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„Die ausgebrannte Gesellschaft“

Die Diskutanten auf dem Podium (vlnr.): Karl-Heinz Ladwig, Susanne Fiege, Andreas Meyer-Lindenberg, Moderatorin Angela Elis (Bild: Reem Karssli)

Über Burnout und Depressionen wurde in den letzten Jahren in unzähligen Talkshows geredet und in zahllosen Ratgeber-Büchern nachgedacht. Bei einer Veranstaltung in Berlin war zu erfahren, wie der wissenschaftliche Kenntnisstand zu diesen Fragen wirklich ist.

"Dass die moderne Gesellschaft depressiv macht, lässt sich wissenschaftlich nicht gut belegen", sagte dort der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, zu Beginn der Veranstaltung am 10. Oktober, dem Tag der geistigen Gesundheit. Was auf jeden Fall zugenommen hat, ist allerdings das Wissen um die weitreichende Bedeutung von Depressionen.

In seinem Impuls-Referat stellte Karl-Heinz Ladwig vom Institut für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München deren Bedeutung für das Entstehen von Herzinfarkten heraus. Es wirke auf den ersten Blick zwar "einigermaßen abenteuerlich", dass es mit der Psyche zu tun haben könnte, wenn Gefäßverengungen aufplatzen, der Wundheilungsprozess schiefläuft, sich ein riesiger Blutpfropfen bildet und daraus schließlich ein Infarkt entsteht. Studien mit Hunderttausenden von Teilnehmern, darunter eine große Untersuchung aus dem Helmholtz-Zentrum in München, haben allerdings gezeigt, dass Depressionen als Risikofaktor für einen Infarkt mit den klassischen Risikofaktoren hoher Blutdruck, erhöhte Blutfettwerte und Rauchen vergleichbar sind. Biologisch gibt es dafür gleich mehrere Erklärungen, so Ladwig, der auch an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar der TU München tätig ist: Die seelische Befindlichkeit wirkt sich auf das autonome Nervensystem, auf das Hormonsystem und auf das Immunsystem aus. Zudem leben Menschen mit einer Depression auch meist weniger gesund, sie rauchen mehr, nehmen ihre Medikamente weniger zuverlässig, ziehen sich sozial zurück.

Ausgesprochen mutig berichtete Susanne Fiege, Vorstandsmitglied der Deutschen DepressionsLiga e. V., anschließend davon, wie das bei ihr persönlich war. Überfordert von einem neuen Job bekam sie zunächst Probleme mit dem Schlafen und verschiedene körperliche Symptome. "Irgendwann saß ich bei der Arbeit vor einem Stapel Papier und fragte mich nur noch verständnislos: Was soll ich damit machen?" Die junge Frau musste sich eingestehen: "Mein Akku ist alle." In der anschließenden Therapie hat es ihr nach eigenen Worten sehr geholfen, "Wissen über meine Verhaltensmuster zu bekommen".

"Wir können Depressionen heute sehr gut behandeln", versicherte Psychiater Meyer-Lindenberg. Zur optimalen Behandlung gehöre neben der Basistherapie mit Medikamenten, die vor allem bei schweren Depressionen unverzichtbar sind und gut wirken, unbedingt eine Psychotherapie. Sie ist auch deshalb wichtig, weil sie Rückfällen vorbeugt. Diese Rückfälle sind eine große Gefahr: Wenn sich die psychische Erkrankung wieder meldet, spielen sich nämlich oft Automatismen ein. "Die Anlässe werden immer geringer, die Krankheit kann zum Selbstläufer werden." Ein Problem sind allerdings heute die langen Wartezeiten für eine Psychotherapie, zudem wirken die Medikamente nur mit einer gewissen Zeitverzögerung. Spannend ist deshalb ein neuer Therapieansatz mit Ketamin-Infusionen, die innerhalb von Minuten wirken können. Auch Schlafentzug und in schweren Fällen die Elektrokrampftherapie gehören zum Arsenal der therapeutischen Möglichkeiten. "Wir müssen lernen, die Therapie zu individualisieren", so Meyer-Lindenberg. Genau dafür brauche man aber Informationen aus großen Studien. "Ein typisches Helmholtz-Thema."

Aber laufen wir durch all die Debatten zur "ausgebrannten Gesellschaft" nicht auch Gefahr, die ganz normale Traurigkeit zur Krankheit zu erklären? In der Diskussion mit dem Publikum machten die Experten deutlich, dass es durchaus Merkmale gibt, anhand derer beide zu unterscheiden sind. "Trauer ist nicht unbedingt weniger schmerzhaft, doch sie ist ein Zustand, der ein Ziel kennt", so Ladwig. In der Depression gebe es diese Perspektive nicht, es herrsche fast Leere statt Schmerz. Es gebe zwar Überlappungen zwischen beiden, ergänzte Meyer-Lindenberg. "Typische Frühwarnsymptome einer Depression ist aber ein Grübeln, aus dem ich nicht mehr herauskomme, der Verlust des Appetits und der Freude am Sex, sozialer Rückzug und das Gefühl, in der Arbeit mit seinen Kräften haushalten zu müssen, aber trotzdem nicht mehr 'runterzukommen'."

Den heute viel verwendeten Begriff Burnout deutlich von der Depression abzugrenzen, erweist sich dagegen als schwieriger. Ist der Akku im einen Fall leer, im anderen aber kaputt, wie Meyer-Lindenberg es bildlich zu beschreiben versuchte? Auf jeden Fall stehe der Burnout oft am Anfang des Spektrums und sei als akutes Geschehen gut behandelbar. "Deshalb: Nicht die Zähne zusammenbeißen!", riet der Psychiater.Aus dem Publikum kam auch die Frage, wie Angehörige und Freunde helfen können. Als "ganz schlimm" empfindet Susanne Fiege im Rückblick noch so gut gemeinte Ratschläge. Auf keinen Fall solle man auch versuchen, einem Betroffenen zu erklären, dass "alles nicht so schlimm ist". Stattdessen empfiehlt es sich nach Meinung der Experten, immer wieder etwas anzubieten, was Freude machen könnte - und wenn es nur ein Spaziergang ist.

Und was kann in der Arbeitswelt passieren, um psychische Erkrankungen zu verhindern, die heute zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit zählen? Dazu gibt es durchaus wissenschaftliche Erkenntnisse, wie Meyer-Lindenberg berichtete: Ein kooperativer Führungsstil schützt vor Depressionen, Mentoren und positive Rollenmodelle wirken sich günstig aus, dazu kommt die - auch für das Privatleben gültige - Empfehlung, achtsam und an Werten orientiert zu leben und ein gutes Zeitmanagement zu praktizieren.

Zwei Gedanken weiteten am Ende der Veranstaltung den Blick auf das Leben in unserer von Terminen bestimmten Gesellschaft. Susanne Fiege stellte die Vermutung an, dass das Phänomen Depression - zumindest in seiner leichteren Ausprägung - Menschen und Gesellschaften auch nachdenklich machen und weiterbringen könnte. Eine Zuhörerin gab umgekehrt zu bedenken, dass hohe Anforderungen in Beruf und Familie auch positiven, freudigen Stress hervorrufen können. Glücklicherweise gebe es den Stolz darüber, Aufgaben bewältigen zu können, und das gute Gefühl, Herr der eigenen Lebenssituation zu sein, bestätigte Ladwig. "Aber man muss auf sich aufpassen."

Stimmen der Diskutanten

11.10.2017, Adelheid Müller-Lissner
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