SESAME öffnet sich

In Jordanien eröffnet der erste große Teilchenbeschleuniger im Nahen Osten. Hier arbeiten Wissenschaftler unter anderem aus den palästinensischen Gebieten, Israel, Ägypten, Iran und Pakistan zusammen. Im Interview spricht der Ex-CERN-Chef und neue SESAME-Vorsitzende Rolf Heuer über dieses einzigartige Gemeinschaftsprojekt.

Seit Anfang 2017 erzeugt SESAME, ein Akronym für Synchrotron Light and Experimental Sciences and Applications in the Middle East, brillantes Synchrotronlicht. Ab Sommer 2017 sollen die ersten externen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Licht für ihre Messungen nutzen können. Am 16. Mai 2017 wird der Teilchenbeschleuniger offiziell mit mehr als 300 internationalen Gästen aus Politik und Wissenschaft eröffnet.

Das wissenschaftliche Steuerungsgremium, der so genannte Rat, ist die Hauptentscheidungsinstanz von SESAME. Als Vorsitzender des Rats hat Christopher Llewellyn Smith den Aufbau von SESAME in den letzten Jahren geleitet. Zur Eröffnung von SESAME gibt er den Vorsitz an Rolf Heuer weiter, der bis vor kurzem Generaldirektor des CERN war und aktuell Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ist.

SESAME ist eine der klangvollen Abkürzungen, die die Physiker für ihre Forschungsgroßgeräte erfinden. Wofür steht das?

SESAME steht für Synchrotron Light and Experimental Sciences and Applications in the Middle East. Es handelt sich dabei um ein großes Forschungszentrum mit einem Großgerät, das mit Hilfe eines Teilchenbeschleunigers hochbrillantes Licht erzeugt.

Warum wollte man im Nahen Osten eine Synchrotronquelle aufbauen?

Ein Vorbild von SESAME war das Europäische Kernforschungszentrum CERN, das nach dem zweiten Weltkrieg in Genf errichtet wurde. CERN sollte durch wissenschaftliche Zusammenarbeit auch den Frieden in Europa stabilisieren. Dazu kommt: Synchrotronlicht besitzt besondere Qualitäten und ist ein fantastisches Werkzeug, um die unterschiedlichsten Proben zu untersuchen, von Solarzellen über biologische Proben bis hin zu Kulturschätzen und archäologischen Funden. Es gibt weltweit über 50 solcher Synchrotronquellen, darunter bislang keine einzige im Nahen Osten. SESAME wird die erste und einzige Synchrotronquelle in dieser Region sein.

Wie hat Europa den Aufbau von SESAME unterstützt?

Die Europäische Union gab mehr als fünf Millionen Euro in das Projekt. Dazu kam Unterstützung aus einzelnen Ländern mit Geld- und Sachspenden und durch Expertise sowie Trainings an internationalen Forschungseinrichtungen. So stecken im Herzen von SESAME zentrale Komponenten der Berliner Synchrotronquelle BESSY I, die 1999 abgeschaltet wurde. CERN-Experten haben dann zusammen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von SESAME auch viele neue Komponenten entworfen und ausgeschrieben. Diese Zusammenarbeit zwischen SESAME- und CERN-Leuten war essenziell, weil wir so gleich eine neue Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern trainieren konnten.

Wo wurden diese neuen Komponenten gebaut?

Zum Teil in den SESAME-Mitgliedsstaaten. So haben Pakistan und Zypern zum Beispiel alle magnetischen Sextupole geliefert und zwar in deutlich höherer Qualität als gefordert.

Von der ersten Idee vor der Jahrtausendwende über den Aufbau bis zur Eröffnung sind mehr als 17 Jahre vergangen. Das ist sehr lang, selbst für ein Großforschungsgerät. Welche Hürden waren zu nehmen?

Ein wichtiger Grund waren die finanziellen Mittel. Wenn Sie sich die Mitgliedsländer anschauen, dann sehen Sie, dass da nicht nur reiche Länder dabei sind. Es war immer ein großes Problem, die Mitgliedsbeiträge rechtzeitig einzutreiben, so dass man die Maschine bauen kann. Die wirtschaftlich schwächeren Länder zahlen zwar reduzierte Beiträge, aber dennoch war es schwierig. Um SESAME bauen zu können, haben einige Länder freiwillig zusätzliche Beiträge gezahlt, insbesondere Israel, Jordanien und die Türkei. Auch der Iran hatte sich dazu bereit erklärt, konnte aber wegen der Sanktionen nicht zahlen.

Wo sehen Sie Ihre wichtigsten Aufgaben, wenn Sie nun im Mai den Vorsitz des Rats übernehmen?

Ich will dazu beitragen, dass an SESAME gute Wissenschaft auf internationalem Niveau gemacht wird und tolle Veröffentlichungen entstehen. Außerdem werde ich auch daran mitarbeiten, dass das Institut noch weiter wächst. Jetzt sind zwei Beamlines fertig, aber insgesamt sind 16 geplant. Es gibt einen großen Bedarf nach Messzeit mit Synchrotronlicht, gerade weil es so vielfältige Untersuchungen ermöglicht. Und dann hoffe ich auch, dass es bald gemeinsame Projektvorschläge von israelischen und iranischen Teams gibt und dass sich wirklich gemischte Gruppen bilden, die gemeinsam ein Thema anpacken.

Der Standort von SESAME liegt etwa 40 Kilometer von Amman, der Hauptstadt von Jordanien, entfernt, wo auch die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohnen. Wie sehen die Planungen aus, um mehr Leben auf den Campus zu bringen?

Wir planen ein richtiges Gästehaus und eine schöne Cafeteria, wo die Leute miteinander diskutieren können. Das ist ganz wichtig. Ein lebendiges Institut braucht einen Platz, wo alle aufeinandertreffen und miteinander reden, und zwar unabhängig vom Status. So entstehen neue Ideen. Die Leute sollen auch abends noch bleiben können, wenn es spannend ist und sie etwas zu Ende machen möchten. Das ist alles noch im Werden, aber ich bin sehr optimistisch, denn wir haben schon viel geschafft.

Interview: Antonia Rötger

SESAME -Website

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