Reportage

An den Ufern des Kharaa

Durch die Mitte fließt ein Fluss Der Kharaa in der mongolischen Steppe ist Schwerpunkt der Forschungsarbeiten am UFZ. Bild: André Künzelmann/UFZ

Forschung findet nicht nur in Laboren statt. Manchmal zieht es Wissenschaftler auch nach "Janz Weit Draußen". Unsere Reportage nimmt Sie diesmal mit auf eine Forschungsreise in die Mongolei.

Mongolei, Selenge-Aimag, im September 2016. 250 Kilometer nördlich von Ulan-Bator verliert sich die Piste immer wieder im Steppengras. Dann tauchen auf einmal zwei, drei und mehr Fahrspuren auf. In der mongolischen Steppe fährt jeder, wo er will. Der Fahrer des Landcruisers hat Musik angestellt: „Cheri Cheri Lady“ von Modern Talking.

Nach einer Biegung öffnet sich der Blick in ein weites Tal. Durch seine Mitte fließt in engen Windungen der Kharaa. Diesen Fluss und sein Einzugsgebiet zu erforschen, daran arbeitet Dietrich Borchardt, Leiter des Departments Aquatische Ökosystemanalyse und Management am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), mit seinem Team.

Der Kharaa entspringt in den Khentii-Bergen unweit von Ulan-Bator, etwa 300 Kilometer weiter nördlich mündet er in den Orkhon. Hier an seinem Mittellauf fließt der Kharaa durch offene Steppe. Der Uferbereich gleicht einem schlecht bewässerten Golfplatz: In sanften Wellen fällt das Gelände ab, das braungelbe Gras steht wie gestutzt, bis zur Narbe abgefressen von hunderten Schafen. Auf einer leichten Erhebung hat die Nomadin Tsegii ihre Jurte aufgeschlagen. Gekleidet in einen Deel, den traditionellen Mantel der Mongolen, sitzt sie auf einem struppigen Pferd; das mongolische Wetter hat tiefe Falten in ihr Gesicht geschnitten. 300 Schafe habe sie zu hüten, erzählt Tsegii. Zum Besitz ihrer Familie gehören außerdem 100 Pferde und 50 Kamele. Der Kharaa ist die Tränke für diese Herden.

Seine Wasserqualität schwankt jedoch immer stärker. Das liegt an den wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen, welche die Mongolei derzeit erlebt. In den vergangenen Jahren sind die Viehbestände im Land gewaltig gewachsen. Im Jahr 2003 gab es 25 Millionen Tiere, gute zehn Jahre später waren es knapp 52 Millionen. Überall liegt der Dung der Tiere. Das schlägt auch auf die Wasserqualität durch, sagt Borchardt.

Im Kharaa-Gebiet sind nur etwa 35 Prozent der Bevölkerung an ein Abwassersystem angeschlossen, die Kläranlagen in einem beklagenswerten Zustand. Rund um Darkhan, mit 80.000 Einwohnern die größte Stadt der Region, haben sich Nomadenfamilien mit ihren Jurten niedergelassen. Trinkwasser holen sie mit Kanistern an so genannten Wasserkiosken, die Abwässer landen meist in improvisierten Latrinen. Hier lässt sich modellhaft beobachten, vor welchen wasserwirtschaftlichen Problemen die ganze Mongolei steht.

Das Land träumt wegen seiner riesigen Bodenschätze von einer Zukunft im Wohlstand. Die ausländischen Direktinvestitionen in diesem Bereich machen etwa ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung der Mongolei aus. Mehr als 1.000 Abbau- und 3.200 Schürfrechte hat die Regierung bereits erteilt. Im Kharaa-Gebiet ist es Gold, das internationale Konzerne anzieht. An einem der Kharaa-Zuflüsse betreibt ein kanadisches Unternehmen bereits seit Jahren eine Goldmine, erst kürzlich wurde eine weitere Mine genehmigt. 

„Es gibt hier bereits große Quecksilber-Altlasten durch den Bergbau, diese chronischen Belastungen mit Schwermetallen stellen eine erhebliche Gefährdung der Trinkwasserqualität dar“, sagt Dietrich Borchardt. Die entscheidende Frage für die Zukunft sei, wo man Bergbau zulassen wolle – und wo eben nicht.

Seit 2006 arbeitet Borchardt mit seinem Team an integrierten Wassermanagement-Konzepten für die Region; MoMo nennen sie das Projekt. Die MoMo-Leute haben im Gebiet des Kharaa mehrere Messstationen aufgebaut, die laufend aktualisierte Daten zur Wasserqualität des Flusses liefern. Sie haben die Wasserversorgung in der größten Stadt der Region, in Darkhan, untersucht, und Pilotanlagen zur Abwasserreinigung aufgebaut. Damit wollen sie die Grundlagen für eine nachhaltige Wasserwirtschaft legen. Das ist auch das erklärte Ziel der mongolischen Regierung, die 2013 einen umfassenden Plan zum Wasser-Management für die gesamte Mongolei vorgestellt hat. Unklare Zuständigkeiten und häufige Personalwechsel bei den mongolischen Behörden erschweren aber die praktische Umsetzung.

Das zeigte sich etwa am 19. September 2016 in Ulan-Bator. Im Bauministerium der Mongolei traf sich der Beirat des MoMo-Projekts. Ihm gehörten neben Forschern aus Deutschland zahlreiche Vertreter mongolischer Behörden an – Ministerialbeamte, Vertreter der Lokalverwaltungen, Universitätsmitarbeiter. In dem Gremium sollten wichtige Weichenstellungen für das Projekt diskutiert werden. An diesem Vormittag erschienen jedoch statt der bekannten Projektkollegen reihenweise neue Gesichter. Eine Folge der Parlamentswahlen wenige Monate zuvor: Die neue Regierung hatte nahezu alle Posten im MoMo-Beirat neu besetzt. So extrem war es noch nie“, sagt ein MoMo-Forscher. Das hieß erneut Visitenkarten austau-schen, erneut das Projekt und seine Ziele vorstellen, alles ging wieder von vorne los.

„Integriertes Wassermanagement braucht Zeit, das ist eine Daueraufgabe. Das ist nichts, was man heute anfasst und dann ist es morgen gelöst“, sagt Projektleiter Dietrich Borchardt. Einige Tage später war er erneut am Kharaa unterwegs, weiter flussaufwärts, auf dem Weg zu einer Messstation am Oberlauf. In der Nacht hatte es geregnet. Aus den staubigen Pisten waren tiefe Schlammrinnen geworden. Der Geländewagen kam immer wieder bedenklich ins Rutschen. Weiter bergauf säumten Birkenwälder den Fluss wie in russischen Märchenfilmen; ein herbstliches Leuchten in Gelb und Rot durchzog das Tal. Ein Bild unberührter Natur. Hier in seinem Quellgebiet ist der Fluss ökologisch im Gleichgewicht. Das zeigten auch die Messwerte, sagt Wasserforscher Borchardt. Damit das so bleibe, dafür sei man hier unterwegs.

03.03.2017, Thomas Falkner
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