Citizen Science

"Bringschuld haben die Wissenschaftler!"

Schmetterlingskasten mit Tag- und Nachtfaltern. Bild: Carola Radke, Museum für Naturkunde Berlin

Johannes Vogel ist Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde. Im Interview spricht er über die Insekten in seiner Sammlung, die Bedrohung der Biodiversität – und die Rolle, die Citizen Scientists für die Forschung der Zukunft spielen können.

Herr Vogel, wählen Sie Ihre Krawatte immer passend zum Thema aus?
Die mit dem Ameisenmuster passt heute prima, oder? (lacht)

Wenn wir die Krawatte nicht mitzählen: Wie viele Insekten beherbergen Sie hier im Museum für Naturkunde?
Wir haben insgesamt 30 Millionen Objekte, von denen die Hälfte Insekten sind. Im Museum stellen wir insgesamt 10.000 Exponate aus.

Die meisten der 15 Millionen Insekten bekommt also nie ein Besucher zu Gesicht?
Für zwei Millimeter große Insekten ist es schwierig, sich in der Besuchergunst gegen 14 Meter große Dinosaurier durchzusetzen. Wir versuchen etwas anderes, um das Interesse der Menschen für Insekten zu wecken: Im vergangenen Jahr haben wir dazu aufgerufen, Namen für drei neue Insektenarten und eine Garnele zu finden. Es gab Hunderte Einsendungen – die meisten Namensideen gab es allerdings für die Garnele.

Insekten scheinen nicht besonders hoch im Kurs zu stehen. In jüngster Zeit machen sie aber vermehrt Schlagzeilen. Für wie dramatisch halten Sie das Thema Insektensterben?

Wir Menschen vergessen oft, dass sich die Welt nicht um uns allein dreht. Die Insekten sind ein wesentlicher Teil des Ökosystems: Sie dienen als Nahrung für viele andere Lebewesen und auch mit ihren Aufgaben wie der Bestäubung sind sie unverzichtbar. Das Insektensterben in Europa ist ohne Frage katastrophal.

Zahlen dazu gibt es allerdings kaum. Brauchen wir eine bessere Datenerhebung?

Es ist erstaunlich, dass Deutschland eines der ganz wenigen europäischen Länder ohne nationales Biodiversitätsmonitoring ist. Ein Monitoring ist für Wissenschaft, Politik und Gesellschaft wichtig und würde mit Datenbelegen helfen, Entscheidungen zu treffen, sowie mittel- und langfristig einen Dialog unterstützen. Aber brauchen wir ein Monitoring, um unsere gesamte Aufmerksamkeit auf das Wegbrechen der Biodiversität zu lenken? Ich finde nicht: Die Evidenzen sind meiner Meinung nach klar. Nicht geklärt ist, was die Antworten sind.

In Deutschland hat vergangenes Jahr die Krefelder Studie für Aufsehen gesorgt. Den Daten zufolge ist an manchen Orten die Biomasse der Fluginsekten seit der Wende um 75 Prozent zurückgegangen. Kritiker sagen, dass seien nur regionale Phänomene. Wie sehen Sie das?

Ich kann die Kritik mit Blick auf die Kriterien der Wissenschaftlichkeit verstehen. Andererseits darf man deshalb jetzt keine Nebelkerzen werfen: Es ist eindeutig, dass Biodiversität lokal, regional und global den Bach runtergeht. Was mich an der Krefelder Studie am meisten beeindruckt, ist, dass dieser Weckruf nicht aus dem Naturschutz, nicht aus den Universitäten, nicht aus den außeruniversitären Forschungseinrichtungen und nicht aus den Naturkundemuseen kommt – sondern einfach von Leuten, die Spaß an der Sache haben und dafür brennen.

Sie meinen die beteiligten Bürgerwissenschaftler. Ihre Einbeziehung bietet Kritikern allerdings auch eine Angriffsfläche.

Natürlich kann man sich darüber unterhalten, ob alle Regeln der Wissenschaftlichkeit eingehalten worden sind. Aber wer die Studie jetzt kritisiert, muss sich auch die Frage gefallen lassen, warum er es dann nicht in den vergangenen 20 Jahren besser gemacht hat. Und natürlich können die Ergebnisse jetzt weiter wissenschaftlich aufgearbeitet und untersucht werden. Im Grunde ist es doch eine fantastische Herausforderung für die Forschung, die uns da geliefert wurde; die Wissenschaft lebt schließlich davon, dass man Theorien beweist oder widerlegt. Aber davon ablenken zu wollen, dass wir in einer Biodiversitätskrise unendlichen Ausmaßes stecken – das finde ich unglaublich.

Der Fall rückt das Thema Citizen Science ins Blickfeld. Braucht die Forschung Bürger, die sich an wissenschaftlichen Projekten beteiligen?

Letzten Endes wird es bei Fragen der Biodiversität mit der unendlichen Zahl an Herausforderungen nur so gehen, dass Gesellschaft und Wissenschaft zusammenarbeiten. Die Bringschuld haben ganz klar die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Sie müssen lernen zuzuhören und mit Laien zu arbeiten. Citizen Science ist für mich eines der vielversprechendsten Experimente, um neue Wege der Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu erproben.

Für manche Forscher war Citizen Science lange ein Reizwort. Hat sich das geändert?

Obwohl Citizen Science derzeit ein bisschen weniger in den Schlagzeilen ist, glaube ich, dass sich die Anstrengungen auszahlen, die wir zum Beispiel im Museum für Naturkunde Berlin gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung unternehmen. Wir haben die Citizen-Science-Plattform "Bürger schaffen Wissen" gebaut, die für viele eine Inspiration ist, sich zu engagieren, und gemeinsam mit anderen eine Citizen-Science-Strategie für Deutschland vorangetrieben. Diese Aufbauarbeit war unheimlich wichtig und die Zusammenarbeit zwischen der Helmholtz- und der Leibniz-Gemeinschaft – dem das Museum für Naturkunde ja angehört – war hier, so glaube ich, richtungsweisend.

Was ist Ihre Prognose: Wie wird sich Citizen Science entwickeln?

Ich merke immer wieder, dass das Interesse, sich an Wissenschaft zu beteiligen, riesig groß ist. Das Ziel muss sein, noch mehr Leute dazu zu bringen, ihre eigenen Forschungsideen und -projekte zu formulieren – und ihnen die Möglichkeit zu geben, mit anzupacken. Unsere Aufgabe wird es sein, die Leute an das heranzuführen, was wir als gute wissenschaftliche Praxis bezeichnen, also etwa gewisse inhaltliche Standards. Wir planen derzeit übrigens ein neues Citizen-Science-Projekt mit Partygängern.

Moment: Die sollen sich nachts als Wissenschaftler betätigen?

Ganz genau! Bei dem Projekt geht es um die Nachtigall. Wir überlegen, wie wir mit der Berliner Clubszene zusammenarbeiten können, um mehr über die Nachtigall zu erfahren. Die Clubbesucher sind ja zur richtigen Zeit unterwegs. Über eine von uns entwickelte App können Nachtigallgesänge aufgenommen und gemeldet werden. So entsteht eine Karte, wo die Vögel in Berlin singen. Und daraus können zum Beispiel Schutzprogramme abgeleitet werden. Ich bin wahnsinnig gespannt, was bei diesem Projekt herauskommt.

Das zeigt ja, dass tatsächlich jeder zu jeder Zeit mithelfen könnte bei wissenschaftlichen Projekten. Was kann man als Einzelner noch tun?

Wir werden nicht drum herumkommen, über Konsum und Ernährung zu reden. Wie es sich weiterentwickelt, hängt davon ab, ob wir Menschen unser Konsumverhalten in den Griff bekommen. Wir müssen nachdenken, ob wir weiterhin zulassen wollen, dass für uns Lebensmittel überall auf der Welt produziert werden, wo dafür Natur im großen Maße zerstört wird. Und das Paradoxe wird sein, dass wir uns irgendwie überlegen müssen, ob wir nicht in Europa die bereits vorangeschrittene Naturzerstörung als gegeben ansehen und auf den Flächen hochaktiv Nahrungsmittel herstellen, die am besten direkt konsumiert werden. Das Insektensterben gibt es ja nicht nur in Europa. Wenn die Regenwälder großflächig für Soja oder Fleischproduktion gerodet werden, dann verschwinden unendlich viele Arten. Wir sind Zeugen eines schweigenden Untergangs der Natur und dagegen müssen wir aufstehen.  

Lesen Sie mehr zum Thema Insektensterben im Artikel "Wenn das Summen leiser wird" aus den Helmholtz Perspektiven.

Erfahren Sie mehr über die Citizen-Science-Projekte der Helmholtz-Gemeinschaft.

20.06.2018 , Interview: Annette Doerfel
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