Interview

Umweltforscher fordern Pestizidabgabe

Bild: Luc Viatour, Wikimedia-Commons, CC BY-SA 3.0

Ein Gutachten des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung empfiehlt eine Abgabe auf Pflanzenschutzmittel in Deutschland. So könnte der Preis-Nachteil umweltfreundlich erzeugter Produkte verringert werden.

Erik Gawel ist Leiter des Departments Ökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Der Umweltökonom hat außerdem eine Professur für Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig inne. Er ist Mitautor des Gutachtens "Einführung einer Abgabe auf Pflanzenschutzmittel in Deutschland", die das UFZ im Auftrag des Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Holstein erstellt hat.

Sie fordern eine Pestizidsteuer – was soll die denn bewirken?

Sie soll helfen, Deutschlands selbst gesteckte Ziele zu erreichen und das Risiko aus Pflanzenschutzmitteln bis 2023 deutlich zu reduzieren. Momentan sind ein relativ stabiler Einsatz und eine Tendenz zu höherer Wirksamkeit zu verzeichnen, sprich: höherer Toxizität einzelner Wirkstoffe. Die Abgabe soll den Anwendern die Folgekosten für Mensch und Umwelt spürbar machen, die bisher auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.

Dadurch würde sich der Preisabstand zu Bioprodukten verringern…

Genau. Bisher haben Produkte aus dem ökologischen Landbau den Nachteil, dass der weitgehende Verzicht auf schädliche Substanzen sie teurer macht als konventionelle Produkte. Man geht von rund 20 Prozent Ertragsminderung aus. Die Pestizidabgabe würde auch dazu beitragen, hier ein Stück Wettbewerbsverzerrung abzubauen.

Auf jede Flasche, auf jedes Fass Pflanzenschutzmittel wird dann eine Steuer erhoben?

Richtig. Es ist am einfachsten, die Abgabe als Verbrauchsteuer zu erheben. Doch Steuerzahler sind nicht Steuerträger: Die Belastung wird sowohl an Hersteller als auch an die Endkunden weitergegeben, was ökonomisch erwünscht ist.

Ist das denn am Ende wirklich spürbar? Auf das Pfund Tomaten gerechnet, sprechen wir doch wahrscheinlich von Zehntelcents – außer man erhebt eine massiv hohe Steuer.

Es ist nicht Ziel der Abgabe, Agrarprodukte massiv zu verteuern. In der Landwirtschaft machen Ausgaben für Pflanzenschutzmittel aber bis zu zehn Prozent der Produktionskosten aus. Da ist es für den Produzenten schon eine Überlegung wert, wie der mit dem Produktionsfaktor "Pflanzenschutzmittel" umgehen möchte. Im Übrigen trifft die Abgabe auch alle anderen Anwendungsbereiche, etwa bei den Kommunen, bei der Deutschen Bahn oder im privaten Garten.

Aber um wie viel würden Obst und Gemüse durch die Pestizidabgabe teurer?

Niemand muss gewaltige Preisschübe befürchten. Preisschwankungen aus klimatischen Gründen und durch schlechte Ernten fallen hier deutlich mehr ins Gewicht, als es eine Pestizidsteuer täte. Landwirtschaftliche Anwender entscheiden aber anhand der Produktionskosten, nicht mit Blick auf den Endkundenpreis. Hier setzt die Abgabe Akzente, zumal nach Risiko differenziert besteuert werden soll, also besonders giftige Mittel stärker belastet werden.

Als deutscher Staat kann ich nur die Produkte besteuern, die in Deutschland verkauft werden. Die Importtomate bleibt pestizidsteuerfrei. Finden Sie das nicht ungerecht?

Noch einmal: Eine Pestizidsteuer ist keine Landwirtschaftsabgabe, sondern trifft alle Anwender. Und ja: Internationaler Handel begrenzt immer die Wirksamkeit rein deutscher Maßnahmen. Darum wäre es natürlich wünschenswert, das auf einer europäischen Ebene zu verankern. Allerdings haben Frankreich, Dänemark, Schweden und Norwegen schon vor Jahren Pestizidsteuern eingeführt.

Wie sind die Erfahrungen dort?

Es ist schwierig, die Entwicklung der Absatzmengen mit der Abgabe in einen kausalen Zusammenhang zu bringen. Wir wissen nicht, wie sich die Zeitreihen ohne diese Abgaben entwickelt hätten. Die Agrar- und auch Pestizidpreise unterliegen einfach zu vielen Effekten – neue Produkte, neue Wirkstoffe, Nachfrageverschiebungen, Reaktivierung von Stilllegungsflächen… Was man auf jeden Fall sieht: Die Nachfrage reagiert auf die Abgaben. Natürlich löst eine solche Abgabe nicht alle Probleme. Zumal in der Praxis solche Abgaben aus politischen Gründen auch immer sehr moderat bemessen werden.

Zumindest sind die Landwirte in diesen vier Ländern nicht pleite gegangen.

Für mich ist immer der Punkt: Es mag ja sein, dass in bestimmten Fällen, bei bestimmten Pflanzenkulturen keine vertretbare Alternative zu finden ist. Obst bekommt beispielsweise Flecken und ist so kaum noch verkäuflich. Nur: Die Abgabe schreibt ja niemandem vor, was er zu tun und zu lassen hat. Wenn man das Mittel unbedingt einsetzen will, kann man das. Man soll nur einen angemessenen Ausgleich der Folgekosten zahlen. Dann gibt es makellose Kirschen eben nur mit Aufschlag. Und sollte es trotzdem ganz eng werden, gibt es immer noch die Möglichkeit, aus dem Abgabeaufkommen einen Rücktransfer zu finanzieren. Es gibt also keine wirklich guten Ausreden.

Haben Sie eine Vorstellung, wie viel eine solche Steuer einbringen würde?

Wir haben in unserer Studie ein risikoorientiertes Modell vorgeschlagen: Auf jedes Produkt wird ein anderer Zuschlag erhoben, je nach Giftigkeit. Wir gehen von rund einer Milliarde Euro pro Jahr Gesamtaufkommen aus.

Die Einnahmen sollen dann dem Umweltbereich zugute kommen?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Ein Teil könnte als Ausgleich in den Agrarsektor zurückfließen. Die Landwirte sollen zwar ihren Pestizideinsatz überdenken, aber nicht unbedingt ärmer werden durch diese Abgabe. Der Rest könnte Ausgleichsmaßnahmen zum Pestizideinsatz finanzieren, etwa Blührandstreifen, die bestimmte Bereiche um die Äcker bewusst freihalten werden, um der Biodiversität eine Chance zu geben.

20.07.2018 , Interview: Thomas Röbke
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