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Erde und Umwelt

Feldforschung

„Winterzeit ist Wartungszeit“

„Winterzeit ist Wartungszeit“
Bild: Dr. Manfred von Afferden/UFZ
Dunkelheit, wenn der Wecker klingelt. Dunkelheit, wenn man das Büro verlässt. Kalter Wind und manchmal Schnee. Der Winter in Deutschland tangiert die Forscher im Labor zwar weniger, doch was machen eigentlich all diejenigen, die in der Feldforschung arbeiten? Drei Eindrücke.

Martin Schädler (MS) koordiniert am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ ein Feldexperiment, bei dem die Auswirkungen des Klimawandels auf Ökosystemprozesse in verschiedenen Landnutzungssystemen untersucht werden. Dazu haben die Forscher 50 Versuchsparzellen errichtet, in denen sie Klimaparameter gezielt verändern und die Auswirkung dieser Veränderungen untersuchen. Auch Corinna Rebmann (CR) betreibt am UFZ Freilandforschung und auch ihr geht es um Klimaprozesse. Allerdings untersucht sie den Wasser- und Kohlenstoffhaushalt. Dabei geht es beispielsweise um die langfristige Erfassung der Dynamik der Bodenfeuchte, des Niederschlags und der Transportprozesse innerhalb der Vegetation. Als Messinfrastruktur dient ein 50 Meter hoher Turm, von dem aus die Austauschprozesse zwischen Vegetation und Atmosphäre untersucht werden können. Während die beiden UFZ-Forscher in Deutschland unterwegs sind, forscht Liane G. Benning (LGB) vom GeoForschungsZentrum Potsdam GFZ in arktischen Gebieten. Ihr Ziel ist es herauszufinden, welche Auswirkungen Mikroben auf die Gletscherschmelze und damit auf den Klimawandel haben. Keiner der drei stellt die Arbeit im Winter ein. Doch die Erfahrungen könnten kaum unterschiedlicher sein. 

Herr Schädler, im Sommer schrauben Sie fleißig an Klimaparametern, wie sieht es da im Winter aus?

MS: Unsere Feldarbeit findet tatsächlich vor allem von Frühling bis Herbst statt, weil die Natur im Winter ruht. Wir können den Winter schlecht manipulieren. Künstlicher Schnee wird nie die gleichen Auswirkungen und Charakteristika haben wie echter. Außerdem ist unsere Technik nicht für den Winter ausgerichtet. Daher finden bei uns im Winter kaum Beprobungen statt. 

Machen Sie also ab Herbst einfach frei?

MS: Nein, natürlich nicht. Wir nutzen den Winter vor allem für die Aufarbeitung und Analyse von Proben. Bei unseren Experimenten fallen Unmengen Proben und Daten an, die man irgendwann auswerten muss. In den Winter gehen wir also mit einem Plan, wie wir die Daten und Proben, die wir gesammelt haben, auswerten können. Außerdem nutzen wir den Winter als Standardausrede für alles was wir im Sommer an Analysearbeit nicht schaffen.  

Der Winter kommt ihnen also gelegen?

MS: Irgendwie schon. Allerdings ist der Winter manchmal fast zu kurz für uns, weil wir auch viele Meetings und Tagungen in den Frühwinter in diesen Zeitraum legen und außerdem ist die Winterzeit bei uns auch noch Wartungszeit für die Technik. Trotzdem ist der Winter eine großartige Zeit für den dicken „noch zu lesen“- Ordner und eben für die Analyse und Auswertung. Außerdem kommt man mit ein bisschen mehr Ruhe auch wieder auf neue Ideen und spannende Fragestellungen. Manchmal wünschte ich mir auch, dass man im Winter noch raus könnte. Gerade beim Klimawandel gibt es ja auf Effekte die auf Veränderungen im Winter zurückzuführen sind – eine längere Schneedecke beispielsweise hat massive Effekte – aber das kann ich experimentell nur schwer nachstellen. Sich dafür mal passende Experimente auszudenken wäre sicherlich eine Herausforderung. Aber, ich will gar nicht wissen, was dann mit all den Daten passieren würde. 

Frau Rebmann, Herr Schädler nutzt den Winter vor allem für die Datenanalyse. Klettern Sie auch im Winter auf den Turm?

CR: Ja. Unsere Experimente funktionieren im Winter genauso wie im Sommer, weil wir ja nichts simulieren sondern eher beobachten. Wir könnten allein deshalb auch gar nicht auf die Daten aus der Winterzeit verzichten, weil wir viele Jahresdurchschnitte bilden und die Winterzeit für den Wasserhaushalt sehr wichtig ist. Komplizierter ist es aber natürlich. 

Inwiefern?

CR: Auch unsere Messgeräte sind nicht unbedingt für alle Temperaturen gemacht. Manchmal frieren sie ein und sowas muss man dann eben in der Planung beachten, wenn man im Winter draußen im Feld arbeitet. Einige wenige Untersuchungen sind schlicht nicht möglich, aber auf das meiste kann man sich gut einstellen. Für einen selbst ist es natürlich auch nicht immer schön, aber dann packt man sich eben dick ein und geht so raus. Mehr Spaß macht es dann schon im Sommer. 

Frau Benning, während die Kollegen in Deutschland forschen zieht es sie im Sommer, wie im Winter in arktische Gefilde. Gibt es trotzdem einen Unterschied zwischen den Jahreszeiten?

LGB: Natürlich. Im Sommer ist es dort permanent hell und im Winter eben permanent dunkel. Normalerwiese machen wir unsere Experimente im Sommer, weil es viel praktischer und auch einfacher ist. Allerdings verhalten sich die Mikroben im Winter anders als im Sommer, da sie auf Lichteinflüsse reagieren. Deshalb wollen wir jetzt auch im arktischen Winter Proben nehmen. 

Wie viel schwieriger ist das? 

LGB: Feldarbeit im Dunkeln und im tiefen Schnee ist natürlich schwierig aber wir brauchen die Daten. Deshalb versuchen wir es. Stellen sie sich vor, dass sie Eis beproben wollen und dann aber eine zwei Meter dicke Neuschneeschicht über dem Eis ist. Dann muss man natürlich einen Weg finden, trotzdem noch an das Eis zu kommen. Da liegt eine der großen Herausforderungen, so flexibel zu planen, dass man sein Equipment trotz aller Schwierigkeiten nutzen kann.

Wie bereiten sie sich darauf vor?

LGB: Die Vorbereitung ist sowohl im Sommer als auch im Winter sehr aufwendig. Allein das Equipment dorthin zu transportieren ist ein extremer Aufwand. Für den Winter und für den Sommer gilt: Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor und verdoppeln es dann, weil es so viele unvorhersehbare Dinge gibt. Da sind Koordination und Flexibilität in gleichem Maße gefragt.

Bevorzugen Sie den Winter oder den Sommer? 

LGB: Ich war erst zweimal im Winter unterwegs, daher habe ich hier noch nicht so viele Erfahrungen wie im Sommer, den ich seit 15 Jahren dort verbringe. Im Winter ist es schon eine größere Herausforderung, aber es ist auch noch spannender und aufregender, denn wir lernen neue Dinge und sammeln viele Erfahrungen, die wir bisher noch nicht gemacht haben. Es ist eisig kalt, aber es ist auch wunderschön und beeindruckend. Was gibt es schöneres als auf einem Gletscher zu stehen und Nordlichter zu sehen? Das ist wirklich toll und ich möchte es nicht missen. 

03.01.2017, Interviews: Rebecca Winkels

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17.01.2017