Auszeichnung

Höchstdotierter Umweltpreis Europas für Mojib Latif

Mojib Latif
Mojib Latif leitet den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik am GEOMAR. Foto: blu-news.org

Mojib Latif vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel erhält den Deutschen Umweltpreis 2015 - eine Bestätigung für den Kieler Meeres- und Klimaforscher, sich weiter öffentlich für den Schutz der Umwelt einzusetzen.

Die Meeresspiegel steigen, Gletscher schmelzen, Wetterextreme häufen sich - das Klima der Welt erlebt einen dramatischen Wandel. Und während die einen noch verdrängen, steht für andere fest: Die Veränderungen sind auf den Menschen zurückzuführen. Preisträger Mojib Latif ist ein bekanntes Gesicht der deutschen Klimaforschung. Zusammen mit dem schwedischen Resilienz-Forscher Johan Rockström erhält er den mit insgesamt 500.000 € dotierten Preis. Die Deutsche Bundesstifting Umwelt (DBU) will mit dem Preis auch ein Zeichen im Hinblick auf die Ende des Jahres anstehende Weltklimakonferenz in Paris setzen. 

Seit langem setzt Latif sich in der Öffentlichkeit dafür ein, dass wir mehr Verantwortung gegenüber unserer Umwelt übernehmen. Mit starker Stimme und unermüdlicher Ausdauer verkündet er in den Medien die unerfreuliche Botschaft: „Die Menschen müssen verstehen, dass es kein Land gibt, das nicht vom Klimawandel betroffen sein wird. Jeder von uns wird irgendwann den Klimawandel direkt oder indirekt spüren.“ Nur reagierten wir als Gesellschaft viel zu träge auf eine so langfristige Bedrohung, obwohl sie maßgeblich durch unser Handeln bestimmt werde.

Für diese Trägheit macht der „Klima-Missionar“ vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel unter anderem die mangelhafte Kommunikation zwischen der Wissenschaft und der Öffentlichkeit verantwortlich. „Volle Lager, aber leere Schaufenster in der Wissenschaft“, beschreibt Latif dieses Problem. Es sei ein Fehler einiger seiner forschenden Kollegen, ihr Wissen nicht hinauszutragen. Viel zu oft blieben wissenschaftliche Erkenntnisse in den Forschungsinstituten anstatt den Weg in die Öffentlichkeit zu finden. „Die Medien zeigen vielleicht kein großes Interesse an Grundlagenforschung“, sagt er. „Aber egal welcher Forschungsbereich, jeder einzelne ist relevant für unsere Gesellschaft.“ Nur müsse man Ergebnisse eben auch verständlich vermitteln. Das bekäme man aber im Studium nicht beigebracht.

Das Missionarische hat der Meteorologe mit pakistanischen Wurzeln wohl von seinem Vater geerbt. Dieser war seit 1957  der Vorsteher der ersten deutschen Moschee in Hamburg. „Besonders religiös bin ich zwar nicht“, sagt der in Deutschland geborene Latif, aber auch für seine Aufgabe brauche es Glaube und Hoffnung, langfristig etwas bewirken zu können und das Umweltbewusstsein der Menschen nachhaltig wachzurütteln. Seine persönliche Klimabilanz sei allerdings katastrophal, weil er so oft unterwegs ist. Trotzdem lässt er gerne das Auto stehen und fährt mit dem Fahrrad. Und wenn er denn Auto fährt, dann gelte für ihn Tempo 100 auf der Autobahn.

Trotz der zeitraubenden Öffentlichkeitsarbeit, hat die Wissenschaft für Latif höchste Priorität: „Ich bin ja in erster Linie Wissenschaftler und möchte mir nicht nachsagen lassen, dass ich keine Forschung mehr betreibe und nicht mehr in Fachzeitschriften publiziere.“ Neben den Presseauftritten und öffentlichen Vorträgen, Veranstaltungen an Schulen, Kinderunis, Verbänden und Stiftungen sowie der Arbeit an verschiedenen Büchern, schätzt er deshalb besonders jene Tage, an denen er sich in Kiel ganz mit seinen Gedanken und „seiner Klima-Grundlagenforschung“ beschäftigen kann.

Seine Forschungsinteressen sind vor allem die natürlichen Klimaschwankungen, die die langfristige Erderwärmung überlagern. Weil Klima eng mit den Ozeanen, insbesondere den Meeresströmungen, zusammenhängt, arbeiten Latif und sein internationales Team in Kiel daran, die Prozesse in den Meeren grundlegend zu verstehen. Phänomene wie El Niño, aber auch grundlegende Funktionsweisen unseres Erdsystems müsse man erstmal soweit wie möglich entschlüsseln, um dann modellhafte Aussagen über unsere klimatische Zukunft treffen zu können. „Ob Modelle dann tatsächlich belastbare Prognosen  liefern können, mit denen die Politik planen und arbeiten kann, hängt dann nicht zuletzt auch davon ab, wie gut unsere Daten sind, die in den Modellen stecken“, sagt der 60-Jährige. So müsse man den derzeitigen Zustand der Ozeane, auch den der Tiefsee, möglichst gut kennen, um verlässliche Vorhersagen zum Klimawandel zu erstellen.

Auf Drängen seiner Eltern begann Latif 1974 nach dem Abitur zunächst mit einem Betriebswirtschafts-Studium. „Mein Herz hing aber immer an der Naturwissenschaft. BWL war mir einfach zu trocken“, sagt er. Deswegen wechselte er nach nur vier Semestern in den Diplomstudiengang Meteorologie an der Uni Hamburg. Er promovierte und habilitierte in Ozeanographie, also Meereskunde. Den Wechsel in die Naturwissenschaften habe er keinen einzigen Tag bereut: „Ich kann nur jedem empfehlen, das zu tun, woran das Herz dran hängt“, sagt er, „und meines hängt eben an der Klimaforschung.“ 2003 kam Latif dann nach Kiel.

Neugierig und streitbar war Latif schon als Kind. „Wenn mir in der Schule mal eine Strafarbeit aufgebrummt wurde, habe ich immer möglichst lange Abhandlungen zu hochkomplexen wissenschaftlichen Themen geschrieben“, erzählt er. „Nur so konnte ich den Lehrer zurückärgern, der musste dann schließlich meinen Aufsatz zu den Süßwasserpolypen oder zu den Arten der Zuckerkrankheit auch in seiner Freizeit lesen.“

Anfang Mai ist ein Positionspapier des Deutschen Klima Konsortiums (DKK) erschienen, deren Vorsitzender Latif inzwischen ist. Darin formulieren Wissenschaftler aus den führenden deutschen Klimaforschungseinrichtungen die drei großen Herausforderungen der Klimaforschung bis zum Jahr 2025: „Das Papier umfasst die drei Punkte ‚Klima verstehen‘,‚ ‚Umgang mit Klimarisiken ‘ und ‚Rolle der Klimaforschung in der demokratischen Gesellschaft‘“, sagt Latif. „Neben der Verbesserung der Klimavorhersagen ist die Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Akteuren ist ein wichtiger Punkt. Wie muss ein optimaler Informationsfluss aussehen und strukturiert sein? Braucht die Gesellschaft Wissenschaftler, wie mich, die ganz einfach informieren wollen oder suchen die Leute etwas anderes? Stellen wir als Wissenschaftler die Fragen, die die Gesellschaft an uns richten würde? Wie kann man die Starre auf den alljährlichen Weltklimakonferenzen überwinden?“ Diese Überlegungen seien die Kernpunkte der kommenden Jahre.

Der Deutsche Umweltpreis wird am 8. November im Rahmen einer Festveranstaltung in Essen von Bundespräsident Joachim Gauck verliehen. 

"Deutscher Umweltpreis für Mojib Latif" (Pressemitteilung GEOMAR)

Mitteilung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU)

Zum Resonator Podcast: Mojib Latif und der Papst

22.09.2015, Marion Schweighart
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