Bären

Seitensprung mit Folgen

Braunbären sind Zwischenwirte für Gene zwischen den geographisch voneinander getrennt lebenden Polar- und Malaienbären. Bild: Robert F. Tobler / Wikimedia Commons (CC-BY-SA 4.0)

Forscher haben sich das Genom von Eis-, Braun,- und Malaienbären genauer angesehen. Dabei stellten sie fest, dass es einen genetischen Austausch zwischen den Arten gibt. Das gängige Konzept, nach dem unterschiedliche Arten keine fruchtbaren Nachkommen zeugen können, ist damit kaum noch haltbar.

Seit Jahrhunderten zerbrechen sich Biologen den Kopf darüber, was genau eine Art ist. Der Evolutionsbiologe Ernst Walter Mayr legte sich in den 1950er Jahren auf eine der in der Biologie gültigen Art-Definitionen fest. Sie bildet die Grundeinheit der biologischen Systematik. Bei einer Art gibt es demnach eine reproduktive Isolation. Das bedeutet, dass eine Gruppe eine eigene Art darstellt, die von anderen Populationen bei der Fortpflanzung getrennt ist. Beispiel: das Pferd und der Esel. Paaren sich diese Tiere, so ist das daraus entstehende Maultier unfruchtbar. Der erste Forscher, der sich intensiv mit dem Konzept der Klassifizierung beschäftigte, war Carl von Linné. Der Naturforscher entwarf mit der Schrift "Systema Naturea" vor 259 Jahren das bis heute gültige Kategoriensystem. Linné verwendete als Erster die Begriffe Klasse, Ordnung, Gattung oder Art. So wird es bis heute an Universitäten gelehrt - und so war es bisher gültig. Dann blickten Forscher beim Bären genauer hin. Mit erstaunlichem Resultat. Eine Studie, die im US-Magazin "Scientific Reports" veröffentlicht wurde, enthüllt genetische Vermischungen, die das bisher gültige, biologische Artkonzept infrage stellen.

Axel Jahnke vom Senckenberg Forschungszentrum in Frankfurt analysierte die Genome von verschiedenen Bärenarten, um die Verwandtschaftsverhältnisse zu klären. "Unser erstes Braunbärgenom sahen wir uns 2012 an. Bei Bären war bekannt, dass die Isolation nicht eindeutig ist und die Eis- und Braunbären Nachkommen zeugen können", sagt Jahnke. "Überraschend war allerdings die Erkenntnis, dass es einen Genfluss von Art zu Art gibt. Zwischen Eisbär und Braunbär aber auch zwischen Eisbär und dem in den Tropen lebenden Malaienbär. Die Tiere waren genetisch betrachtet - weniger eigenständig, als erwartet." Seinen Fund begründet der 52-Jährige so: "In der Natur sind die Übergänge fließend." Hybride von Eis- und Braunbär sind in der Lage fruchtbare Nachkommen zu zeugen. Offenbar gelangen Erbgutsequenzen des Eisbären über diese Hybride dann über die Braunbärpopulationen bis zu den Malaienbären. Weiter sagt der Experte: "Die spannende Frage lautet: Wie sind die Arten miteinander verwandt?"

Axel Janke freut sich über seinen Fund: "Es ist ein unglaublicher Auftrieb für die Forschung und mich, solche Prozesse, die man nur vermutete, nun nachweisen zu können. Dass der Genfluss bei den Bären so universell ist, ist toll. Das öffnet neue Einblicke in die Evolution, die ich nicht für möglich gehalten habe." Auch Charles Darwin habe bereits auf Hybride aufmerksam gemacht. Doch sein Ansatz rückte im Laufe der Zeit in den Hintergrund, weil die biologische Artdefinition so einfach und einprägsam war. Möglich werden jene Funde durch den Preisverfall bei der Sequenzierung von Genomen. Kostete das Projekt zur Erforschung des gesamten menschlichen Erbguts vor 20 Jahren noch eine Milliarde Euro, so ist der Prozess heute für 2.000 Euro zu haben. Damit eröffnen sich neue Forschungsansätze am Bauplan der Evolution, dem Genom.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für das klassische Art-Konzept? Und warum kommt es bei den Bären nicht zu einer vollständigen Durchmischung, wenn es keine Fortpflanzungsgrenze gibt? "Die Biologie ist nicht gradlinig - und das Leben viel komplexer, als bisher gedacht." sagt Axel Janke. Dann nennt der Experte ein zweites Beispiel: "2016 definierten wir und die `Giraffe Conservation Foundation´ vier Giraffenarten. Zuvor war man von nur einer existierenden Art ausgegangen."Sein Resümee: "Es gibt noch viel zu entdecken. Selbst, wenn es um den Schutz der Biodiversität geht. Hier lautet die Frage: Was schützen wir eigentlich? Ist es nicht statt des bekannten Begriffs eher die genetische Diversität, die es zu bewahren gilt?" Nicht nur dieser Frage will Janke nun am "Senckenberg Forschungszentrum" nachgehen. Weitere Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.

Zum Weiterlesen:

Invasive Arten - Gekommen, um zu bleiben

23.06.2017, Matthias Lauerer
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