werden. Eine höhere Lebenserwartung bedeutet auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass mehr Menschen an Demenz erkranken und pflegebedürftig sein werden. Das Bundesministerium für Gesundheit geht davon aus, dass im Jahr 2030 geschätzt 3,22 Millionen Menschen Pflege benötigen und im Jahr 2050 diese Zahl auf 4,25 Millionen ansteigt. Im Vergleich: 2012 waren etwa 2,54 Millionen Menschen pflegebedürftig. Doch schon heute fehlt es an Pflegekräften und an anderem Fachpersonal. Um diese Lücken zu schließen, könnten Assistenzsysteme vermehrt eingesetzt werden, die die Mitarbeiter entlasten, die Lebensqualität der Senioren verbessern und Kosten senken. Der neu gewonnen Freiraum könnte den Pflegeberuf attraktiver machen.

Gut vorstellbar, dass ein Pfleger in der Zukunft die Senioren im Aufenthaltsraum folgendermaßen begrüßt: „ Hallo meine Damen und Herren, heute Nachmittag haben wir als Nachmittagsbeschäftigung für Sie unser Roboterplüschtier Paro, den Therapiehund Mathilda, spielen mit dem Service -Roboter oder gemeinsames Backen. Was möchten Sie heute machen?“ Es scheint als ob, Assistenzsysteme sich zu einem selbstverständlichen Teil der alternden Gesellschaft entwickeln.

Eine ganze Reihe interessanter „Spezialisten“ befinden sich in Deutschland und Europa bereits in der Erprobung, wie beispielsweise Roboter

•    zur Kommunikationsunterstützung (z.B. MoBiNa des Fraunhofer IPA oder Projekte CompanionAble und Alias),
•    zur Mobilitätsunterstützung (z.B. elektrischer Scooter der Universität Würzburg, diverse Forschungsarbeiten zu robotischen Rollstühlen und Gehhilfen,  robotische Personenlifter „Elevon“ des Fraunhofer IPA),
•    zur Hilfe bei der Handhabung von Gegenständen (z.B. „Friend“, ein mit einem Roboterarm ausgestatteter Elektrorollstuhl, der ausgewählte Handhabungsfunktionen selbstständig ausführt)
•    und als Rehabilitationsroboter für zuhause (z.B. „ArmAssist“, der aktuell in verschiedenen Kliniken in Spanien getestet wird).

Zur Marktreife haben es z.B. bereits die Esshilfe „MySpoon“ und der Roboterarm „Jaco“ gebracht. Letzterer unterstützt Rollstuhlfahrer bei der Handhabung alltäglicher Aufgaben. Im Gegensatz zum Beispiel zu „Friend“ wird der Roboter jedoch komplett vom Nutzer gesteuert.

Einen guten Überblick zu den aktuellen Projekten in Robotik für Service und Assistenz gibt die Website der Fraunhofer-Allianz Ambient Assisted Living.

01.09.2014 , Carsten Kolbe-Weber, www.kolbe-kommunikation.com
Leserkommentare, diskutieren Sie mit (1)
Daniel Rehfeldt 16-09-2014 20:09

Eine tolle Zukunftsvision möchte ich meinen. Aber auch diese Entwicklungen sind nicht ohne Schattenseiten. Ich persönlich würde den Therapiehund immer dem Robo-Diener vorziehen, aber das ist wohl Geschmackssache. So oder so: Die Zukunft wird von Robotern unterstützt sein, immer mit der Bitte, den persönlichen Kontakt zu ergänzen, nicht zu ersetzen.

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