Portrait

Der Schleimlöser - Freie Bahn für Antibiotika

Pseudomonas aeruginosa. Bild: HZI

Alexander Titz rückt am Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung in Saarbrücken gefährlichen Krankenhauskeimen zu Leibe. Neue Substanzen sollen Biofilme, in denen die Erreger gedeihen, effizient zerstören, die Wirksamkeit von Antibiotika erhöhen und teils tödliche Infektionen vermeiden.

Dünne, schleimige Bakterienkulturen wachsen in den Petrischalen im Labor von Alexander Titz. Diese Biofilme sind die Heimat eines gefährlichen Erregers: Bakterien der Art Pseudomonas aeruginosa. Sie befallen Atem- und Harnwege oder Wunden, lösen gefährliche Infektionen aus, die vor allem für Patienten mit der Erbkrankheit Mukoviszidose tödlich enden können. "P. aeruginosa ist einer der gefährlichsten Krankenhauskeime", sagt der promovierte Chemiker, der seit 2013 an der saarländischen Außenstelle des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung arbeitet. Zwar lassen sich bei Mukoviszidosepatienten die Bakterien mit wirksamen Antibiotika halbwegs in Schach halten. "Doch komplett auslöschen können wir sie bisher nicht", so Titz.

Dieser großen Herausforderung stellt sich Titz mit seiner achtköpfigen Arbeitsgruppe. Nicht neue Antibiotika stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit, sondern die Bekämpfung der tückischen Biofilme. Dazu entwickelt er Wirkstoffe, die auf so genannte Lektine einwirken. Diese Proteine spielen eine zentrale Rolle für das Zusammenleben vom Erreger im Biofilm. Gelingt es über diesen Weg, die Biofilme zu zerstören, verliert Pseudomonas aeruginosa seinen Schutzschild und Antibiotika können ihre lebensrettende Wirkung entfalten. Erst vergangenes Jahr sicherte sich Titz mit diesem Ansatz anderthalb Millionen Euro vom Europäischen Forschungsrat. "Dieser ERC-Grant ist extrem wichtig und sichert unsere Arbeit für die kommenden fünf Jahre", sagt Titz nicht ohne ein Quäntchen stolz.

Mit vielen Veröffentlichungen in namhaften Journalen, Einladungen zu Konferenzen und wichtigen Patenten wächst das internationale Renommée der überschaubaren Arbeitsgruppe stetig. "An viel versprechenden Ergebnissen mangelt es keineswegs", sagt Titz. Dabei war sein Erfolg im Spannungsfeld zwischen Chemie, Biologie und Pharmazie alles andere als vorgezeichnet. Sein Chemiestudium an der Technischen Universität Darmstadt schloss er mit einer Diplomarbeit zu Proteinstrukturen beim Pharmaunternehmen Novartis ab. Mit einer Promotion zur Wechselwirkung von Kohlenhydraten und Proteinen tastete er sich an der Universität Basel in die Biochemie vor, gefolgt von einem zweijährigen Post-Doc an der ETH Zürich, Stationen die ihm den Klaus-Grohe-Preis für Medizinische Chemie einbrachten. "Alexander Titz entschied sich, an der Grenzfläche von Chemie und Biologie zu arbeiten", sagt sein damaliger Gruppenleiter Markus Aebi vom Institut für Mikrobiologie der ETH Zürich. Das habe die künftige Forschung von Titz geprägt.

Biofilme standen aber erst danach an der Universität Konstanz im Mittelpunkt seiner Forschung. "Dieser Forschungsansatz zwischen den Disziplinen ist anforderungsreich", zollt ihm Markus Aebi großen Respekt. "Ich finde es toll, dass Alexander Titz sich dieser Herausforderung stellt." Vielleicht gründet auch Titz´ Begeisterung für Biofilme und Antibiotikaresistenzen auf der Interdisziplinarität, die dieser Forschung starke Impulse geben. "Für unsere Forschung brauchen wir Experten der organischen Chemie und Infektionsbiologen", sagt Titz. Und jeder Mitarbeiter sollte wie er selbst klar über den Tellerrand seiner Disziplin hinaus denken.

Geboten wird Titz und seinen Kollegen in Saarbrücken viel, um ihre ambitionierten Ziele zu erreichen. "Das Institut hier ist Weltklasse, bestens ausgestattet und ich werde stark von meinen Kollegen unterstützt", betont Titz. "Dazu kommt die schöne Landschaft, und die sehr freundlichen Menschen im Saarland." So radelt Titz, der seit einem Sportunfall vor neun Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, gerne mit einem Handbike durch die nahe Natur. "Zeit für Hobbys ist allerdings sehr knapp, denn ich bin seit einem Jahr Vater", sagt er. Dazu kommen immer mehr Veröffentlichungen, Patente und Anträge, die geschrieben werden wollen. "Zwar würde ich im Labor gerne noch mehr machen, doch bin ich derzeit definitiv als Forschungsmanager gefordert", sagt Titz. Dabei ist sich Titz der Bedeutung seiner Forschung sehr bewusst. "Die Industrie ist aus der Infektionsforschung schon ein bisschen ausgestiegen", konstatiert er. "Nun muss es die öffentliche Forschung machen."

Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS)

Zehn Jahre European Research Council (ERC)

30.06.2017, Jan Oliver Löfken
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