Meeresforschung

„Es geht nicht nur um naturwissenschaftliche Fragen“

Der antarktische Krill bildet die Nahrungsgrundlage für Millionen von Seevögeln - Pinguinen - Robben und Walen. Foto Dr. Jan van Franeker - IMARES

Der Klimawandel und menschliche Einflüsse verändern die Artenvielfalt in den Meeren. Wie das neu gegründete Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität (HIFMB) an der Universität Oldenburg diese Veränderungen erforschen will, verrät Gründungsdirektor Helmut Hillebrand.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff "Funktionelle Marine Biodiversität"?

Biodiversität ist die Vielfalt des Lebens, in diesem Falle im Meer. Der Vorsatz "funktionelle" steht dafür, dass wir vor allem daran interessiert sind, die Rolle der Artenvielfalt im Ökosystem zu untersuchen.

Nur wenn es viele Arten gibt, ist das Ökosystem in Ordnung. Ist das nicht ganz einfach?

Das greift zu kurz. Die Forschung hat Biodiversität lange als eine Art Eigenschaft eines Systems behandelt. Aber spätestens seit menschliche Einflüsse zu massiven Veränderungen in der biologischen Vielfalt führen, stellt sich die Frage: Was bedeutet das funktionell für das System? Was verändert sich, wenn es mehr oder weniger Arten beinhaltet?

Im Wesentlichen beschäftigen sich doch bereits bestehende Institute mit diesem Bereich. Was kann das neue Institut, was die bisherigen nicht konnten?

Es ist richtig, dass sowohl das AWI als auch die Universität Oldenburg in den letzten Jahrzehnten sehr systematisch im Bereich Biodiversitätsforschung aktiv waren. Es gibt aber Aspekte, die von den gegenwärtigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht abgedeckt werden können. Ein Bereich, den wir identifiziert haben, sind die Grundlagen für den marinen Naturschutz: Wann und nach welchen Maßgaben sollte die marine Biodiversität unter Schutz gestellt werden? Kann man mit Konzepten arbeiten, die von landgestützten Ökosystemen kommen - beispielsweise, indem man versucht, Flächen von Nutzungen zu befreien? Muss man in einem offenen System wie dem Meer nicht ganz anders denken? Dafür wird es eine eigene Professur geben. Außerdem fehlt uns noch eine dezidierte Theorie, um Vorhersagen und Szenarien zur Biodiversität zu entwickeln. Diese Theorie ist zwischen den Expertisen angesiedelt, die in den beiden "Eltern"-Institutionen vorhanden sind. Dafür ist die zweite neue Professur ausgeschrieben.

Ein Alleinstellungsmerkmal des neuen Instituts wird eine gesellschaftswissenschaftliche Professur sein. Warum braucht es die?

Weil die Entscheidung "Was nutzen wir und was schützen wir?" keine naturwissenschaftliche Entscheidung ist. Naturwissenschaften können Informationen liefern, anhand derer man entscheiden kann. Aber die Entscheidungsprozesse als solche werden in den meisten naturwissenschaftlichen Zusammenhängen als black box betrachtet. Dabei können gerade diese Entscheidungsprozesse wichtig sein, um zu verstehen, wie und warum man etwas unter Schutz stellt. Deswegen wird es eine Professur für Marine Governance geben, die wir vor allem im sozialwissenschaftlichen Bereich ansiedeln.

Was verbirgt sich hinter der Professur für Biodiversitätsinformatik?

Hier geht es darum, "Big Data" in den Meeresschutz zu integrieren, also die steigende Menge an verfügbaren Daten zur biologischen Vielfalt besser nutzbar zu machen. Noch haben wir im Gegensatz zu vielen Land-Ökosystemen für die Langzeitentwicklung der marinen Biodiversität nur wenige gute Datenserien. Bei dieser Professur geht es darum, Langzeitbeobachtungen zu entwickeln und dafür auch die informatorischen Grundlagen zu liefern: Wie lassen sich etwa über semi-autonome Systeme molekulare Daten zur Biodiversität erfassen?

Der 31. Mai 2017 war der offizielle Gründungstag des Instituts - ein eigenes Gebäude hat es aber noch nicht?

Die nächsten Jahre sind wir in gemieteten Räumen ganz in der Nähe des Naturwissenschaftscampus hier in Oldenburg untergebracht. Dort werden wir in Kürze einziehen und dort werden die ersten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sitzen, die wir jetzt über Postdoc-Projekte einstellen. Es wird auch die Zwischenheimat der Neuberufenen werden, die wir hoffentlich Mitte/Ende 2018 hier begrüßen können. Das Land Niedersachsen hat nicht nur die komplette Anschubfinanzierung in Höhe von acht Millionen Euro übernommen, sondern finanziert außerdem mit 15 Millionen Euro ein Gebäude, das ebenfalls in Campusnähe entstehen wird.

Werden auch Ressourcen des AWI genutzt?

Das ist einer der wichtigsten Aspekte dieses Helmholtz-Instituts: Die vier neuen Professuren und die bis zu 16 Postdocs, die wir finanzieren können, reichen nicht, um diese Themen zu bearbeiten, sondern es bedarf der Interaktion. Deswegen gibt es zum einen die elf Principal Investigators - fünf aus dem AWI und sechs von der Universität Oldenburg -, die das Konzept des Institutes erarbeitet haben und die mit ihren Arbeitsgruppen sehr stark an den Zielen des HFIMB arbeiten werden. Und es gibt die Absprache, die Infrastrukturen beider Häuser zu nutzen. Das AWI ist sehr stark in der schiffgestützten Forschung mit Dauerstationen, mit Messinfrastruktur, das ICBM hat eine sehr gute und ausgeklügelte Analytik und Hochleistungsrechner, die wir nutzen können. Das sind Infrastrukturen, die das Helmholtz-Institut nutzen kann.

Welche Forschungsprojekte stehen jetzt konkret an?

Eine ganze Reihe - um mal zwei zu nennen: In der Nachwuchsgruppe zum Thema Molekulare Biodiversitätserfassung geht es um Methoden, um zum Beispiel aus Umwelt-DNA Biodiversitätsmuster herauszulesen und sie langfristig zu verfolgen. Eine zweite Stelle behandelt die Stabilität von Ökosystemprozessen und wie stark sie von der Biodiversität beeinflusst wird. Das ist ein Projekt, das auf vorhandene Datenserien aufsetzt, sie aber mit neuen Methoden analysieren soll. Die Frage lautet also: "Was ist überhaupt die Stabilität eines Ökosystems, was bedeutet das in einem marinen System?". Diese und sieben weitere Projekte haben wir in der Antragsphase aus der Expertise der beiden Häuser entwickelt.

Welchen geografischen Schwerpunkt setzen Sie? Die Ozeane sind riesig, wo fängt man da an?

Wir werden mit den beiden Systemen anfangen, in denen wir am meisten Expertise haben: Die Polargebiete und die Nordsee. Wir schauen aber auch schon zu anderen Systemen hinüber, etwa subtropischen Regionen. Wir planen unter anderem eine enge Kooperation mit dem Zentrum für Marine Tropenökologie in Bremen, sodass wir da relativ zügig zu globalen Ansätzen kommen.

Ich möchte auf den sozialwissenschaftlichen Aspekt zurückkommen. Was sollen Sozialwissenschaftler konkret herausfinden außer: Die Verschmutzung muss aufhören?

Es geht um Entscheidungsprozesse. Es passiert viel in Gewässern, die nicht nationalem Recht unterliegen. Wir haben hochmobile Arten, die nicht auf eine Region begrenzt sind. Bei der Entscheidung, was man nutzt und was man schützt, spielen viele Akteure mit. Das sind behördliche Mandatsträgern wie das Bundesamt für den Naturschutz oder die Landesämter, aber auch informelle Mandatsträger, Organisationen bis hin zur UNO sowie Nichtregierungsorganisationen. Uns fehlt bisher eine Analyse dieser Entscheidungsprozesse: Wie versteht man, wo diese Entscheidungen getroffen werden? Wie kann man die Informationen über das, was sich aus den Konzepten für den Naturschutz ergibt, in diese Entscheidungsprozesse einspeisen? Auf der anderen Seite: Wie können die Entscheider definieren, welche Informationen sie benötigen, um diese Entscheidungen treffen zu können? Das zu untersuchen, bedarf einer Expertise, die wir vor allem in Politikwissenschaften oder den empirischen Sozialwissenschaften verorten. Und da gibt es noch großen auf marine Systeme spezialisierte Forschungsbedarf.

Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität (HIFMB)

HIFMB offiziell gegründet (AWI)

19.06.2017, Interview. Thomas Röbke
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