Fokus@Helmholtz

Berlin an der Ostsee

Vlnr: Bärbel Höhn, Moderatorin Julia Vismann, Ralf Weisse, Karen Wiltshire, Fokke Saathoff. Bild: Dagmar Jarek

Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte der Meeresspiegel der Ostsee um 30 bis 80 Zentimeter ansteigen. Was können wir tun, um unsere Küsten zu schützen? In Berlin diskutierten Vertreter aus Wissenschaft und Politik über Klimawandel, Küstenschutz und Wahlprogramme.

Palmen statt Eisschollen auf Helgoland sind bereits Realität. Was wird uns der Klimawandel noch alles bringen? In unserer Diskussionsreihe Fokus@Helmholtz am Abend des 28. Juni 2017 entwickelte sich eine lebhafte Diskussion mit überraschenden Blickwinkeln aus Wissenschaft und Politik. Im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus in Berlin setzten sich unsere Experten und das Publikum mit Fragen zu steigendem Meeresspiegel und Hochwasser von Flüssen auseinander.

Karen Wiltshire, Vizedirektorin Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, erklärte zu Beginn in ihrem Impulsvortrag, dass sich Ostsee und Nordsee stärker erwärmen als die Weltmeere. Das letzte Bild mit Eisschollen auf der Nordsee stammt aus den 60igern. Mittlerweile wachsen auf Helgoland Palmen.

Die Wissenschaftlerin stellte einige Fragen in den Raum: "Kann man irgendwann nicht mehr auf den Halligen wohnen?" oder "Werden wir neue Organismen, auch pathogene, im Systemen haben?" Sie wies darauf hin, dass der Klimawandel die Habitate verändert und sich neue Artgemeinschaften herausbilden. Der Anstieg des Meeresspiegels macht schon heute Probleme und die Situation wird sich verschärfen: 25 Prozent der Küsten in Europa sind erosionsgefährdet. Fünf Milliarden Euro werden bis 2020 und elf Milliarden Euro bis 2050 in Nordeuropa für den Küstenschutz ausgegeben. Die Menschen ziehen dennoch immer mehr an die Küste. Ein weltweiter Trend, dessen Ursache auch darin liegt, dass es im Landesinneren immer heißer wird. Karen Wiltshire prognostiziert, dass zukünftig 90 Prozent der Weltbevölkerung an der Küste leben werden.

Nach dem Impulsvortrag bat die Moderatorin Julia Vismann die weiteren Diskussionsteilneher/-innen auf das Podium: So ist Bärbel Höhn, Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, bereits in ihrer Kindheit von den Gefahren der Nordsee geprägt worden. Sie ist in Flensburg groß geworden und hat die große Sturmflut in Wilhelmshaven miterlebt. Später war sie im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Dort wären die Folgen eines über die Ufer tretenden Flusses aufgrund der Kohleabbaugebiete und Chemiebetriebe sehr dramatisch. Aus diesem Grund wurde viel gebaut und gesichert. Bärbel Höhn sieht, dass in Deutschland mit einem großen Investitionsprogramm schon viel geleistet wurde.

Auf die Frage, wie sich Sturmfluten in Zukunft entwickeln werden, antwortete Ralf Weisse vom Institut für Küstenforschung, Helmholtz-Zentrum Geesthacht, Zentrum für Material- und Küstenforschung: "Sturmfluten laufen heute höher auf." Um deutlich zu machen, was das Problem ist, wenn das Ausgangsniveau für Sturmfluten steigt, führte er das Bildnis eines Kindes in der Badewanne an. Möchte das Kind mit Wellen Wasser aus der Wanne spritzen, passiert das bei gleicher Aktivität deutlich häufiger, wenn das Wasser schon kurz unter dem Rand steht.

Die Frage, wie sich Küstenregionen technisch vorbereiten können, beantwortete Fokke Saathoff, Leiter des Lehrstuhls für Geotechnik und Küstenwasserbau an der Universität Rostock. Kritisch sind die geschützten Bereiche der Flachküste. "Die gesamte Küstenregion zu schützen würde sehr viel Geld kosten. Am Ende wäre es aber immer noch billiger als die Folgekosten, die durch zukünftige Sturmfluten entstehen", so Saathoff. Bärbel Höhn sieht das im Grunde genauso, wies aber auf die Zwänge hin, mit denen die Politik umgehen muss: "In der Politik schauen wir, wo sind die Löcher und wie können sie gestopft werden. Wir stopfen die größten Löcher." Sie wies darauf hin, dass an der Planung etwas geändert werden muss. Diese Planung müsste Legislatur- und Fraktions-übergreifend erfolgen. Da es ein langfristiges Problem ist, sagt man gern: "Ach, hat ja noch Zeit." Mit Themen wie Klimawandel, den die Grünen sich bei der letzten Bundestagswahl sehr bewusst in das Zentrum des Wahlkampfes gestellt hatten, ließe sich bei den Wählern kaum punkten. Andere Themen, etwa die Flüchtlingsproblematik, erscheinen wohl vielen Bürgern relevanter. Dabei hängen beide zusammen. Der Klimawandel führt langfristig zu mehr Flüchtlingen.

Fehlt es also in der Bevölkerung schlicht an Wahrnehmung für das Ausmaß der Bedrohung? "Das letzte Hochwasser, das an der Küste Menschleben gekostet hat, war 1962", so Weisse. Das Bewusstsein für das Risiko schwinde in der Bevölkerung schon ein Stück hinter dem Deich. Beim Thema Flüsse passiere mehr. Im internationalen Vergleich steht Deutschland nach Ansicht von Karen Wiltshire allerdings gar nicht so schlecht da. "Aber andere Länder können sich das nicht leisten oder haben räumlich nicht den Druck. In Irland und Amerika zieht man einfach um, wenn die Küsten sich verschieben."

Der Klimawandel verändert die Lebensräume an der Küste. In der Nordsee gibt es heute die Pazifische Auster massenhaft. Der Bestand der Miesmuschel ist zunächst zurückgegangen und hat sich mit einer angepassten Lebensform deutlich erholt. Auch als Menschen müssen wir uns den Veränderungen anpassen und überlegen, wie wir zum Beispiel unsere Ernährung darauf einstellen. Für das Zusammenspiel von Industrie und Meer arbeiten Ralf Weisse und seine Kollegen mit den Schiffahrt- und Offshore-Unternehmen zusammen. Sie beraten die Unternehmen zu den Umweltbedingungen und untersuchen den Einfluss der Fischer und Windanlagen auf die Umwelt.

Ein Hindernis beim Thema Klimawandel taucht immer wieder auf: Für Viele sind andere Probleme drängender als die Ursachen und Folgen des Klimawandels. Wer Hunger hat, interessiert sich nicht für einen Deich oder dafür, was die Rodung von Wäldern anrichtet. Eine wichtige Botschaft des Abends lautete: Man muss sofort an den Ursachen für den Klimawandel arbeiten und sich auf die Folgen vorbereiten. Nur mit den Folgen umzugehen, wird deutlich teurer.

Stimmen der Diskutanten

29.06.2017, Lydia Strutzberg
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