„Die Natur arbeitet nur scheinbar gratis“

Der Wasser-Experte Erik Gawel im Gespräch über den deutschen Wasserreichtum, einen gerechten Preis für Wasser – und darüber, wie wasserarme Regionen ihren Mangel beheben können. 

Herr Gawel, sparen Sie persönlich Wasser? 

Ja, das ist für mich selbstverständlich. Ich drehe zum Beispiel beim Zähneputzen den Wasserhahn zu, so lange ich die Bürste im Mund kreisen lasse. Wasser ist ein ökonomisch knappes Gut, wenn auch keine Mangelware in Deutschland – ähnlich wie Brot. Verschwendungsfreier Umgang ist deshalb auch beim Wasser wichtig.

Können wir im wasserreichen Deutschland da nicht mal fünf gerade sein lassen?

Wir nutzen bereits knapp 20 Prozent unserer Wasserressourcen, die sich in jedem Jahr neu bilden, in einigen Regionen sogar mehr. Damit sind wir an einer Grenze: Nutzt ein Land 20 Prozent oder mehr des ihm zur Verfügung stehenden Wassers, spricht man nach internationalen Konventionen von Wasserstress.

Könnte man überhaupt die ganzen 100 Prozent nutzen? 

Die Zahlen zum sogenannten Wasserdargebot sind irreführend. Denn auch wenn sich in Deutschland 188 Milliarden Kubikmeter Wasser in jedem Jahr neu bilden, heißt das ja nicht, dass man diese tatsächlich auch zu 100 Prozent nutzen kann. Das ist schon aus ökologischen Gründen nicht möglich: Jeder Liter, der aus der Natur entnommen wird, ist Teil des natürlichen Wasserkreislaufes – und fehlt dort. Wird Wasser für den Menschen gebraucht, kann es seine vielfältigen ökologischen Funktionen nicht mehr übernehmen. Biotope können sich nicht mehr erhalten, Tiere und Pflanzen verlieren ihren Lebensraum. 

Wie steht es mit der Wasserqualität in Deutschland?

Das ist ein entscheidendes Problem. Grundwasser wird zunehmend durch Pestizide und Nitrat aus der Landwirtschaft belastet. Auch beim häuslichen Abwasser sind noch längst nicht alle Probleme gelöst. Wir stellen zum Beispiel fest, dass immer mehr Rückstände von Medikamenten im Abwasser enthalten sind.

Warum soll man für Wasser zahlen? Es steht doch in der Natur bereit. 

Weil die Natur nur scheinbar gratis arbeitet. Es fehlt zwar von der Gesamtmenge her in Deutschland nicht an Rohwasser, in einigen Regionen sieht es aber schon anders aus. Wasser ist in dem Sinne ökonomisch knapp wie auch Brot oder Mobiltelefone, die ebenfalls keine Mangelgüter sind. All diese Güter tragen zu Recht einen Preis, der dazu führt, dass der Konsument vernünftig abwägt, ob der individuelle Nutzen die im Preis signalisierten gesellschaftlichen Kosten, auch die Umweltkosten, wirklich wert ist. Diese Vernunftlogik gilt für alle Güter – und wir brauchen sie gerade auch beim kostbaren Gut Wasser. 

Je nach Region kostet der Kubikmeter Trinkwasser in Deutschland 1,21 bis 2,17 Euro. Im Schnitt zahlt man für den täglichen Wasserbedarf von 121 Litern 27 Cent. Ist das genug?  

Wenn es alle volkswirtschaftlichen Kosten decken würde, ja. Der Wasserpreis muss die wahren Kosten eines Gutes vor Augen führen, je nachdem, was regional für das Beschaffen und Verbreiten des Trinkwassers, für das Reinigen des Abwassers und auch für Reinvestitionen in die Infrastruktur anfällt. Und wir brauchen regionale Wasserentnahmegelte, also spezielle Abgaben zur Abgeltung sog. Umweltkosten. Endkundenpreisee werden aber in der Praxis oft verfälscht, etwa durch Mengenrabatte für die Wirtschaft oder Landeszuschüsse. 

Warum sind Sie gegen eine Wasser-Flatrate, wie sie einige Wasserbetriebe einführen wollen? 

Sie widersprechen der klaren Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie, nach der die Preise einen Anreiz schaffen sollen, die Ressourcen effizient zu nutzen. Effizient bedeutet, alle gesellschaftlichen Kosten zu berücksichtigen, auch die ökologischen. In Berlin hat man nach der Wende gesehen, dass spürbare Wasserpreise mit Kubikmeterabrechnung die Wasserverbräuche dramatisch senken können. Eine Flatrate dagegen würde dazu führen, dass Wasser nicht mehr geschätzt und maßlos genutzt wird. Die Vorteile bei der Auslastung der aktuellen Infrastrukturanlagen durch mehr Wasserdurchsatz dürfen keine Rechtfertigung dafür sein, zugleich falsche langfristige Anreize zu setzen. Wir brauchen in Zukunft bedarfsgerechte und nachhaltige Wasserinfrastrukturen.

Welche Rolle spielt Wasser auf dem Weltmarkt? 

Trinkwasser wird zunehmend auch zum Handelsobjekt, etwa als Flaschenwasser – dagegen ist zunächst nichts zu sagen, wenn faire Preise gegeben sind und der Umweltschutz berücksichtigt wird. Der sogenannte virtuelle Wasserhandel über Agrarprodukte ist etwas ganz anderes: Dieser bietet wasserarmen Regionen die Chance, über Agrarimporte vom Wasserreichtum anderer Länder zu profitieren, anstatt selbst diese Güter mit weit höherem Wasserverbrauch anzubauen. So werden globale Wasserressourcen sinnvoll genutzt und weltweit verfügbar gemacht. 

Interview: Marion Koch

Druck-Version

Über Erik Gawel

Prof. Erik Gawel/UFZ

Erik Gawel leitet das Department Ökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ in Leipzig. Zugleich arbeitet der Umweltökonom als Direktor des Instituts für Infrastruktur und Ressourcenmanagement der Universität Leipzig. Mit dem nachhaltigen Management von Wasserressourcen befasst er sich schon seit Jahrzehnten.

 

Erik Gawel (UFZ)

Infografik

Infografik virtueller Wasserfußabdruck

 

Wie viel Wasser braucht man, um 100 Gramm Schokolade herzustellen? Schauen Sie sich  die Zahlen für verschiedene Produkte an.

 

Zur Infografik