Interview

„So etwas gab es bisher nicht ansatzweise“

Der Zeppelin war die zentrale Mess- und Koordinierungsplattform während der Mission. Bild: David Ausserhoffer.

Fünf Tage lang suchten Meeresforscher in der Ostsee nach kleinen Meereswirbeln. Mit Erfolg. Erstmals kam dabei auch ein Zeppelin zum Einsatz. Wir sprachen mit dem Expeditionsleiter Burkard Baschek über die Mission und das Echo in den Medien.

Die Expedition ist beendet. Wie ist es gelaufen?

Sehr gut! Unser Ziel war es, kleine Ozeanwirbel aufzuspüren und wissenschaftlich zu vermessen. Das ist uns gelungen. Wir konnten einen kleinen Spiralwirbel von der Entstehung bis zum Zerfall über etwa sieben Stunden detailliert beobachten. Das gab es in dieser Auflösung vorher nicht. Nachdem es während der ersten zwei Tage eher ruhig war, haben wir am dritten Tag eine Cyanobakterienblüte beobachtet, die in sehr scharfen Bändern angeordnet war. Das waren die Spiralarme eines großen Wirbels, in denen sich die Blüte entwickelt hat.

Gab es Überraschungen?

Die größte Überraschung für mich war, dass es so gut gelaufen ist. Wir hatten uns – auch mit der intensiven Medienarbeit rund um die Expedition – schon recht weit aus dem Fenster gelehnt. Mir war allerdings immer bewusst, dass es durchaus hätte passieren können, dass wir keinen Wirbel zu sehen bekommen. Wir wissen zwar, dass sie in der Ostsee vorkommen. Dass wir sie aber auch erwischen, war nicht sicher. Dazu gehört auch immer eine Portion Glück. Und einen Wirbel von der Entstehung bis zum Zerfall beobachten zu können, das war schon fantastisch. Auch der Beginn der Cyanobakterienblüte kam für uns genau zur richtigen Zeit. Normalerweise passiert das in der Ostsee erst ein paar Wochen später.

Haben Sie außer dem Spiralwirbel weitere Wirbel beobachten können?

Ja, wir haben insgesamt drei Wirbel und zwei Fronten in den fünf Messtagen, die wir zur Verfügung hatten, beobachten können. Damit waren wir hochzufrieden. Zwei der Wirbel konnten wir über jeweils 50 Minuten permanent mit dem Zeppelin beobachten, der über den Wirbeln parkte. So etwas gab es bisher nicht ansatzweise. Ich bin sehr gespannt auf die Auswertung der Messdaten.

Das Konzept, einen Zeppelin zum Aufspüren der Wirbel und zur Koordination der Forschungsschiffe und Messeinheiten im Wasser zu verwenden, hat sich also bewährt?

Ja, das hat sich 100prozentig bewährt. Und es hat dank der jahrelangen Vorbereitung sehr gut geklappt. Der Zeppelin als Mess- und Koordinierungsplattform hat große Vorteile. Und – das sollte man nicht vergessen - es ist eine kostengünstige Variante.

Gibt es etwas, was Sie beim nächsten Mal anders machen würden?

Der Zeppelin war auf Usedom stationiert und die Forschungsschiffe auf Bornholm. Es wäre besser, wenn sich alle Beteiligten an einem Standort befinden, da man abends zusammenkommen und sich austauschen kann. Außerdem ist man nicht vom Wetter an zwei Standorten abhängig.

Wie geht es nun weiter? Werden Sie die nächsten Jahre damit verbringen, Daten auszuwerten oder ist die nächste Zeppelin-Mission bereits in Planung?

Wichtig ist nun in der Tat zunächst die Auswertung der Daten und das Publizieren. Auch um bei einer nächsten Expedition noch genauere Fragen stellen zu können. Bislang haben wir erst 15 bis 20 dieser kleinen Wirbel genauer beobachtet. Jeder war anders. Um ein grundlegendes Verständnis der Prozesse zu bekommen, müssen wir noch erheblich öfter rausgehen und messen. Das nächste Mal wahrscheinlich in zwei bis drei Jahren und mit Sicherheit auch wieder in der Ostsee. Darüber hinaus sind wir an dem Infrastrukturprojekt MOSES der Helmholtz Gemeinschaft beteiligt, in dem eine größere Beobachtungsinfrastruktur aufgebaut werden soll, die zum Beispiel auch die Atmosphäre miteinbezieht. Zusammen mit dem GEOMAR in Kiel möchten wir in diesem Forschungsprojekt den Bereich der Ozeanwirbel übernehmen. Das Ganze soll bei den Kapverdischen Inseln stattfinden. Ob dabei ein Zeppelin als zentrale Koordinierungseinheit zum Einsatz kommt, sei mal dahingestellt. Das Grundprinzip der luftgestützten Beobachtung werden wir auf jeden Fall fortführen.

Gab es besondere Momente oder Ereignisse während der Expedition, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind?

Es gab tatsächlich viele besondere Momente: Einer war der, als wir gemerkt haben, dass wir einen Wirbel in seiner Entstehung entdeckt hatten. Auch der Blick auf die Cyanobakterienblüte bleibt sicher in Erinnerung. Was mich am meisten beeindruckt hat, war nicht ein einzelner Moment, sondern das Teamgefühl, das sich während der Expedition entwickelt hat, zwischen allen beteiligten Organisationen, das war für alle etwas ganz Besonderes. Auch die Überführungsflüge mit dem Zeppelin waren tolle Erlebnisse. Die Resonanz, die wir besonders bei unserem Zwischenstopp in Berlin erfahren haben, war schon Wahnsinn. Aber auch die Messungen, die wir unterwegs für das UFZ und das GFZ schon gemacht haben. Die Kollegen dort unten zu sehen, das war eine schöne Sache.

Gab es auch kritische Momente?

Ich hatte am Ende leichte Bedenken, ob wir am letzten Messtag aufgrund des schlechteren Wetters noch rausgehen können. Am Ende hat es geklappt. Dann gab es zu Beginn den technischen Ausfall eines Messgerätes, aber das haben wir wieder flott bekommen.

Sie haben das Medienecho schon angesprochen. Waren Sie überrascht über die Resonanz?

Ja, das war ich. Wir haben gewusst, dass wir ein spannendes Projekt haben. Im Vorfeld haben wir ja auch schon den Film Uhrwerk Ozean produziert und gesehen, wie gut der ankam. Dabei haben wir gemerkt, dass die Medien nach dem Film wirklich heiß auf das Experiment waren und nun sehen wollten, wie das eigentlich funktioniert. Welche Faszination und Sympathie der Zeppelin auslöst, wenn er über die Köpfe der Menschen schwebt, das haben wir selber erst verstanden, als wir ihn mit eigenen Augen gesehen haben. Dass dann auch auf Twitter die Resonanz durch die Decke geht, das konnte man nicht vorhersehen.

Haben Sie manchmal gedacht: Zu viel Medienarbeit, zu wenig Forschung?

Die Forschungsarbeit hat nicht darunter gelitten. Das war auch immer unsere Prämisse. Die Wissenschaft geht vor. Am Ende eines Tages war ich dann schon etwas müder, wenn ich zusätzlich noch Interviews geben musste. Aber es hat sich gelohnt: Ich war sehr positiv überrascht, wie gut und fundiert die Berichterstattung war. Vor allem deswegen hat es auch Spaß gemacht mit den Medien zu arbeiten.

Prof. Dr. Burkard Baschek ist seit Juli 2012 Leiter am Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und Professor für Küstenforschung und Instrumentation an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Vorher war er fünf Jahre Professor an der University of California in Los Angeles.

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11.07.2016 , Interview: Martin Trinkaus
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