Flaggen vor dem Konferenzgebäude in Madrid. Bild: UNclimatechangeCC BY 2.0

UN-Klimakonferenz

„Time to act“

Der Weltklimagipfel in Madrid hat begonnen. Das Treffen ist enorm wichtig, um den Weg zum Erreichen der Pariser Klimaschutzziele zu ebnen. Worum geht es konkret?

In Madrid und nicht wie ursprünglich geplant in Santiago de Chile kommen zur UN-Klimakonferenz zwischen dem 2. und 13. Dezember rund 20.000 Delegierte und weitere zehntausende Gäste zusammen. Zu groß war die Sorge der chilenischen Regierung, dass sie nach den anhaltenden Protesten nicht für die Sicherheit in der Hauptstadt hätte garantieren können. Eine Veränderung der Agenda für die COP25 hatte die Verlegung aber nicht zur Folge, die hohe Bedeutung bleibt erhalten. „Der Gipfel in Madrid ist wichtig, weil er den Handlungsdruck auf die Regierungen erhöhen und deren Motivation und Ambition stärken wird, endlich mehr zu unternehmen, um die Klimaziele zu erreichen“, hofft Hans-Otto Pörtner, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Die Fakten lägen nach dem im vorigen Jahr veröffentlichten 1,5 Grad-Sonderbericht des IPCC zur globalen Erwärmung ohnehin auf dem Tisch: Global müssten die Emissionen im Vergleich zu 2010 um 45 Prozent, in Deutschland im Vergleich zu 1990 um 65 Prozent reduziert werden.

Pörtner, der in Madrid auch die in diesem Jahr veröffentlichten IPCC-Sonderberichte zu den Themen Klimawandel und Landnutzung sowie Ozeane und Kryosphäre vorstellen wird, reist hoffnungsvoll in die spanische Hauptstadt: „2019 war ein über die Maßen erfolgreiches Jahr: Der 1,5 Grad-Bericht hat eine soziale Mobilisierung ausgelöst, die beiden nachfolgenden Sonderberichte haben das noch verstärkt.“ Die Ungeduld innerhalb der Wissenschaft und der Gesellschaft werde immer größer. „Wir müssen die Politik endlich aus dem Dornröschenschlaf holen.“ Die COP25 könne dafür die Initialzündung sein, schließlich laute deren Motto „Time to act“. „Das Jahr 2020 ist das Jahr, in dem die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens ansteht“, sagt Pörtner. Deshalb sei es nun für die Staatengemeinschaft Zeit, die richtigen Schlussfolgerungen aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu ziehen und entschlossen zu handeln.

In Madrid sollen nun die weiteren Schritte festgeklopft werden, wie der Weg zum Erreichen der ambitionierten Pariser Ziele aussehen könnte. So will die Staatengemeinschaft vereinbaren, wie sie den internationalen Handel von Emissionen und Emissionseinsparungen ermöglichen kann – etwa dergestalt, dass zum Beispiel Deutschland ein Projekt zum Klimaschutz in Marokko bezahlen und die CO2-Einsparung gutgeschrieben bekommen könnte. „Die grundlegende Idee ist, Klimaschutz so günstig wie möglich zu machen, damit er wirtschafts- und sozialverträglich funktioniert“, sagt Reimund Schwarze, Klimaökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. 

Diese Mechanismen könnten es Ländern erleichtern, hohe CO2-Einsparungen vorzunehmen, die sie allein nicht geschafft hätten und die sie deshalb bislang nicht zugesagt hätten. Damit der Klimaschutz aber tatsächlich profitiert, muss gesichert sein, dass die Summe der CO2-Emissionen bei solchen Handelsabschlüssen auch wirklich sinkt und dass auch nur jene Klimaschutzprojekte umgesetzt werden, die ohne externe Gelder keine Aussicht auf eine Realisierung gehabt hätten. Dieses Kriterium der Zusätzlichkeit müsse sowohl rechtlich festgehalten als auch mit Maßnahmen wie etwa dem Aufbau intelligenter Stromnetze und neuer Speichertechnologien hinterlegt werden. „Sinnvoll funktionieren kann der Handel nur mit einem umfassenden Kontrollsystem für Käufe und Verkäufe von CO2-Zertifikaten“, sagt Schwarze. Weil diese Diskussion aber bereits im vorigen Jahr den Klimagipfel in Kattowitz beinahe zum Scheitern gebracht hätte, erwartet der Klimaökonom keine einfachen Verhandlungen.

Auf der Agenda der COP25 steht zudem der sogenannte Warschau-Mechanismus für Schäden und Verluste durch den Klimawandel. Die reichen Industrieländer sind größtenteils verantwortlich für die Klimakrise. Der im Jahr 2013 auf dem Klimagipfel in der polnischen Hauptstadt verabschiedete Mechanismus beschreibt, wie Industrieländer ärmeren Staaten, die sich an die Klimaauswirkungen weder anpassen noch deren Folgen bewältigen können, einen Ausgleich ermöglichen können. Überprüft werden soll nun, ob der Mechanismus geschädigte Staaten wirklich effektiv unterstützt.  Und der Bedarf der verletzlichen Länder durch künftige Schäden und Verluste auf Basis wissenschaftlicher Prognosen ermitteln werden kann. Zudem muss noch die Finanzierung geklärt werden. In Madrid soll dieser Mechanismus nun ins Regelwerk kommen. Das könnte zu Kontroversen führen, denn laut Paris-Abkommen darf es keine direkte Haftung für den Klimawandel geben. „Internationale Ausgleichszahlungen für Schäden und Verluste sind aber möglich, zum Beispiel in Form von Subventionen für staatliche Versicherungen“, sagt Schwarze. Dafür gebe es den Vorschlag eines gesonderten Fonds auf UN-Ebene. Auch darum wird gerungen werden. Deswegen erwartet der Klimaökonom „schwierige Verhandlungen und lange Nächte“ in den letzten Tagen der Konferenz.

Zum Weiterlesen:

"Der CO₂-Handel zwischen Staaten braucht Kontrolle" - Interview mit UFZ-Klimaökonom Reimund Schwarze

Klimainitiative der Helmholtz-Gemeinschaft

02.12.2019 , Benjamin Haerdle

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