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Erde und Umwelt

Klimawandel

"Wir stehen vielleicht am Anfang einer evolutionären Krise"

"Wir stehen vielleicht am Anfang einer evolutionären Krise"
Bild: Stefan Hendricks / AWI
Hans-Otto Pörtner und Josef Settele arbeiten als koordinierende Leitautoren am fünften Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPCC) mit, der die Auswirkungen des Klimawandels zusammenfasst und Ende März im japanischen Yokohama verabschiedet wird. Ein Gespräch über die Arbeit des einflussreichen Gremiums, über Artensterben und steigende Meeresspiegel

Erst im November hat das IPCC vor den Gefahren des globalen Klimawandels gewarnt. Jetzt steht schon wieder ein IPCC-Bericht ins Haus. Haben Sie keine Angst, dass die Öffentlichkeit abstumpft?

Pörtner: Ob der Klimawandel gefährlich ist oder nicht, diese Aussage war im Herbstbericht gar nicht enthalten. Damals wurde nur mit allen verfügbaren Daten belegt, dass der derzeitige Klimawandel an sich eine Tatsache und menschengemacht ist.

Settele: Diese Aussage wurde dann in der Presse weitergesponnen. Am Ende klang es wirklich so, als hätten wir schon ein endgültiges Ergebnis. Dass wir im Herbst, jetzt im März und dann noch einmal im April insgesamt drei separate IPCC-Veröffentlichungen erleben, liegt einfach daran, dass der Sachstandsbericht in drei Teilen erscheint, gestaffelt nach den beteiligten drei Arbeitsgruppen.

Moment: Es gibt also noch gar kein endgültiges Ergebnis? Ist der Klimawandel denn nun gefährlich oder nicht?

Settele: Wir wissen, dass die Klimaveränderungen Realität sind. Wie sie genau ablaufen werden, dafür haben wir verschiedene Optionen und Szenarien - die natürlich je nach ihren Ausmaßen unterschiedliche Folgen hätten. Unser Job in der Arbeitsgruppe zwei ist es zu beurteilen, wie sich die von Arbeitsgruppe eins beschriebenen Klimaszenarien jeweils auswirken würden. Arbeitsgruppe drei beschäftigt sich dann mit möglichen Lösungsstrategien.

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Politikberater: Die Klimaforscher Hans-Otto Pörtner (links) und Josef Settele. Bild: E. Fesseler

Sie sagen, der Klimawandel sei eine Tatsache. Im Bericht der Arbeitsgruppe eins klang das abstrakter. Da stehen Formulierungen wie "mit großer Sicherheit", "sehr wahrscheinlich" oder "mit großem Vertrauen". Als Laie fragt man sich schon, woran man nun ist.

Pörtner: Das IPCC wählt diese Sprache, um abgestufte Aussagen machen zu können: Mit welchem Vertrauensniveau können wir sagen, dass der Klimawandel tatsächlich passiert, mit welchem Vertrauensniveau können wir sagen, welcher Anteil davon menschengemacht ist? Diese Sprache führt zu einer Systematik und Vorsicht im Umgang mit wissenschaftlichen Sachverhalten, die ich mir manchmal auch für die gesellschaftliche Debatte und wissenschaftliche Arbeit selbst wünschen würde.

Die Grundlage Ihres Berichtes bilden wissenschaftliche Publikationen, die beispielsweise Daten zur historischen Entwicklung von Temperaturen und Wetterphänomenen enthalten. Wer entscheidet, welche Publikationen einfließen?

Settele: Wir versuchen, uns die wesentlichen Aussagen aus der gesamten Literatur rauszuziehen. Wir suchen nach Arbeiten, die repräsentativ für das Fachgebiet sind. Wenn viele Studien zu ähnlichen Ergebnissen kommen, haben wir ein großes Vertrauen, dass die Ergebnisse stimmen.

Es ist also eine quantitative Betrachtung, wie viele Studien es gibt, die zum gleichen Ergebnis kommen?

Pörtner: Auch wenige Studien mit eindeutigen Ergebnissen können aussagekräftig sein; es geht um die Qualität der Daten. Wir als Leitautoren haben die Aufgabe, uns einen Überblick über die relevante Literatur in unserem Bereich zu verschaffen.

Kalte Winter, stagnierende Durchschnittstemperaturen weltweit, und das seit Jahren: Da drängt sich schon die Frage auf, wo der vom IPCC erwähnte Temperaturanstieg bleibt.

Settele: Es findet immer noch eine Erwärmung statt, nur nicht so schnell wie zuerst angenommen.

Pörtner: Die momentane Pause in der Erderwärmung ist Ausdruck der Variabilität der natürlichen Systeme in ihrer Antwort auf den Klimawandel. Wir haben das Problem, dass jeder denkt, die Klimaänderungen bewegten sich wie auf einer geradlinigen Autobahn und zeigten einen eindeutigen Trend. Es gibt aber ein Auf und Ab. Jetzt sind wir in einer Phase, in der es nicht so deutlich aufwärts geht. Hierbei spielen die Ozeane eine Rolle, die über 90 Prozent der zusätzlichen Wärme aufnehmen.

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Fast überall wärmer: Wie sich die Oberflächentemperaturen zwischen 1901 und 2012 verändert haben. Bild: IPCC, Working Group I Contribution to the Fifth Assessment Report

Wer entscheidet eigentlich, welche Wissenschaftler beim IPCC-Bericht mitmachen dürfen?

Pörtner: Die Regierungen sammeln die nationalen Kandidaten und geben sie an das IPCC-Büro weiter. Die Autoren werden nach ihrer Kenntnis von bestimmten Themen ausgewählt. Es gibt auch politische Kriterien: Entwicklungs-, Industrie- und Schwellenländer sollen gleich vertreten sein, auf das Geschlechterverhältnis im Autorenteam wird ebenfalls geachtet.

Settele: Unsere Arbeitsgruppe besteht aus etwa 300 Autoren aus den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen. Das fängt an mit der Paläoökologie, also dem Blick in die Vergangenheit; dann sind alle Biologie-Disziplinen von der Zoologie über die Botanik bis hin zur Mikrobiologie dabei. Aber zum Beispiel auch Soziologen, um die gesellschaftlichen Auswirkungen zu diskutieren.

Die Konferenz des Weltklimarates in Yokohama dauert nur wenige Tage. Stehen alle Ergebnisse Ihres Berichts längst fest?

Pörtner: Es existiert bereits eine Zusammenfassung unserer Ergebnisse für Politiker; die nehmen die Regierungsvertreter dort ab, und zwar Zeile für Zeile. Dabei streben wir in Diskussionen einen Konsens zwischen den Regierungen und der Wissenschaft an.

Wie soll denn ein solcher Konsens aussehen, wo doch Wissenschaft und Politik ihre jeweils eigene Funktionslogik haben?

Pörtner: Entscheidend sind die wissenschaftlichen Fakten.

Wirklich?

Pörtner: Ja, wirklich. Die wissenschaftlichen Argumente, die Überzeugungskraft, die Unsicherheit in den wissenschaftlichen Aussagen stehen im Fokus.

Settele: Es geht darum, dass die Formulierungen für beide Seiten annehmbar sind. Das ist eigentlich die Kunst.

Sind in Ihrer Arbeitsgruppe auch Klimaskeptiker, die die Mehrheitsmeinung ernsthaft herausfordern?

Settele: Es gab schon auch schräge Kommentare einiger Kollegen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass viele Störer dabei waren.

Pörtner: Jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, kann im Prinzip am Diskussionsprozess teilnehmen. Die Kritiker will man ja auch in den Prozess der objektiven Bewertung des Wissens einbeziehen und nicht zur Seite schieben.

Klimaveränderungen hat es ja immer gegeben. Was ist jetzt anders?

Pörtner: Anders ist, dass sich diese Veränderungen in für uns Menschen greifbaren Zeitskalen ereignen. Das, was heute passiert, geht schneller vonstatten als alles, was in den vergangenen 65 Millionen Jahren passiert ist.

Und das wissen Sie woher?

Pörtner: Zum Beispiel aus Bohrungen im antarktischen Eis oder in Sedimenten. Ich halte es für gesichert, dass die angeschobenen Veränderungen in ihrem Tempo mindestens vergleichbar sind mit denen, die in der Erdgeschichte Massensterben ausgelöst haben. Wir stehen möglicherweise am Anfang einer solchen Krise.

Massensterben klingt dramatisch. Was haben wir zu erwarten?

Settele: Das Ökosystem wird sich weiterentwickeln, das macht es sowieso. Die Frage ist, welche Rolle der Mensch dann noch spielt. Passt er sich an, wird er sich verändern oder wird er verschwinden? Flora und Fauna werden überleben: Es gibt anpassungsfähige Organismen, und einige werden es schaffen. Aber viele andere eben nicht. Schon jetzt können wir mit dem radikalsten Klimaschutz bestimmte Entwicklungen nicht mehr verhindern.

Pörtner: Die ersten geografischen Verschiebungen von Arten beobachten wir längst. In der Nordsee wandert zum Beispiel der Kabeljau in Richtung Arktis ab. Abwanderung löscht eine Art zwar noch nicht aus, aber es kommt zur Durchmischung der Ökosysteme, neue Nahrungsbeziehungen bilden sich. Schließlich bleiben doch einige Arten auf der Strecke, die Vielfalt nimmt ab. Ökosysteme werden geschädigt. Das Great Barrier Reef vor Australien zum Beispiel hat schon die Hälfte seiner lebenden Korallen eingebüßt, unter anderem weil das Wasser zu warm wird und sie ihre Symbionten verlieren. Symbionten sind Mikroalgen, die in den Zellen der Korallen leben, Fotosynthese betreiben und so die Korallen ernähren.

Settele: An Land wandern Organismen in größere Höhen, während die tiefer gelegenen Gebiete verarmen. Die Landschaft ist aber natürlich nicht überall so beschaffen, dass Wanderungen möglich sind. Es mag irgendwo auf der Welt passende Klimabereiche geben, aber die bedrohten Arten kommen nicht hin. Und sterben aus. Zumindest bei einigen mittelamerikanischen Amphibien kann man davon ausgehen, dass Klimawandel schon jetzt einen entscheidenden Beitrag zum Aussterben geleistet hat.

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Bald die Regel? Großflächige Bewässerung verwüsteter Landschaft. Bild: A. Künzelmann / UFZ

Wahr ist aber auch: Es existiert bislang kaum ein Beleg, dass durch den Klimawandel Arten ausgestorben sind. ist das für Sie in der Debatte mit Regierungen und Skeptikern ein Problem?

Pörtner: Natürlich, diese Zusammenhänge sind momentan schwer nachzuweisen, der aktuelle Klimawandel steht ja noch am Anfang. Klimaprognosen haben zunächst die globale Ebene im Blick; auf Regionen heruntergebrochen verlieren sie an Aussagekraft, weil die Modelle das noch nicht richtig abbilden. Politiker haben aber vor allem regionale Interessen und keine globalen.

Wie wird uns Menschen der Klimawandel treffen?

Settele: Alles, was wir essen, ist Flora und Fauna. Die Vielfalt wird zurückgehen in dem, was wir anbauen können, es wird wohl mehr Schädlingsprobleme geben.

Pörtner: Für den Ozean gibt es Modelle, die die großräumige Verlagerung von Fischbeständen zeigen - mit der entsprechenden Bedeutung für die regionale Fischerei. Davon sind ausgerechnet die Länder negativ betroffen, die in tropischen Breiten auf die Fischerei angewiesen sind. Ein signifikanter Teil der Weltbevölkerung ist von der Proteinlieferung aus den Ozeanen abhängig, und die wird dramatisch zurückgehen. Oder nehmen wir nochmal die Korallenriffe. Manche meinen vielleicht, auf die könne man zur Not auch verzichten. Aber die Riffe schützen die Küsten, gerade wenn es zu Wirbelstürmen und Tsunamis kommt.

Man sollte also denken, dass sich in den IPCC-Beratungen jene Länder stärker engagieren, die von Überflutungen bedroht sind. Merken Sie das?

Pörtner: Kleine Inselstaaten machen sich extreme Sorgen. Man muss aber berücksichtigen, dass die Hälfte der menschlichen Infrastruktur im Bereich von Küsten liegt.

Settele: Man merkt an den politischen Äußerungen schon, welche Interessen die jeweiligen Regierungen haben. Russland und China machen andere Kommentare als etwa die Niederlande.

Pörtner: Und der Ozean vergisst nicht. Das heißt, was wir anschieben in Sachen Meeresspiegelveränderungen oder Ozeanversauerung, werden wir so schnell nicht wieder einfangen. Da ist eine Trägheit im System. Schon wenn wir die heutigen Trends über das Jahr 2100 hinaus weiterdenken, sind sieben Meter Meeresspiegelanstieg möglich. Dann würden bis zum Jahr 2300, 2400 weite Küstengebiete überflutet.

Das heißt: Selbst wenn wir es schaffen, die Kohlendioxid-Emissionen komplett einzustellen, ist immer noch so viel Treibhausgas im System, dass der Klimawandel weitergeht?

Pörtner: Es wird viele Jahre dauern, bis die Temperatur und das Verhältnis von Eis- und Wasserphase im Gleichgewicht sind. Die natürliche Abnahme des Kohlendioxids in der Atmosphäre und die Rückführung der Ozeanversauerung erfolgen über hunderte bis tausende von Jahren; dieser Prozess ist auch von Verwitterungsprozessen an Land abhängig und von der biologischen Aktivität im Meer.

Wenn die Auswirkungen ohnehin schon vorprogrammiert sind - warum sollen wir unser Verhalten noch ändern?

Pörtner: Wir müssen zunächst einmal überhaupt akzeptieren, dass wir die Welt verändern und welche Auswirkungen unser Handeln hat. Es gilt, was Artikel zwei der Klimakonvention sagt: Der Klimawandel sollte nicht gefährlich werden; wir müssen das Ausmaß und damit die Auswirkung des Klimawandels begrenzen. Man muss ja nicht absichtlich das große Experiment fahren, das herausbekommen will, bei wie viel Klimawandel das Erdsystem kippt.

Ein gefährliches Ausmaß hat er doch schon längst erreicht, das haben Sie selbst gerade gesagt!

Pörtner: Das ist Definitionssache: Ist der Verlust einer Art schon gefährlich? Wie viele Arten sind wir bereit, in ihrem Bestand zu gefährden? Das ist eine Diskussion, die in der Politik geführt werden muss. Wir sind als Wissenschaftler gehalten, Fakten zusammenzutragen und Perspektiven aufzuzeigen, ohne der Politik Handlungsvorschriften zu machen.

Was muss die Politik tun, um die Auswirkungen des Klimawandels zu beschränken? 

Pörtner: Hier kann ich nur persönlich antworten, nicht als Vertreter des IPCC. Ich halte es für wichtig, dass wir möglichst früh anfangen, die Emissionen runterzufahren. Und dass wir die kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen nicht dem überordnen, was wir langfristig zu bewältigen haben.

Settele: Es wäre schon gut, wenn mancher sich sagt: Ich könnte ein bisschen weniger reisen, ein bisschen weniger fliegen. Aber letzten Endes muss sich die gesamte Gesellschaft in diese Richtung bewegen. Genau dieser gemeinschaftliche Wille muss sich auch in politischem Engagement äußern.

Barack Obama sagte kürzlich in einer Rede: "Klimawandel ist Fakt." Hat Sie das gefreut? Man hat von US-Präsidenten ja schon anderes gehört.

Josef Settele: Ehrlich gesagt, habe ich das gar nicht mitgekriegt, weil ich viel unterwegs war. Aber es hätte mich gefreut.

Als Weltklimarat wird das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) bezeichnet. Die zwischenstaatliche Organisation mit Sitz in Genf arbeitet als Think-Tank, fasst die wissenschaftliche Forschung zu Themen des Klimawandels zusammen und bewertet die Aussagekraft der Ergebnisse. In drei Arbeitsgruppen beschäftigen sich Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern mit den Risiken der globalen Erwärmung, mit ihren Auswirkungen sowie mit Vermeidungs- und Anpassungsstrategien. Für seine Tätigkeit erhielt das IPCC im Jahr 2007 den Friedensnobelpreis.

Der Biologe Hans-Otto Pörtner forscht am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Sein Schwerpunkt ist die Integrative Ökophysiologie von Meerestieren.

Der Agrarwissenschaftler Josef Settele forscht am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ in Halle. Er ist spezialisiert auf Biodiversität und Landnutzung.

Mehr zum IPCC-Bericht unter www.helmholtz.de/ipcc

10.03.2014, Interview: Jan-Martin Wiarda, Andreas Fischer

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29.08.2016