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Im Paradies der Ozeanforscher

Die Kapverdischen Inseln locken nicht nur Touristen, sondern auch Meeresforscher an. Denn hier finden Sie optimale Bedingungen für die Meeresforschung. Bild: Björn Fiedler

Björn Fiedler und seine Familie tauschten ihre Heimat Kiel ein halbes Jahr lang gegen die Kapverdischen Inseln ein. Hier arbeitete der Ozeanchemiker am neuen Ocean Science Centre Mindelo. In JWD erzählt er von Weihnachten am Strand und seiner Jagd nach sauerstoffarmen Wirbeln in den Weltmeeren.

Der tiefblaue Ozean wimmelt vor Fischen und das milde Klima heizt die Luft auf angenehme 30 Grad auf. "Die Kapverden sind ein Paradies", schwärmt Meeresforscher Björn Fiedler vom GEOMAR, dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Das Archipel mit seinen 15 Inseln liegt vor der Westküste Afrikas und ist schon lange ein wichtiger Standort für die Meeresforschung: Mehrmals im Jahr halten hier Forschungsschiffe aus der ganzen Welt. Die Stadt Mindelo auf der Insel São Vicente wurde für Björn Fiedler und seine Familie ein halbes Jahr lang zur Heimat: Hier eröffnete Mitte November vergangenen Jahres das Ocean Science Centre Mindelo – ein neues Zentrum für die Ozeanforschung. Der Bau wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung über die institutionelle Förderung des GEOMAR mit rund 2,6 Millionen Euro unterstützt und vom GEOMAR und dem kapverdischen Fischerei-Forschungsinstitut INDP realisiert. "Ich war vom ersten Tag an mit dabei", sagt der 36-jährige Ozeanchemiker Björn Fiedler stolz.

Seine Aufgabe: Er richtete Labore ein, betreute das Meeresobservatorium, organisierte Veranstaltungen mit Forschenden und Politikern – und musste dabei immer wieder auch improvisieren. "Wenn man sich auf einem Archipel vor Westafrika mitten im Atlantischen Ozean befindet, muss man entweder reichlich Ersatzteile dabeihaben oder sich Material aus Europa schicken lassen, wenn ein schwerwiegender Defekt auftritt", erinnert sich Fiedler. "Uns fehlte zum Beispiel ein Ersatzteil für den Flüssigstickstoff-Generator im Labor." Erst nachdem es aus Kiel eingeflogen worden war, konnten die Forscher die tiefgefrorenen biologischen Proben in Flüssigstickstoff konservieren und verschicken.

Im September vergangenen Jahres zog Fiedler zusammen mit seiner Freundin und seinen zwei kleinen Kindern auf die Kapverden. Seine Kollegen am GEOMAR in Kiel ärgerte er im Winter mit E-Mails wie "Hier wird es langsam kühl – wir haben abends nur noch 23 Grad!" Nach einem halben Jahr ist Björn Fiedler nun selbst zurück in Kiel und berichtet begeistert von dem Abenteuer: "Ich fand’s super, wie unheimlich herzlich und kinderfreundlich die Menschen dort sind." Seine dreijährige Tochter Merle ging in Mindelo in den Kindergarten und lernte rasend schnell erste Brocken Portugiesisch. "Anscheinend kann sie jetzt alle portugiesischen Kinderlieder singen, die es gibt", schmunzelt Fiedler. Würde man Merle nach ihren Erlebnissen auf den Kapverden fragen, ist sich ihr Vater sicher, würde sie vom Capoeira erzählen – einem afrikanisch-brasilianischen Kampftanz, den sie im Kindergarten gelernt hat. Sein einjähriger Sohn Jonas, der immerhin ein Drittel seines Lebens auf den Kapverden verbracht hat, war ganz bezaubert vom weichen Strandsand unter seinen Füßen. "Weihnachten am Strand zu feiern und im Meer baden zu gehen, war für uns alle schon ein sehr besonderer Moment", sagt Fiedler.

"Die Region ist hochinteressant für die Meeres- und Atmosphären-forschung."

Auch in wissenschaftlicher Hinsicht sind die Kapverden für den Chemiker ein toller Ort: "Die Region ist hochinteressant für die Meeres- und Atmosphärenforschung." Vor der Westküste Afrikas liegt eines der produktivsten Ökosysteme der Welt: Hier steigt nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe auf und kurbelt das Wachstum im Ozean an. Deshalb gibt es dort unheimlich viele Lebewesen, aber auch viel Fischerei. Die Fische aus dem Nordatlantik bilden die Nahrungsgrundlage für viele westafrikanische Staaten. "Auf dem Fischmarkt vor Ort kann man ein ganz gutes Gefühl für das schwankende Fischangebot entwickeln. Manchmal konnte man einige Fischarten gar nicht kaufen oder die Preise sind stark angestiegen, da nur sehr wenig gefangen wurde. Das stellt viele Kapverdianer vor große Probleme."

Hier setzt eines von Björn Fiedlers Forschungsthemen an: Mit dem Klimawandel wird auch das oberflächennahe Meerwasser wärmer und nimmt weniger Sauerstoff auf und vermindert zugleich den vertikalen Transport von frischem Sauerstoff in die Tiefe. Als Folge vermutet man eine Ausbreitung der sauerstoffarmen Zonen – und das wiederum könnte dazu führen, dass die Fischbestände zurückgehen. Mit seinen Kollegen untersucht Fiedler außerdem, wie sich Wüstenstaub, der aus der Sahara herüberweht und noch mehr Nährstoffe in den Ozean trägt, auf das Leben im Meer auswirkt. "In dem halben Jahr habe ich fünf Wüstenstürme erlebt", sagt er. Fiedler liegt die internationale Vernetzung der Meeresforschung am Herzen: "Westafrika war bisher oft ein weißer Fleck auf der Landkarte der Forschungskooperationen, hier gibt es Nachholbedarf. Ich habe die Vision, dass sich das Ocean Science Centre Mindelo künftig zu einem regelrechten Ameisenhaufen entwickelt, in dem Wissenschaftler und Studierende aus der ganzen Welt herumwuseln, sich austauschen und die tollen Forschungsbedingungen ausnutzen."

Der Ozeanchemiker kam zum ersten Mal vor zehn Jahren an Bord eines französischen Forschungsschiffs auf die Kapverden. Damals noch Doktorand am GEOMAR, installierte er neuartige CO2-Sensoren auf autonomen Tauchbojen, sogenannten Argo-Floats. Inzwischen gibt es fast 4.000 Argo-Floats in allen Meeren der Welt, die ein weltumspannendes Beobachtungsnetzwerk bilden. Die Messroboter werden per Satellit überwacht und tauchen automatisch in festgelegten Intervallen ab und wieder auf, um Daten in verschiedenen Wassertiefen zu sammeln. So erfassen Klimaforscher rund um die Uhr verschiedene Parameter wie Temperatur, Salzgehalt und Sauerstoffgehalt der Meere.

"Dieser Entdeckergeist treibt mich als Forscher enorm an."

"Autonome Messplattformen liefern uns ein höher aufgelöstes Bild der Ozeane als Forschungsschiffe", so Fiedler: "Auf einem Schiff machen wir nur alle paar Seemeilen Station, um Wasserproben zu nehmen, und wissen gar nicht, was dazwischen passiert." Dank der autonomen Messroboter sind seine Kollegen und er sauerstoffarmen Wirbeln im Atlantik vor den Kapverden auf die Spur gekommen, "ein bisher unbekanntes Phänomen". Diese Wirbel waren eine spektakuläre Entdeckung für den Ozeanografen, der seinen Augen kaum traute, als eine autonome Messdrohne in 100 Meter Wassertiefe einen Sauerstoffwert von nahezu null anzeigte. "Wir hielten das zunächst für einen Messfehler", schmunzelt Fiedler, denn solch niedrige Sauerstoffkonzentrationen wurden bisher im offenen Atlantik noch nie gemessen. Von den Kapverden aus begaben sich die Forscher dann auf Wirbeljagd mit dem lokalen Forschungsschiff "Islândia" und konnten einen solchen Wirbel mit einem Durchmesser von
100 Kilometern tatsächlich vermessen. "Dieser Wirbel ist ein klassisches Beispiel dafür, dass wir dank neuer Technologien etwas spannendes Neues entdeckt haben. Dieser Entdeckergeist treibt mich als Forscher natürlich enorm an."

Wieder zurück am GEOMAR in Kiel, denkt Björn Fiedler etwas wehmütig an sein zweites Zuhause zurück: "Wir sind bei 25 Grad in den Flieger gestiegen und bei minus acht Grad gelandet." Seine ersten barfüßigen Schritte hat sein Sohn Jonas auf den Kapverden gemacht, seine ersten Schritte in Winterstiefeln in Norddeutschland.

09.07.2018 , Marie Heidenreich
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