Plastikmüll

Beifang mit Todesfolge

Plastikmeer - Immer mehr Kunststoffabfälle belasten die Meere und die dort lebenden Organismen. Bild: Jurgen Freund/Nature Picture Library/Corbis

In den Weltmeeren schwimmen viele Millionen Tonnen Plastikmüll. Doch welche verlässlichen Daten gibt es dazu? Die Plattform „Litterbase“ des Alfred-Wegener-Institutes in Bremerhaven macht erstmals die bestehende wissenschaftliche Literatur zur Abfall-Belastung der Ozeane zugänglich.

Eine Schildkröte, hoffnungslos verheddert in den Resten eines Fischernetzes; Seevögel, mit vollem Magen verhungert: Sucht man im Internet nach Bildern zum Stichwort „Meeresmüll“, findet man die hässliche Seite des globalen Konsumverhaltens. Ihre Widerstandsfähigkeit macht Kunststoffe für viele Anwendungen interessant, bei der Entsorgung wird sie aber zum Problem. Herkömmliche Kunststoffe verrotten kaum, sondern verbleiben über einen sehr langen Zeitraum in der Umwelt. So schwimmt zum Beispiel eine Einweg-Plastikflasche bis zu 450 Jahre lang im Meer, wie eine Statistik des Umweltbundesamtes zeigt. Bestenfalls Witterung und Abrieb vermögen, das Material langsam zu zersetzen . Was dann entsteht, wird Mikro-, beziehungsweise ab einem Durchmesser von weniger als 100 Nanometer, Nanoplastik genannt. Diese winzigen Plastikteilchen finden sich im Sand an Stränden und im freien Wasserkörper – mit bisher unklarer Auswirkung auf Natur und Mensch.

„Vom meisten Müll, der in die Meere gelangt, wissen wir aktuell aber überhaupt nicht, wo er ist“, erklärt Lars Gutow vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Der Biologe hat gemeinsam mit seinen Kolleginnen Mine B. Tekman und Melanie Bergmann das Portal „Litterbase“ ins Leben gerufen, in dem die Erkenntnisse aus 1309 wissenschaftlichen Studien zusammengetragen sind. Die bewusst schlicht gestalteten Karten und grafischen Analysen informieren darüber, welche Arten von Müll geografisch wie verbreitet sind und welche Lebewesen von Begegnungen mit Müllteilen betroffen sind. Sie zeigen aber auch, wo Schwerpunkte der bisherigen Untersuchungen liegen und welche Regionen weitgehend „blinde Flecken“ sind. Davon profitieren andere Wissenschaftler, die sofort sehen, welche weiteren Untersuchungen gebraucht werden, aber auch Journalisten und politisch Verantwortliche greifen auf die „Litterbase“ zurück, weiß Lars Gutow.

Während in der Nordsee 70 Prozent des aus Schleppnetzen geborgenen Unrats seinen Ursprung in Fischerei und Schifffahrt hat, kommt global gesehen der größte Teil des Meeresmülls vom Land. Ein Verbreitungsschwerpunkt liegt im Pazifik. Im südostasiatischen Raum, aber auch andernorts auf der Welt, übersteigen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum die Kapazitäten der Transport- und Entsorgungsinfrastruktur bei Weitem. Dadurch gelangt Abfall unkontrolliert in die Umwelt und wird durch Wind verdriftet oder über die Flüsse zum Meer hingespült. Entlang der Strömungsäste und in der Nähe von Strudeln kommt es dann zu regelrechten „Müllinseln“ im freien Wasser. Jenna Jambeck von der University of Georgia und ihr Team haben berechnet, dass jährlich zwischen fünf und 13 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane gelangen. Laut Forscher Mark Lenz vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozenanforschung in Kiel sind aber nur rund 250 000 Tonnen an der Oberfläche sichtbar. Wohin „verschwindet“ der Rest? Ein Großteil sinkt höchstwahrscheinlich auf den Meeresgrund ab, vermuten die Forscher. Dort wird er mit der Zeit von Sediment bedeckt und wartet darauf, von zukünftigen Generationen als bizarre Fossilien geborgen zu werden.

Völlig unklar ist bisher, welche Bedeutung die Verschmutzung für die Lebensräume im Meer hat. Dass sich Tiere mit Seil- und Netzstücken strangulieren, Plastikfolie an ihre Jungen verfüttern und in schwimmenden Tüten stecken bleiben, ist das eine. Ob sich das aber auf die Bestände der jeweiligen Arten auswirkt, ist überhaupt nicht untersucht. Noch schwieriger wird die Situation beim Mikro- und Nanoplastik. Diese Teilchen werden zum Beispiel von Muscheln und Kleinkrebsen aus dem Wasser gefiltert und blockieren dann deren Verdauungsorgane. Werden diese Tiere dann von anderen gefressen, wandert das Plastik Stufe für Stufe die Nahrungskette hinauf. Nanoplastik hat sogar das Potenzial, in Körperzellen einzudringen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das keinen Effekt auf das Ökosystem hat", sagt der Biologe Lars Gutow. Aber wissenschaftliche Daten gibt es dazu nicht, zumal der Müll neben Klimawandel, Überfischung und Erwärmung nur einer von vielen Stressoren ist, mit denen die Organismen zurechtkommen müssen. Die Auswirkungen der Fremdkörper im Meer auf Lebensraum und Mensch werden sich erst mit der Zeit herauskristallisieren.

Was also tun? Es gibt eine Reihe von Initiativen, die versuchen, den Müll wieder aus dem Meer zu holen, aber Lars Gutow ist skeptisch: Um die Belastung spürbar zu reduzieren, müsse man mit schwerem Gerät auf Müllfang gehen, erklärt er. Das richte nur zusätzlichen Schaden an. Und an die kleinsten Plastikteilchen kommt man ohnehin nicht mehr heran. "Noch ist der Zustand der Meere nicht fatal", so die Einschätzung des Biologen. "Die oberste Priorität ist darum, den Eintrag von Müll in die Meere zu reduzieren!" Allein über Regulierung wird das aber nicht gelingen. Der Schlüssel, da ist Lars Gutow überzeugt, liegt darin, das Recycling zu verbessern und dem Müll als Rohstoff einen Wert zu geben. "Wir brauchen einen Markt für den Müll, dann hat niemand mehr ein Interesse daran, ihn ins Meer zu werfen."

Plastikmüll im Meer: Die Lösung liegt in Asien (ESKP)

05.05.2017, Stefanie Geiselhardt
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