Portrait

Die Übersetzerin

Magdalena Scheck-Wenderoth Direktorin des Departments Geotechnologien am GFZ Potsdam. Bild: Gesine Born

Magdalena Scheck-Wenderoth ist Direktorin des Departments Geotechnologien und Leiterin der Sektion Sedimentbeckenmodellierung am GFZ Potsdam sowie Teilnehmerin der Helmholtz-Akademie für Führungskräfte. Wir stellen Sie vor.

Auf einer Grafik ziehen bunte Wirbel über schwarzen Untergrund. Man könnte es für abstrakte Kunst halten, läge um die Wirbel nicht eine dünne weiße Linie in Form des Bundeslands Berlin. Magdalena Scheck-Wenderoth zeigt auf die Grafik (s. Seite 38) und sagt: "Das ist ein Untergrundmodell von Berlin, das mein Doktorand Max Frick bearbeitet. Es zeigt auf- oder absteigende Grundwasserströmungen, die primär abhängig sind von der Temperatur, dem Wasserdruck und der Durchlässigkeit der unterschiedlichen Gesteine."

Um den Untergrund nachhaltig zu nutzen, beispielsweise zur Förderung von Grundwasser oder für Geothermie ist es wichtig, diese Strömungsdynamik zu verstehen. Für dieses Modell hat Magdalena Scheck-Wenderoth jedoch weder selbst in der Erde gebohrt, noch Daten erfasst. "Ich nutze die Daten anderer Leute, die sozusagen meine Augen und Ohren sind. Unter Umständen würden sie sich teilweise nicht begegnen - aber ihre Daten führe ich zusammen", sagt sie. Und dann macht sie etwas ganz Neues daraus. Eine Voraussetzung für ihre Arbeit sei die Fähigkeit zu übersetzen: "Ich muss mit Vertretern verschiedener Disziplinen sprechen können, ihre Sprache genauso verstehen wie ihre Daten und die Schnittstellen identifizieren." Besonders spannend werde es, wenn eine Disziplin Fragen aufwirft, die sie selber nicht beantworten kann. Sie baut dann Brücken zwischen den Disziplinen und hofft, dadurch auf Antworten zu stoßen. "Wenn man zwei Dinge verknüpft", sagt sie, "dann weiß man mehr." Ihr geht es wie bei Sprache darum, die Mentalität zu erfassen und die Perspektive zu wechseln. Sprachen faszinieren sie. Sie spricht vier verschiedene fließend: Rumänisch, Deutsch, Englisch und Französisch.

Am Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam ist sie Direktorin des Departments Geotechnologien, zugleich leitet sie seit 2008 die Sektion Sedimentbeckenmodellierung. Hier beschäftigt sie sich vor allem mit zwei Fragestellungen: "Einerseits einer grundsätzlich geodynamischen: Wie funktioniert die Erde? Wie brechen Kontinente auseinander und wie entstehen Gebirge?", sagt sie. Andererseits wollten wir Menschen den Untergrund nutzen, etwa für die Geothermie oder die Förderung von Bodenschätzen. Dafür müssten wir ihn jedoch vorher einschätzen können. "Und dafür übersetze ich Daten in Modelle unterschiedlicher Gebiete." Ihre Fähigkeit des Übersetzens nutzt sie auch an anderen Stellen, etwa als Sprecherin des Programmthemas Georessourcen, das sich mit der Erkundung und der Nutzung unterirdischer Ressourcen beschäftigt. Dort baut sie Brücken zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung.

Scheck-Wenderoth ist 50 Jahre alt, verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Die Familie und die Freunde sind ihr wichtig, um die Bodenhaftung zu behalten, erzählt sie. Zur Geologie kam sie 1987, weil sie das Zusammenspiel unterschiedlicher Naturwissenschaften und die Arbeit im Gelände faszinierte. Kurz nachdem sie zum Hauptstudium von Tübingen nach Berlin zog, brachte sie ihren Sohn zur Welt. Dass sie ihr Studium erfolgreich abschließen konnte, verdankt sie auch ihrer Großmutter. "Zu den Prüfungszeiten kam sie nach Berlin und half mir im Haushalt." Seit 2013 ist sie zudem Professorin für Sedimentbeckenanalyse an der RWTH Aachen und lehrt, wie und warum Sedimentbecken absinken, welche Druck- und Temperaturbedingungen die Ablagerung von Sedimenten begleiten und wie dabei Rohstoffe entstehen.

Im Wintersemester gibt sie Seminare, im Sommersemester leitet sie einen sogenannten Geländekurs, bei dem Gesteine und Strukturen vor Ort studiert werden - "ein Highlight des Jahres". Dass die Zeit im Gelände durch den Bolognaprozess reduziert wurde, sieht sie kritisch: "Geologie lernt man nicht nur am Schreibtisch". Sie selbst ist möglichst oft draußen unterwegs und hat einen großen Garten. "Das hilft, wenn man die ganze Woche nur mit dem Kopf arbeitet", sagt sie. Ihr Faible für die Modellierung hängt damit zusammen, dass sie früher wegen ihres Sohnes gebundener war. "Weil ich nicht so viel ins Gelände konnte, wie ich gerne wollte, habe ich es mir eben dreidimensional nachgebaut", sagt sie. Ihre erste Modellierung war bereits Thema ihrer Promotion, die sie von 1994 bis 1997 an der FU Berlin in Zusammenarbeit mit dem GFZ absolvierte. Dabei wollte es das Glück, dass sie die Nordhälfte der ehemaligen DDR als Arbeitsgebiet wählte. Mit etwa 80 Tiefbohrungen verteilt über das nordostdeutsche Becken war die DDR geologisch sehr gut erkundet. "Und im Gegensatz zum Westen waren diese Daten alle in einer Hand und einheitlich bearbeitet." Sie versuchte, so viele zu bekommen wie nur möglich und führte sie zusammen. "Die Daten konnte ich zum ersten Mal dreidimensional zusammenpacken. Das hatte zuvor niemand für ein so großes Gebiet gemacht." Dann fügt sie an: "Man muss dazu sagen, die Idee kam von meinem Doktorvater Ulf Bayer. Der war überhaupt sehr inspirierend." Er unterstützte sie außerdem nach Kräften: "Wenn ich wegen meines Sohnes früher weg musste, dann sagte er immer: 'Hauptsache du lieferst Ergebnisse. Wie du das machst, liegt in deiner Regie.' Das war für die Zeit revolutionär."

Sie erlebte aber auch Situationen in ihrem Berufsleben, in denen Männer meinten, ihr Komplimente zu machen, wenn sie etwas sagten, wie: "Das war ja mal ein erfrischender Vortrag von einer jungen Wissenschaftlerin. Und hübsch ist sie auch noch." Heute hat sie für solche Sprüche schlagfertige Antworten parat. Und sicher hat diese Erfahrung damit zu tun, dass sie sich als Gleichstellungsbeauftrage am GFZ engagierte. Als Übersetzerin zwischen den Geschlechtern. Einen Grund, dass in ihrem Fach der Frauen-anteil in der Phase zwischen Promotion und Post-Doc-Zeit von 50 auf etwa 20 Prozent schrumpft, sieht sie in unbewussten Verhaltensmustern. "So lange in den Auswahlgremien mehrheitlich Männer sitzen, werden die auch mehrheitlich Männer einstellen. Schlicht, weil man in einer Gruppe mit Kollegen des gleichen Geschlechts einfacher reden kann.

Davon sind auch Frauen nicht frei. Ich muss aufpassen, dass ich nicht nur Frauen einstelle", sagt sie. Für die Zukunft liegt ihr die Arbeit in zwei Gremien am Herzen: Sie ist in eines der Fachkollegien der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewählt worden, in dem künftige Forschungsvorhaben bewertet werden. Zudem ist sie Generalsekretärin des International Lithosphere Program. Das ist ein weltweites Netzwerk, das sich mit dem festen Teil der Erde beschäftigt. Doch auch fachlich gibt es Ambitionen. Sie zeigt auf die Grafik mit den bunten Wirbeln. "Ich will in meiner aktiven Zeit noch erleben, dass man die Wärmeversorgung umstellt, vom Verbrennen fossiler Rohstoffe hin zur verstärkten Nutzung von Erdwärme. Dazu trage ich mit meinen Untergrundmodellen bei." Weitere Forscherportraits Talentförderung bei Helmholtz

Zum Weiterlesen: Geothermie in deutschen Großstädten (Interview mit Ernst Huenges, Leiter des Internationalen Geothermiezentrum (ICGR) und die Sektion Geothermische Energiesysteme am Deutschen GeoForschungsZentrum).

16.01.2017, Jochen Müller
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