Gespräch mit Michael Sailer, Öko-Institut Darmstadt, Vorsitzender der Kommission „Lagerung hochradioaktiver Abfälle“

Warum brauchen wir ein Endlager in Deutschland?

Es gibt durchaus Leute, die die Auffassung vertreten, dass auch die hochradioaktiven Abfälle oberirdisch gelagert werden sollen. Das ist eine Haltung aus dem 19. Jahrhundert, dahinter steckt eine Technikgläubigkeit nach dem Motto: Die ideale Lösung findet sich dann später. Wir haben zurzeit 16 Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle. Wenn wir kein Endlager finden, dann wird es 16 Regionen in Deutschland mit solchen oberirdischen Lagern geben. Da muss man sich nur mal eine Kriegssituation wie in Jugoslawien in den 1990er Jahren vorstellen und dann überlegen, ob man in akuten Notsituationen die Sicherheit für die jetzigen oberirdischen Lager garantieren kann. In Deutschland hat man sich daher darauf geeinigt, dass hochradioaktive Abfälle unterirdisch im Salz, Ton oder im kristallinen Gestein endgelagert werden. Dadurch soll das radioaktive Material eine Million Jahre von der Biosphäre abgeschottet werden.

Um was geht es bei der Suche nach einem Endlager?

Nach einer Prognose des Bundesamts für Strahlenschutz werden in Deutschland etwa 28.000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfall anfallen. Weil wir aufgrund der Wärmeentwicklung diesen Abfall nicht beliebig dicht zusammenpacken können, brauchen wir eine unterirdische Lagerfläche von drei bis zehn Quadratkilometern, je nachdem, ob wir in Salz oder Ton oder in Granit lagern.

Mit dem Endlagersuchgesetz, das Mitte 2013 verabschiedet wurde, beginnt die Suche wieder von vorne. Warum?

Bis 2013 hatten wir den Streit um Gorleben als Endlager oder nicht. Damals war klar, dass nach jeder neuen Wahl wieder etwas geändert werden könnte. Diesen Streit haben wir jetzt nicht mehr. Das Endlagersuchgesetz ist mit sehr großer Mehrheit im Bundestag von fast allen Parteien beschlossen worden. Und die Bundesländer waren im Bundesrat alle damit einverstanden. Deshalb ist es egal, was die nächste Bundestagswahl ergibt, die nächste Regierung muss den Fahrplan weiter umsetzen. Das ist ein großer Fortschritt.

Sollen die hochradioaktiven Abfälle rückholbar eingelagert werden?

Das Schlagwort Rückholbarkeit wird oft genutzt, um gegen die Endlagerung zu argumentieren. Das ist nicht unser Ansatz. Wir plädieren aber für Rückholbarkeit während des Betriebs des Endlagers, also während der Beschickung mit den Behältern. Wir brauchen auch ein genaues Monitoring, um zu beobachten, ob sich das Wirtsgestein wie vorhergesehen entwickelt. Außerdem muss jedes Abfallgebinde geordnet und wiederauffindbar eingelagert werden. Wir plädieren also nicht für Rückholbarkeit im Sinne von Offenhalten, sondern wollen es nach Ende der Betriebszeit dicht verschließen. Wenn man dann zum Beispiel nach 300 Jahren feststellen würde, dass unsere Sicherheitsanalysen falsch waren, könnten unsere Nachfahren in der Nähe des verschlossenen Endlagers ein neues Bergwerk einrichten und die Behälter noch geordnet bergen.

Gibt es ausreichend Experten für den Bau und den Betrieb eines künftigen Endlagers?

Als Vorsitzender der Entsorgungskommission suche ich jedes Jahr nach Experten für fachliche Fragen und ich muss sagen, das wird ein Riesenproblem. Denn für die Realisierung und Kontrolle des Endlagers werden wir noch deutlich mehr Leute brauchen. Der Staat muss daher Programme auflegen, um qualifizierten Nachwuchs auszubilden und Arbeitsplätze in den entsprechenden Fachbehörden schaffen. Wir brauchen nicht nur für die Suche nach einem Endlagerstandort, für den Bau und den Betrieb Fachleute, sondern natürlich auch für die unabhängigen Kontrollinstanzen.

Die Bürger sollen bei der Endlagersuche beteiligt werden. Ist das nicht besser Sache der Experten?

Man muss immer wieder vermitteln, dass Sicherheit die oberste Priorität ist. Viele Bürgerinnen und Bürger haben nicht mehr die Überzeugung, dass Naturwissenschaft einfach stimmt. Tatsächlich haben Naturwissenschaftler in den letzten 30 bis 50 Jahren beim Thema Endlager auch gelogen oder Sachverhalte völlig falsch eingeschätzt, zum Beispiel in Gutachten zur Asse und zu Gorleben. Es gibt also eine massive Vertrauenskrise.

Auf der anderen Seite geht es natürlich nicht ohne Naturwissenschaft. Aber es gibt ja auch dort Streitpunkte. Zum Beispiel gibt es beim Thema Endlagerung im Salz eine Debatte darum, ob Strahlung Steinsalz zersetzen und explosive Gase erzeugen kann. Das wird dann in der Politik und Öffentlichkeit vorschnell verkürzt auf die Aussage: „Salz geht nicht“. Da muss man sagen, Vorsicht: Das muss man genauer betrachten. Denn diese sogenannte Radiolyse von Salz (Natriumchlorid) gibt es zwar, aber die Frage ist eher: Welche Rolle spielt dieser Prozess? Wenn Sie das untersuchen, sehen Sie, dass die Radiolyse nur in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Behältern geschehen kann, und man muss dann abschätzen, welche Gasmengen dabei maximal entstehen könnten. Wir müssen solche normalen wissenschaftlichen Streitigkeiten verständlich darstellen, da hat die Wissenschaft, und natürlich erst recht die Wissenschaftskommunikation, eine Bringschuld.

Interview: Antonia Rötger

Mehr zur Endlagerforschung im HZDR -Magazin „entdeckt“: www.hzdr.de/entdeckt

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