Weltklimakonferenz

"Ein kleiner politischer Erfolg"

Reimund Schwarze ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Klimaexperte im Department Ökonomie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung. Auf der Weltklimakonferenz in Bonn war er als Beobachter für das Gemeinschaftsprojekt „Regionaler Klimawandel“ der Helmholtz-Zentren vor Ort. Bild: UFZ

Zum Ende der Weltklimakonferenz in Bonn zieht der Umweltökonom Reimund Schwarze ein leicht positives Fazit.

Der Umweltökonom Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ war auf der Weltklimakonferenz vom 6. bis 17. November in Bonn als Beobachter für das Gemeinschaftsprojekt "Regionaler Klimawandel" der Helmholtz-Zentren vor Ort.

Herr Schwarze, wie lautet Ihr Resümee des Weltklimagipfels? Verlief er so, wie Sie erwartet hatten?

Mit Wundern hatte niemand gerechnet und es gab auch keine. Insofern: ja. Immerhin sind die Staaten auf dem Weg nach Katowice, wo der Weltklimagipfel 2018 stattfinden wird, inhaltlich ein Stückchen vorangekommen. Auch wenn es keine strenge Messlatte gibt, ab wann man von einem Erfolg sprechen kann, ist der Prozess der ersten Bestandsaufnahme der Minderungsambition im nächsten Jahr eindeutig aufgewertet worden.

Woran machen Sie das fest?

Bisher wurde immer nur von einem "Ermöglichungsdialog" die Rede, jetzt ist klar: Im nächsten Jahr wird Bilanz gezogen und verglichen, ob die einzelnen Staaten tatsächlich auf dem Wege sind, die in Paris zugesagten Beiträge zur Reduktion der Treibhausgase einzuhalten und ob diese in der Summe reichen, um die Klimaschutzziele von Paris zu erreichen Das ist ein kleiner politischer Erfolg.

Wie bewerten Sie die Rolle Deutschlands?

Die bei uns oft geäußerte Einschätzung, Deutschland habe hier ganz schrecklich enttäuscht, kann ich nicht teilen. Deutschland ist sehr wohlgelitten in diesem Kreis und die Staaten würdigen die Anstrengungen, die es zusätzlich unternimmt - es hat ja noch mal 120 Millionen Euro für die Unterstützung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen in den ärmsten und besonders durch den Klimawandel betroffenen Entwicklungsländer zusätzlich versprochen. Die vielen kleinen Hilfspakete sind dankend von den Regierungsvertretern der Entwicklungsländer erwähnt worden, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass die USA gar nichts mehr einzahlen wollen in den grünen Klimanfonds. Die großen Worte des Herrn Macron sind dagegen zunächst einmal sehr visionäre Vorstellungen, wie die Lücke zu füllen ist, die die USA insgesamt durch ihr Verweigerungshaltung gerissen haben. Die Deutschen tragen dazu in kleinen Schritten ebenfalls bei.

In unserem Gespräch zu Beginn des Weltklimagipfels waren Sie neugierig, wie China agieren würde und ob es sich für eine Führungsrolle qualifizieren würde. Was konnten Sie beobachten?

Die neuesten Berichte zeigen, dass wir global gesehen aus dem Jahr 2017 mit einem Zuwachs an Kohlendioxid-Emissionen gehen werden, der ganz wesentlich auf China zurückzuführen ist. Das bedeutet nicht, dass China nicht ernsthaft an mehr Umweltschutz interessiert wäre. China hat in den gesamten Verhandlungen sehr konstruktiv gewirkt. Dass die Chinesen ihre Klimaziele nicht erreicht haben, begründen sie so ähnlich, wie unsere Kanzlerin das für Deutschland macht: Es ist außerordentlich schwer und das Wirtschaftswachstum soll nicht darunter leiden. Beide Länder haben allerdings keine konkreten Zusagen dazu gemacht, wie sie nachbessern wollen.

Die USA sind nach wie vor völlig isoliert? Oder haben die ersten Staaten schon gesagt: "Wir wollen jetzt auch nicht mehr"?

Die USA stehen alleine da, ihre Delegation war völlig unbeachtet. Sie hat auch keine Eingaben gemacht. Es wird wohl so ähnlich laufen wie damals bei George W. Bush und dem Kyoto-Protokoll: Auf jahrelange respektlose Nichtbeachtung folgte plötzlich eine gewisse wohlwollende Zuwendung der USA gegenüber einem Post-Kyoto-Abkommen, das schließlich im Abkommen von Paris mündete - viele Jahre waren damit verschenkt. Ein Umstand, der die Begrenzung des Klimawandels heute so dringlich machen..

Es gab auch keine Ansätze, dass die USA als Alternative wenigstens bilaterale oder multilaterale Verträge abschließen?

Das war wirklich schlechter als ich erwartet hatte. Sie zeigten keine irgendwie geartete Strategie des Nachverhandelns, sondern nur eine Art Respektlosigkeit, dass man diesen Prozess ganz verlassen und gar nicht mehr darüber nachdenken will. Im Gegensatz dazu hat sich die Türkei etwa hat ganz massiv für bessere Beitrittsbedingungen in ihrem nationalen Interesse eingesetzt und dafür geworben. Da hätten sich die USA in irgendeiner Form anschließen können. Aber von denen kam absolut nichts.

Gab es wenigstens Länder, die Sie positiv überrascht haben?

Die Schweiz und Brasilien. Die Schweizer Delegation war stets sehr sorgfältig vorbereitet und machte sehr konstruktive Vorschläge zur Lösung von Problemen, die die Schweiz gar nicht zu verantworten hat und nicht direkt national bevorteilt.

Und Brasilien?

Die Brasilianer sind wohl mit der stärksten Gruppe überhaupt angereist und haben erklärt, 2019 den Vorsitz übernehmen zu wollen. Brasilien hat mäßigend auf die bekannten Querschläger aus der lateinamerikanischen Gruppe - Venezuela und Bolivien - eingewirkt.

Der Weltklimagipfel fand aus rein praktischen Gründen in Bonn statt - eigentlich waren die Fidschi-Inseln der Gastgeber...

Das ist wirklich nicht glücklich gelaufen: Jede Präsidentschaft will ja dem Gipfel eine Prägung geben, aber dieser pazifische Gipfel ist doch sehr stark überlagert worden von europäischen Themen, auch mit deutschen. Die Präsidentschaft hätte sicherlich lieber ganz andere Themen als den Kohleausstieg in 2030 gesetzt. Und sie hat sicherlich größere Hilfen erwartet als die zugesagten. In entscheidenden Forderungen wurden die Inselstaaten abgeblockt. So sollte es einen eigenen Verhandlungspfad geben zu Anstrengungen bis 2020, also früher als es das Paris-Abkommen vorsieht. Damit sind sie nicht durchgekommen. Die Enttäuschung ist auch in den Reden der Vertreter der Inselstaaten deutlich geworden. Ich schließe mich dem an, denn ich hatte erwartet, dass die Themen der im Klimawandel besonders verletzlichen Staaten nach vorne kommen und nicht die Koalitionsgesprächsthemen in Berlin, verbunden mit Fragen wie: Wer führt jetzt in Europa? Oder: Gibt es eine deutsch-französische Achse? Solche Fragen waren aus meiner Sicht deplatziert.

WhatsApp-Fragen an Reimund Schwarze zum Klimagipfel

Unser COP23-Experte Reimund Schwarze hat in der zweiten Konferenzwoche täglich eine Nutzerfrage beantwortet. Fragen und Antworten finden Sie hier.

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17.11.2017, Interview: Thomas Röbke
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