Blickwinkel

Klimabewusst reisen – geht das?

Für die Umwelt verzichten wir auf Plastiktüten. Wir ermahnen einander zur Mülltrennung – und trotzdem fliegen wir um den halben Globus, um Urlaub zu machen. Müsste man dabei nicht auch klimabewusster handeln? Und – wenn ja – geht das überhaupt? Zwei Blickwinkel.


„Im Verkehrssektor liegt ein großes Potenzial zu Einsparung von Treibhausgasemissionen.“

Der Verbrennungsmotor ist noch immer unser Fortbewegungsmittel erster Wahl. Im Schnitt legen wir in Deutschland täglich Strecken zwischen 40 und 50 Kilometer zurück – und das zu etwa 75 Prozent im motorisierten Individualverkehr. Dabei wird viel Energie verbraucht – zumeist aus fossilen Brennstoffen. Bei deren Verbrennung werden klimawirksame Stoffe – vor allem CO2 – in die Atmosphäre freigesetzt. Etwa ein Drittel davon sammelt sich dort an und verstärkt den natürlichen Treibhauseffekt. Die Erde erwärmt sich stärker.

2016 sind laut Berechnungen des Umweltbundesamtes die Treibhausgasemissionen in Deutschland wieder angestiegen. Damit wird es immer schwieriger, das für das Jahr 2020 gesteckte Klimaziel zu erreichen, welches eine Senkung der Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 vorsieht. Der gesamte Verkehrssektor trägt rund 20 Prozent zu den Treibhausgasemissionen bei. Er ist der einzige Sektor, der seine Emissionen seit 1990 nicht mindern konnte. Einzelne Autos sind zwar klimafreundlicher geworden, aber es sind insgesamt immer mehr Autos unterwegs. Im Verkehrssektor liegt also ein großes Potenzial zur Einsparung. Und hier kann jeder individuell sofort loslegen: auf kurzen Strecken am besten zu Fuß gehen oder das Fahrrad nehmen. Auch Luftschadstoffe und Lärm werden so vermieden. Auf langen Strecken sind Bus und Bahn die klimafreundlichsten Verkehrsmittel. Mit der Bahn kommen wir bei gleichem CO2-Ausstoß mehr als 10 mal so weit wie mit dem Flugzeug.

Fliegen ist die klimaschädlichste Art zu reisen. Hierbei werden neben CO2 auch große Mengen Stickoxide freigesetzt, die durch chemische Reaktionen zur Bildung von Ozon in der Tropopause führen. Ozon absorbiert und emittiert langwellige Wärmestrahlung und trägt damit zur Erwärmung der Erde bei. Das ist nicht zu verwechseln mit der Wirkung von Ozon, das sich in größeren Höhen in der Stratosphäre befindet, wo es einen großen Teil der kurzwelligen UV-Strahlung der Sonne absorbiert und dort eine wichtige Schutzfunktion für das Leben auf der Erde hat.

Wenn partout kein Weg am Auto vorbeiführt, können wir auch damit klimabewusst fahren: mit energiesparenden Modellen, sparsamem Fahrverhalten und in Fahrgemeinschaften. Die beste Energiebilanz besitzen übrigens Elektroautos. Eine Analyse des Bundesumweltministeriums zeigt: Selbst unter Berücksichtigung des deutschen Strommixes und des gesamten Lebenszyklus fallen die Treibhausgasemissionen eines batterie-elektrischen Fahrzeugs geringer aus als die eines vergleichbaren Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor.


„Wir müssen Ferien neu denken. Für unseren Planeten – und für uns selbst.“

Die Welt ist groß und bunt – entdecken wir sie! Nicht nur Deutsche, auch viele andere Europäer, Amerikaner oder Chinesen fahren oder fliegen immer öfter los. Waren 1970 rund 150 Millionen Urlauber weltweit unterwegs, werden es nach Schätzungen der Welttourismusorganisation (UNWTO) im Jahr 2030 rund 1,3 Milliarden sein.

Kann unser Planet das verkraften? Manche Städte oder Regionen sind längst am Limit. Mallorca zum Beispiel, wo sich im August 2016 rund 2,1 Millionen Urlauber drängten und die Zahl der Einheimischen locker um das Doppelte übertrafen. Venedig ist sogar im November „dicht“, in Angkor Wat sieht man die Ruinen vor lauter Besuchern kaum, und die Alhambra hat ihre Seele verloren. Höchste Zeit, zu handeln.

Schon 1980 tauchte der Begriff „sanfter Tourismus“ auf, geprägt von dem Zukunftsforscher Robert Jungk. Es geht darum, einen möglichst kleinen „Fußabdruck“ zu hinterlassen. Das heißt: Reisen mit Bahn, Bus oder Fahrrad, übernachten in ökologisch korrekten Unterkünften und essen, was in der Region angebaut wird. Was zunächst als Leitfaden für urlaubende Grüne belächelt wurde, ist nun en vogue. Reiseveranstalter werben mit „Nachhaltigkeit“, wohl wissend, dass ohne Ökologie am Ende auch die Ökonomie nicht mehr stimmt. Zugebaute Küsten und verschmutzte Strände schrecken ab, und wer mag sich im abgeschotteten All-inclusive-Resort erholen, wenn rundherum bittere Armut herrscht?

Alles soll im Lot sein. Der Wunsch danach eint Veranstalter, Zielgebiete und Urlauber. Mehr als 100 touristische Gütesiegel geben Hilfestellung. „Nachhaltigkeit ist kein Endziel, sondern ein Prozess“, sagt Dirk Glaesser von der UNWTO. Wer sich daran beteiligt, gewinnt. Und Deutschland liefert. Etwa die Touristiker im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Das hat gerade den Bundeswettbewerb Nachhaltige Tourismusdestinationen, ausgerichtet vom Bundesumweltministerium und dem Deutschen Tourismusverband, gewonnen. Die Expertenjury wertet nach Kriterien wie „Schutz von Natur und Landschaft“, „Gemeinwohl und Lebensqualität“ oder „lokaler Wohlstand“. Der Preis für die Schwäbische Alb: Eine bundesweite Mediakampagne an Bahnhöfen. Das zahlt sich aus. Urlauber wünschen Erlebnisse, gern in der Nähe. Wozu die „Big Five“ in Afrika stören, wenn die „Small Five“ im Wattenmeer krabbeln.

Niemals auf die Malediven? Der Manager eines Ökoresorts auf einem der winzigen Eilande sagte hinter vorgehaltener Hand: „Diese Inseln sind so fragil. Eigentlich dürfte es hier überhaupt keinen Tourismus geben.“ Wir müssen Ferien neu denken. Für unseren Planeten – und für uns selbst.


24.07.2017, Diana Rechid und Hella Kaiser
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Gabriele Stiller, 14-08-17 10:44

Ich bin auch im Bereich der Klimaforschung tätig. Meinen persönlichen ökologischen Fußabdruck bemühe ich micht zu reduzieren - auch durch Fahrten mit der Bahn bei (Kurz-)Urläuben und Sommerurlaub (mit dem Auto) im Umkreis von 500 km von meinem Heimatort. Was meinen ökologischen Fußabdruck aber empfindlich stört und alle Bemühungen zunichte macht, sind meine Dienstreisen. Mehrmals im Jahr, womöglich für anderhalbtägige Treffen, halb um die Welt - muss das denn wirklich sein? Gerade in der Klimaforschung sollten wir doch dieses Bewusstsein haben. Sicher, es gibt häufig (nicht immer) die Möglichkeit per Video-Konferenz teilzunehmen. Aber solange die wichtigen Absprachen, die Vereinbarungen zu zukünftigen Zusammenarbeiten, der Austausch von noch nicht ganz offizieller Information in den Kaffeepausen und beim Tagungsdinner passiert, ist es unerlässlich, zu den Meetings hinzufahren, sonst ist man innerhalb kürzester Zeit "draußen". Wenn die Tagungen/Meetings/Konferenzen dann wenigstens an Orten abgehalten würden, die für die meisten Teilnehmer den minimalen Reise-Aufwand bedeuteten - aber nein, man (d.h. im wesentlichen Europäer und Nord-Amerikaner) fliegt nach Korea, Südafrika, Neuseeland, Brasilien - und das alles angeblich der Parität willen.

Was soll ich sagen - ich mache das nicht mehr mit? Bin ich diese Reisen meinem Institut, meiner Gruppe, meinem Ego nicht schuldig? Aber was bin ich unserem Planeten schuldig? Wir brauchen ein Umdenken - auch und gerade hier!

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